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Wohnheim, Lazarett, Lager und Jobcenter

Blick in das Archiv von Peter Wolf: Das Marienheim der Spinnerei Adolff aus dem Jahr 1907 diente unterschiedlichen Zwecken.

Bewohnerinnen im Aufenthaltsraum in den 1950er- oder 1960er-Jahren.

Bewohnerinnen im Aufenthaltsraum in den 1950er- oder 1960er-Jahren.

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. In der Zeit der Industrialisierung zog es viele Menschen mit der Aussicht auf Arbeit in die Städte. Die Spinnerei Adolff bot im Gegensatz zu anderen Fabriken wie etwa in der Gerberei auch Frauen Arbeitsplätze. 1907 ließ Firmenchef Eugen Adolff senior ein Wohnheim zur Unterbringung auswärtiger Mitarbeiterinnen bauen. Es wurde Marienheim nach dem Vornamen seiner Ehefrau Maria benannt. Im Erdgeschoss befand sich eine große Werkskantine. Die Zimmer in den oberen Stockwerken waren Zwei- oder Mehrbettzimmer für die Arbeiterinnen.

Während des Ersten Weltkriegs wurde das Marienheim zum Lazarett für verwundete Soldaten umfunktioniert. In der Backnanger Stadtchronik, die 1991 vom Niederland-Verlag Helmut Michel in Zusammenarbeit mit der Stadt Backnang herausgegeben wurde, ist angegeben, dass am 30. August 1915 in Backnang 84 verwundete Soldaten eintrafen, die im Bezirkskrankenhaus, Bahnhofstraße 4, und im zum Lazarett umfunktionierten Marienheim untergebracht wurden.

Ein Foto, das am 3. April 1916 als Feldpost aus Backnang an die 54. Reservedivision verschickt wurde, zeigt Soldaten mit Krankenschwestern, die sich zum Gruppenbild vor dem Marienheim aufgestellt haben. „Geht mir wieder ganz gut“, ist die erfreuliche Nachricht auf der Rückseite der Postkarte. Von einem Postkartensammler hat Peter Wolf die Karte für sein Archiv zur Verfügung gestellt bekommen.

Das Marienheim diente im Zweiten Weltkrieg als Lager für Zwangsarbeiter, heißt es im Backnang-Lexikon. In der Stadtchronik ist vermerkt: „April/Mai 1945: Die amerikanische Besatzungsmacht gibt das Werk der Firma J.F.Adolff AG den Fremdarbeitern aus Russland und Polen für drei Wochen zur Plünderung frei. Es wird großer Schaden angerichtet“, hat Wolf recherchiert.

Nach dem Krieg wurden auch Arbeiterinnen aus südeuropäischen Ländern wie Italien, Spanien, Portugal oder Griechenland angeworben und im Marienheim untergebracht. Auf einem Foto ist eine Bewohnerin zu sehen, die sich in ihrem einfach möblierten Zimmer mit Stickarbeiten beschäftigt. Aufwendig hochtoupiert ist ihre Frisur, sodass sie fast an einen Bienenstock erinnert. Längst vergangene, kuriose Modetrends werden manchmal durch die Fotos in Erinnerung gerufen. Eine andere Aufnahme zeigt eine Gruppe junger Frauen in adretten Kleidern im Aufenthaltsraum des Marienheims. Mit dem Blättern in Illustrierten oder Handarbeiten vertrieb man sich die Zeit. Auch ein Radio gab es zur Unterhaltung.

Auf die Innenaufnahmen ist Peter Wolf in den 1990er-Jahren durch Zufall gestoßen. Als der Fotodesigner in einem Gebäude der ehemaligen Spinnerei Räume für ein Fotostudio anmietete, war ein Zimmer noch voller Akten, blickt Wolf zurück. In den Unterlagen, die entsorgt werden sollten, stieß er auf die alten Fotos. Obwohl er sich damals noch nicht mit der Historie Backnangs beschäftigte, hob er die Bilder auf. „Als Zeitdokumente fand ich sie hochinteressant“, sagt er heute. „Mich faszinieren nun mal alte Fotos.“ Als er später mit der Techniksammlung Backnang in Kontakt kam, übergab er die Aufnahmen dem Museum.

Innenaufnahmen entstanden wohl für die Hauszeitschrift der Firma.

Wann genau die Bilder aufgenommen wurden, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Eine Einordnung in die 1950er- oder 1960er-Jahre kann nur aufgrund der Frisuren- und Kleidermode erfolgen. Die Innenaufnahmen wurden wahrscheinlich für die Hauszeitschrift „Werk und Feierabend“ der Spinnerei Adolff gemacht, vermutet Peter Wolf. Mit ziemlicher Sicherheit seien die Bilder von einem Fotografen aufgenommen und die Szenen, die zufriedene, hübsch herausgeputzte Arbeiterinnen zeigen, gestellt.

Nach der Schließung der Spinnerei 1989 waren in dem Gebäude zunächst Aus- und Übersiedler aus der ehemaligen Sowjetunion untergebracht, informiert das Backnang-Lexikon weiter. Heute befindet sich im ehemaligen Marienheim im Roßlauf 1 die Geschäftsstelle Backnang des Jobcenters Rems-Murr. Von der Straße „Spinnerei“, die in Richtung Steinbach führt, zweigt eine Sackgasse mit dem Namen „Beim Marienheim“ ab.

Ein typisches Zimmer. Manchmal hilft bei der zeitlichen Einordnung die Kleider- oder Frisurenmode.

Ein typisches Zimmer. Manchmal hilft bei der zeitlichen Einordnung die Kleider- oder Frisurenmode.

Im Ersten Weltkrieg wurde das Marienheim als Lazarett umfunktioniert. Die Aufnahme von 1916 wurde als Feldpostkarte verschickt. Repros: P. Wolf

Im Ersten Weltkrieg wurde das Marienheim als Lazarett umfunktioniert. Die Aufnahme von 1916 wurde als Feldpostkarte verschickt. Repros: P. Wolf

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Erstellt:
28. Mai 2020, 11:30 Uhr

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