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Will „Die reichste Frau der Welt“ betrogen werden?

Manche sind Betrüger, manche wollen betrogen werden. Thierry Klifas Tragikomödie „Die reichste Frau der Welt“ mit Isabelle Huppert geht einem Schmarotzer nach.

Isabelle Huppert spielt Marianne Farrère nach dem Vorbild der realen L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt.

© Neue Visionen/ManuelMoutier

Isabelle Huppert spielt Marianne Farrère nach dem Vorbild der realen L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt.

Von Kathrin Horster

Also wirklich, eine Milliarde? Warum nur hat Marianne Farrère (Isabelle Huppert) sich hinreißen lassen, ihrem Busenfreund Pierre-Alain Fantin (Laurent Lafitte) eine derartig obszöne Summe zu schenken?

Eigentlich ist die Geschichte kein Problem, wäre da nicht die Moral

Wenn Vermögende einsam sind, ziehen sie Schmarotzer an wie Tierkadaver den Schmeissfliegenschwarm, erzählt der Belgier Thierry Klifa in der Milieu-Tragikomödie „Die reichste Frau der Welt“. Eine nicht unbedingt bahnbrechende Erkenntnis, wenn man ehrlich ist.

Spannend wird der Film aber mindestens durch die Mitwirkung der inzwischen 73-jährigen französischen Kino-Ikone Isabelle Huppert in der Titelrolle jener von einem Emporkömmling ausgenutzten Erbin eines Kosmetikkonzerns. Außerdem ist Klifas fiktiver Plot deutlich auf die pikante Bettencourt-Affäre gemünzt, die seit 2008 die französische Öffentlichkeit beschäftigte und 2010 in eine Regierungskrise mündete. L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt, Vorbild für Klifas Protagonistin, hatte nicht nur wie im Film einem Günstling über einen längeren Zeitraum ein Vermögen zugesteckt, sondern auch Nicolas Sarkozys Regierungspartei UMP mit illegalen Spenden bedacht.

Der politische Skandal ist Klifa egal; er verlegt die Handlung in die späten 1980er Jahre und fokussiert die emotionale Abhängigkeit Mariannes von ihrem Freund, den sie als unverschämten und gerade deshalb so anziehenden Fotografen am Set eines Magazin-Shootings kennenlernt. Die Konfrontation der professionellen Geschäftsfrau mit dem dreisten Künstler ist zunächst reizvoll.

Laurent Lafitte spielt Pierre-Alain Fantin jedoch als aus altmodisch homophober Perspektive gezeichnete Karikatur eines schwulen Mannes und diskreditiert die Figur so zur sinister schillernden, letztlich aber nicht satisfaktionsfähigen Figur, angesichts derer verwundert, dass Marianne ihr so bereitwillig erliegt. Wie der Lebemann die Milliardärin aus der Tristesse ihrer bürgerlichen Verantwortung in die glitzernde Welt seiner Community führt und ihr so neue Lebensfreude schenkt, beobachtet Klifa mit süffisantem Witz. Ansonsten bewegt sich der Film auf Schlingerkurs zwischen knalliger Satire und ernsthaft an den Motivationen seiner Figuren interessiertem Drama.

Kluft zwischen den Klassen und Moralvorstellungen

Mit der Intervention von Mariannes Tochter Frédérique (Marina Foïs) und des streng besorgten Hausangestellten Jerome (Raphaël Personnaz) streift die Erzählung noch den Krimi, wobei sich die Rolle des Dieners als die Spannendste erweist, weil Klifa an ihr die Kluft zwischen den Klassen und Moralvorstellungen demonstrieren kann.

Wer schon länger ins Kino geht, hat Isabelle Huppert vielleicht schon in bösen Milieu-Krimis etwa von Claude Chabrol erlebt, mit ihren bitteren Einsichten in soziale Hierarchien und Abhängigkeitsverhältnisse.

Klifa drückt sich dagegen um eine klare These, verortet die Freude an Mariannes und Pierre-Alains Zweckbeziehung diplomatisch auf beiden Seiten, während das Publikum mit den brüskierten Angehörigen vor Ekel schäumt. Auf gemeine Weise ist das dann doch wieder lustig.

Die reichste Frau der Welt. Frankreich 2026. Regie: Thierry Klifa. Mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte. 123 Minuten. Ab 12 Jahren

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Erstellt:
22. April 2026, 15:10 Uhr

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