„Führer und Verführer“ in der ARD
Wie Goebbels die Massen manipulierte
Joachim A. Lang dechiffriert mit seinem Doku-Drama „Führer und Verführer“ die Mechanismen der Propaganda-Strategien von Joseph Goebbels.
© SWR/Zeitsprung/Wild Bunch/Stephan Pick
Josef Goebbels (Robert Stadlober) und Adolf Hitler (Fritz Karl) bei der Filmabnahme.
Von Tilmann P. Gangloff
Der Film beginnt mit einer Frage: „Wissen Sie, wer da spricht?“ Zu hören ist eine praktisch unbekannte Tonaufnahme von Adolf Hitler. Die ruhige Rede unterscheidet sich frappierend vom bekannten Reichsparteitagsduktus aus der Wochenschau. Die öffentlichen Auftritte des Reichskanzlers waren bis ins kleinste Detail geplant, sein Propagandaminister Joseph Goebbels hat nichts dem Zufall überlassen. Diese Strategie will Joachim A. Lang mit „Führer und Verführer“ dechiffrieren.
Der Film, heißt es im Vorspann, durchbreche die Inszenierung und blicke „hinter die Kulissen ins Innere der Macht“. Auf diese Weise will Lang „die Demagogie durchschaubar machen und auch die Hetzer der Gegenwart entwaffnen.“ Die Dialoge basieren zu großen Teilen auf wirklichen Gesprächen. Als Fundus dienten unter anderem die Tagebücher von Goebbels, er ist die Hauptfigur des Films. Dank der immer wieder eingestreuten Off-Zitate überlässt Lang diesem Mann, der Fake News zwar nicht erfunden, aber perfektioniert hat, die Deutungshoheit über die Geschichte des „Dritten Reichs“, doch die besitzt Goebbels ohnehin: weil seine Inszenierungen bis heute das Bild dieser Zeit prägen.
Überlebende des Holocaust sprechen
Überlebende des Holocausts kommen zu Wort
Auch deshalb balanciert der Film, der die Jahre 1938 bis 1945 zusammenfasst, auf einem schmalen Grat. Lang konzentriert sich auf den inneren Zirkel, sämtliche Aussagen bleiben unkommentiert; „Führer und Verführer“ ist wie eine Originalausgabe von „Mein Kampf“, also ohne nachträglich eingefügte wissenschaftliche Kommentare. Allerdings wollte sich der Autor und Regisseur, der zuletzt mit „Mackie Messer“ (2019) den ebenso kühnen wie fulminanten Versuch unternommen hat, Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ als Film im Film zu inszenieren, nicht auf den Selbstentlarvungseffekt verlassen. Aus diesem Grund unterbricht er die Handlung mehrfach, um hochbetagte Überlebende des Holocausts wie Charlotte Knobloch, Leon Weintraub oder die im letzten Jahr verstorbene Margot Friedländer zu Wort kommen zu lassen. Ihre Schilderungen sorgen in Kombination mit Aufnahmen von Erhängungen, Erschießungen oder Leichenbergen dafür, dass das Unvorstellbare fassbar wird. Diese Momente sind nur schwer auszuhalten. Der Rest ist Schauspiel. Robert Stadlober hat sich Goebbels regelrecht einverleibt; der Österreicher trifft den unverkennbaren niederrheinischen Akzent bemerkenswert gut. Ähnlich eindrucksvoll ist Landsmann Fritz Karl als „Onkel Führer“, wie die Goebbels’sche Kinderschar den Diktator nennt.
Als vor gut zwanzig Jahren das NS-Drama „Der Untergang“ ins Kino kam, gab es unter anderem eine Kontroverse über die Frage, ob es legitim sei, den größten Verbrecher der Geschichte von seiner menschlichen Seite zu zeigen.
Lang tut das auch: Hitler mit Hund, Hitler beim Vertilgen von Sahnetorte, Hitler als Paartherapeut, weil sich das Ehepaar Goebbels (Franziska Weisz spielt die Gattin) entfremdet hat, aber als Vorzeigefamilie des Reichs den Schein wahren soll. Doch das sind nur Randnotizen. Im Zentrum steht stets der feste Vorsatz des Ministers, dem Volk die Politik des von ihm vorbehaltlos verehrten Führers zu verkaufen.
Dem wiederum ist völlig egal, ob ihn die Menschen lieben oder hassen; Hauptsache, sie fürchten ihn. Allerdings verzichtet Lang konsequent darauf, die NS-Köpfe zu dämonisieren. Gerade im Kinofilm werden Hitler und Konsorten zumeist entweder als Psychopathen oder als Witzfiguren dargestellt; in beiden Fällen fällt es leicht, sich von den Massenmördern zu distanzieren. In „Führer und Verführer“ sind Männer wie Heinrich Himmler jedoch keine „Ikonen des Grauens“, sondern Bürokraten des Massenmords.
Effektive Filmtricks in Berichten
Der Film liefert eine schlüssige Antwort
Handwerklich ist der Film ohnehin faszinierend, zumal dem Regisseur und seinem Editor Rainer Nigrelli eine geradezu mustergültige Kombination der Spielszenen mit dem zeitgenössischen Material gelungen ist, darunter auch Amateuraufnahmen von Hitlers Geliebter Eva Braun. Dank dieser Methode kann Lang auf spektakuläre Massenszenen verzichten, die das Budget ohnehin nicht hergegeben hätte.
Der Mehrwert besteht jedoch in der akribischen Entschlüsselung von Goebbels’ Propagandastrategie. Langs Film liefert eine schlüssige Antwort auf die Frage, wie es den Nationalsozialisten gelingen konnte, die Mehrheit der Bevölkerung von ihren Zielen zu überzeugen und ihr sogar den Krieg mit Russland schmackhaft zu machen. Dank der Gleichschaltung der Presse hatte Hitlers „Hexenmeister“ freie Hand. Geschickte Schnittfolgen zeigen, wie ganze Redesequenzen in die Dialoge großer Kinoerfolge wie „Jud Süß“ oder „Kolberg“ einflossen. Mit simplen, aber effektiven Filmtricks wurden in den Wochenschauberichten Kriegserfolge vorgetäuscht. Wenn Goebbels davon spricht, dass man den Menschen eine Lüge nur oft genug erzählen müsse, liegen die Parallelen zur aktuellen rechtspopulistischen Öffentlichkeitsarbeit auf der Hand.
Hier ist der Film zu sehen
Ausstrahlung „Führer und Verführer“ steht in der ARD-Mediathek, die TV-Ausstrahlung folgt am Sonntag, 25. Januar um 23.35 Uhr. Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) hat das Doku-Drama mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnet. Die Jury sah darin einen Film, der „klug und fundiert informiert, um Protesthaltungen oder Indifferenzen aufzubrechen.“
GedenktagAm 27. Januar zeigt das „Erste“ um 20.15 Uhr zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust ein „ARD extra“. Im Mittelpunkt stehen Jüdinnen und Juden und ihr Umgang mit zunehmendem Antisemitismus. Dazu wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Interview erwartet
© SWR/Zeitsprung/Wild Bunch/Stepha
Szene aus dem Film „Führer und Verführer“
© SWR/Zeitsprung/Wild Bunch/Stepha
Szene aus dem Film „Führer und Verführer“
© SWR/Zeitsprung/Wild Bunch/Stepha
Szene aus dem Film „Führer und Verführer“
