„Wir sind unrettbare Optimisten“

Das Theater Rietenau lädt am 19. und 20. Juni unter dem Titel „Sommer-Frische“ zu Theaterspaziergängen durchs Dorf ein. Meist bestreiten immer nur zwei Darsteller die Szenen. Ensembleproben und viele Akteure an einem Spielort sind nicht möglich.

Fritz Bareiß und Silvia Jilg unterhalten sich darüber, wie das Leben so spielt. Szene aus der „Sommer-Frische“. Foto: D. van der Linden

© Dietmar van der Linden

Fritz Bareiß und Silvia Jilg unterhalten sich darüber, wie das Leben so spielt. Szene aus der „Sommer-Frische“. Foto: D. van der Linden

Von Ingrid Knack

ASPACH. Das Theater Rietenau zeigt gemeinsam mit befreundeten Künstlern am 19. und 20. Juni das als Spaziergang konzipierte Programm „Sommer-Frische“. Es besteht aus Theaterszenen, Musik, Poesie, Klassik und einer Ausstellung auf der grünen Wiese mit Skulpturen und Bildern von Heike Lenz-Eckstein.

Lange haben die Theaterleute darauf gewartet, wieder öffentlich spielen zu können. Lea Butsch, von der die Texte stammen und die zusammen mit ihrem Mann Rolf für die Regie verantwortlich zeichnet, erklärt, dass sie zunächst gehofft hatten, im Februar auftreten zu können. „Aber dann war nicht daran zu denken.“ Die Pandemie machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Also dachten sie: „Na ja, im Frühling vielleicht. Dann nennen wir es ,Frühlings Erwachen‘.“ Die Mitspieler bekamen ihre Texte zum Lernen. Doch auch aus dem „Frühlings Erwachen“ wurde nichts. Nun ist es eben die „Sommer-Frische“ geworden, über die sich die Darsteller und die Besucher freuen können.

Heitere Szenen aus dem alltäglichen Leben.

„Natürlich kommen wir um das Thema Corona nicht herum. Allerdings versuchen wir, augenzwinkernd damit umzugehen“, gibt Lea Butsch Einblick in die Thematik, die sich wie ein roter Faden durch die Darbietungen zieht. Und sie verrät schon mal, wie in etwa die Szenen aussehen. Zum Beispiel vertreiben sich zwei Bauarbeiter die Zeit mit einer Art Coronaalphabet. Denn die meisten Menschen haben ihren Wortschatz zwangsläufig in den letzten knapp anderthalb Jahren erweitert. Was durchaus einen komischen Zungenschlag hergibt.

Ein andermal beklagen zwei Damen, dass Kinder kaum mehr draußen spielen. Der Dialog sieht in etwa so aus: „Früher haben die wenigstens mit dem Ball gegen die Garage gedonnert und man konnte sie mal so richtig in den Senkel stellen. Und heute kannst du gar niemanden mehr verschimpfen, weil gar keine Kinder mehr da sind.“ Dann stellen die Rietenauerinnen fest: „Wir sterben aus.“ Der Gedanke wird aber gleich wieder verworfen. Denn jetzt fällt ihnen etwas ein, was dem entgegenspricht. Die Pointe hat das Zeug, beim Publikum ein Schmunzeln hervorzulocken. Die Stückfragmente mit meist nur zwei Darstellern sind der Pandemie geschuldet. Proben eines großen Ensembles sind genauso wenig möglich wie eine Aufführung mit vielen Akteuren an einem Spielort.

Wie man weiß, ist es harte Arbeit, ein Thema so rüberzubringen, dass auch ernste Inhalte mit einer gewissen Leichtigkeit transportiert werden können. Lea Butsch spricht davon, dass dies auch für sie zuweilen eine große Herausforderung war. Manche Szenen, in denen zu viel Blues herüberkam, schrieb sie deshalb wieder um. Und sie sagt: „Für uns war es ein Trauerspiel, so ewig nicht spielen zu dürfen. Es ist schon das zweite Jahr, dass wir so ein zusammengestricktes Programm machen. Zum Glück haben sich noch befreundete Künstler gefunden, die etwas dazu beisteuern.“ Mit dabei sind beispielsweise Simone Alex-Kummer (Gesang), Rebecca Hart (Gesang), Thomas Weber (Kontrabass und Gesang), Hanse Höhn (Drums), Matze Hesser (Gitarre und Gesang) und Sonja Michler (Akkordeon). Allein durch ihre unterschiedliche musikalische Prägung sind verschiedene Genres vertreten. Lea Butsch hat zudem den Folksong „Both sides now“ aus den 1960er-Jahren, den man vor allem von Joni Mitchell kennt, ins Deutsche übersetzt. Butsch zum Inhalt des Songs: „Man muss alles von mehreren Seiten anschauen. Ich finde, das passt gerade.“ Mit der „Sommer-Frische“ will das Theater auch zeigen: „Wir sind da. Wir leben. Wir haben Lust, etwas zu gestalten. Wir sind unrettbare Optimisten. Wir wollen die direkte Begegnung. Allen steht das digitale Erlebnis bis zur Unterlippe. Hier ist das echte.“

Dafür nehmen die Theaterleute auch all die Beschwernisse in Kauf, die mit den gebotenen Hygieneauflagen verbunden sind. „Man muss alles ausmessen. Wir sind schon zigmal wegen der einzuhaltenden Abstände mit dem Meterstab rumgelaufen.“ Ein Eintritt wird nicht verlangt, was ebenfalls eine Coronaschutzmaßnahme ist. Am Schluss eines jeden Spaziergangs können die Besucher eine Spende in ein Milchkännchen werfen. Schon im vergangenen Jahr hatte das Theater Rietenau einen Spaziergang mit Szenen angeboten, die nicht wie in den Jahren zuvor eine zusammenhängende Geschichte erzählen – „Lebenszeichen“ war der Titel. Mit der „Sommer-Frische“ reagiert es nun auf die etwas veränderte Situation im Gegensatz zum ersten Coronajahr: „Es ist schon hoffnungsvoller, wir haben einen Impfstoff, wir haben eine Perspektive. Wir hoffen schon, dass der Sommer ganz frisch wird und uns die beschworene Normalität beschert.“ Dann müssen Jakob und seine Frau wie in einer der Szenen vielleicht auch nicht mehr im Wohnwagen vor ihrem Haus eine Auszeit nehmen, wenn ihnen nach einem Tapetenwechsel ist.

Beginn der Aufführungen ist am 19. und 20. Juni jeweils um 16, 16.30 und 17 Uhr. Wegen der großen Nachfrage gibt es am Sonntag, 20. Juni, einen zusätzlichen Termin um 17.30 Uhr. Anmeldungen sind über die Homepage www.rietenauer-huk.de möglich.

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Erstellt:
10. Juni 2021, 06:00 Uhr

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