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„Wir öffnen Kasse zwei für Sie“

Frank Fischer beendet das Sommerpalast-Bergfestival im Park am Hohenstein in Murrhardt. Ein Comedian mit großer Stärke für Improvisation.

Frank Fischer findet vieles auf dieser Welt „meschugge“. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Frank Fischer findet vieles auf dieser Welt „meschugge“. Foto: J. Fiedler

Von Carmen Warstat

MURRHARDT. Mit des „vorpalastlichen“ Aristoteles’ Erkenntnis, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile, charakterisiert und würdigt Organisator Hardy Wieland das Projekt Sommerpalast-Bergfestival, mit dem er eine Alternative zum legendären Murrhardter Zeltfest schuf, trotz Corona Kultur nach Murrhardt holte und dabei gleich ein ganz neues Konzept etablierte. Es hat sich bewährt, die Künstler und Gäste an idyllische Orte in der Natur rund um die Walterichstadt einzuladen, und so fällt das Resümee nach der vierten und letzten Veranstaltung dieses Sommers positiv aus. Zu danken ist der Erfolg einem rührigen Team, das die außergewöhnlichen Events perfekt, wie auch der Comedian Frank Fischer lobt, und mit großer Liebe zum Detail gestaltete. Auf der Parkwiese unter alten Bäumen mit einem grandiosen Blick auf die Stadt sieht man auch an diesem Abend viele bekannte Gesichter, denn wer dieses Ambiente einmal erlebt hat, kommt gern wieder.

Frank Fischer ist einer, der zuhört. In Bus und Bahn, im Flugzeug oder im Café – immer spitzt er die Ohren, und oft schreibt er mit, was die Leute so von sich geben. Er hat gelernt, die Welt ist „meschugge“. Der jiddische Begriff steht umgangssprachlich für verrückt, nicht bei Verstand, und als Showtitel programmatisch für Fischer. Der schüttelt den Kopf und reiht eine Skurrilität an die andere. „Nur Deppen unterwegs“, findet er. Einfach überall. Er hat eine Menge Tipps auf Lager, die verraten, wie man sich das Leben in dieser verrückten Welt erleichtern kann. Den Satz „Wir öffnen Kasse zwei für Sie“ aufnehmen und bei Bedarf im Supermarkt abspielen. Wenn man im Restaurant befremdlicherweise allein am Tisch sitzen muss, einfach ein paar Notizen machen oder von feinen Aromen ins Handy sprechen, kurz: Restauranttester spielen. Meschugge zwar, aber wirksam.

Frank Fischers große Stärke ist die Improvisation. Geschickt und lässig schlüpft er in die gegebene Situation und arrangiert sich mit den Umständen. Irgendwo im Wald fällt ein Schuss? Frank Fischer macht eine kuriose Nummer daraus. Ein Dröhnen über den Wipfeln, ein Hubschrauber, vielleicht eine Drohne? Es klingt auch dies doch ein bisschen beängstigend – Frank Fischer reagiert spontan und mit Witz. Unnachahmlich auch die Begabung des Comedians für Parodien. Fischer beherrscht die Dialekte, Akzente und Eigenarten der Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte in wohl allen deutschsprachigen Regionen, besonders gut das Sächsische. Eine Bahndurchsage kann den Reisenden da schon nachdenklich stimmen, die bayerische Selbstgewissheit aber auch. Und Politik kann er ebenfalls. Fischer parodiert Angela Merkel, er karikiert Andreas Scheuer oder Annegret Kramp-Karrenbauer und kommt dabei meist ohne vernichtende Schärfe aus. Überhaupt ist das Absolute nicht sein Thema. Es ist ihm „völlig wurscht“, ob er als Comedian oder als Kabarettist bezeichnet wird, auch diese Haltung verschafft ihm Sympathien des Publikums. Zu guter Letzt hat er noch einen Tipp parat, der verrät, dass Fischer sich selbst nicht zu ernst nimmt: „Sie finden Ihr Gegenüber meschugge? – Es gibt mindestens einen, der denkt es von Ihnen auch!“

Längst ist es dunkel geworden, die Bäume stehen in mystisch-romantischem Licht, wie im Märchen eigentlich, ein Purpurwald, später wie in die Farbe des Blutes getaucht. Da spricht Frank Fischer über Nationalstolz. Er lässt Arthur Schopenhauer zu Wort kommen, und das ist so gut, dass es zitiert werden möchte: „Die wohlfeilste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt.“ Der Comedian spricht es in stark beschleunigtem Tempo, sodass niemand weiß, ob er Schopenhauers ebenfalls brillante Fortsetzung dieser beiden Sätze noch mitnimmt, aber egal. Es zeigt die von Ernst gespeiste Tiefe seines Humors.

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Erstellt:
7. September 2020, 11:30 Uhr

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