Wortfeuerwerk mit Witz und Tempo

Helge Thun, der „Held der Komik“, zeigt in der Gruschtelkammer Wortspielereien und Zaubertricks. Ein gelungener Abend in der Auenwaldhalle. Kleinkunstbühnenchef Charley Graf lädt zudem zum Auftritt von Christoph Sonntag am 26. Januar ein.

Flinke Finger und Wortgewitter treffen bei Helge Thun aufeinander. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Flinke Finger und Wortgewitter treffen bei Helge Thun aufeinander. Foto: A. Becher

Von Simone Schneider-Seebeck

Auenwald. Er steht noch gar nicht auf der Bühne und bringt das Publikum schon zum Lachen – mit dem akribischen und gar akrobatischen Waschen der Hände: Ein kurzer Einspieler zeigt Helge Thuns Hände im Waschbecken. Sorgfältig werden sie eingeseift, jeder Finger aufs Gründlichste behandelt, fast schon bekommt man Angst, dass die kunstvollen Verrenkungen ein schlimmes Ende nehmen könnten. Doch nein, ein Knacken – aua! – und alles sitzt wieder. Im Laufe des Abends erkennt man, warum der Wahltübinger seine Finger mit solcher Fürsorge behandelt. Sie wollen gepflegt und gehegt werden, ihre Geschmeidigkeit verblüfft bei Zaubertricks.

Doch zuallererst ist Helge Thun ein Sprachzauberer. Gut gelaunt betritt er die Bühne und strahlt in den Saal, in dem die lauschigen Zweiertische fast vollständig besetzt sind: „Ich bin diese Menschmassen gar nicht mehr gewohnt!“ Vor allem in Autokinos sei er in der jüngeren Vergangenheit aufgetreten, doch dieser Erfahrung konnte er einiges Positives abgewinnen: „Diese Auftritte haben mich gelassener gemacht. Seit Lichthupe für mich Applaus bedeutet, fahre ich entspannt mit 80 auf der linken Fahrspur und bade im Applaus.“

Gedanken über den Heldenbegriff und ein geschichtlicher Schnelldurchgang

Doch warum Held der Komik? Als Kind sei ihm bereits aufgefallen, dass Helge Thun so ähnlich klinge wie „Heldentum“. Welch eine Erwartungshaltung für einen kleinen Jungen. So sinniert er weiter über den Begriff des Helden und schlägt einen Bogen von der Antike bis zur Neuzeit. Wer ist denn heutzutage, im post-heroischen Zeitalter, am besten geeignet, diese Funktion auszufüllen? Für Thun ganz klar – der Post-Bote. Ein erstes Beispiel für seine geschwinden Wortspielereien, die im Laufe des vergnüglichen Abends wie ein Wortwolkenbruch auf das begeisterte Publikum einprasseln. Manches so schnell, dass es dann doch einige Augenblicke dauert, bis man die Begriffsakrobatik entschlüsselt hat. Doch Thun ist gnädig, er hilft gern etwas nach. In seiner Kindheit und Jugend, so berichtet er, war er auf der Suche nach der passenden Heldenrolle für sich. Vielleicht der Titelheld einer Erzählung? „Der muss eigentlich nichts können und alles dreht sich um ihn. Das kann ich“, verrät seine Motivation, in Tübingen Literatur zu studieren. Naja, und natürlich die hervorragende Frauenquote. Auch das Theater bietet Heldenrollen für jede Situation. Allerdings, so lernt man bei seinem Auftritt, hat nicht jede auch eine klangvolle Bezeichnung. Der jugendliche Held klingt draufgängerisch, aber wer möchte schon als Knallcharge bezeichnet werden? Dann doch lieber „Held der Komik“. Dabei kommt dann wieder die Vorliebe für die Literatur in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen zum Vorschein. Kein Wunder, dass Thun Robert Gernhardt als Worthelden für sich entdeckt hat, der eine besonders raffinierte Art der Dichtung erfunden hat: „Bilden Sie einen Satz mit...“ Eine Glanzleistung, die besondere Herausforderung mit gleich zwölf Begriffen. Doch der Künstler verwandelt diese Herausforderung gekonnt in einen Mehrzeiler, der mit Beifall und Gelächter belohnt wird. Bescheiden meint er nur: „Ja, der Applaus war gerechtfertigt.“

Doch Helge Thuns Auftritt ist nicht nur etwas für die Ohren, auch zu sehen gibt es einiges. Da treffen Wortgewitter und flinke Finger aufeinander, wenn er lässig einen Seiltrick vorführt und dabei in Reimen spricht. Oder mit einem Kartentrick erstaunt, in den er nur zu seinem Vergnügen doppelt so viele Heimlichkeiten eingebaut hat wie eigentlich in die Ursprungsversion gehören. Zwischendurch laufen Gedichtanimationen über eine Leinwand, mit Wörtern, die mal gedreht sind, mal von oben, mal von der Seite über den Schirm laufen. Er redet schnell und viel, bringt eine überraschende Pointe nach der anderen, bildet einen steten Strom an Schlagfertigkeit und Wortspielen, etwa mit einem Gedicht, in dem nur Wörter mit dem Vokal „u“ auftauchen. Oder verkündet lokale Nachrichten in Gedichtform.

Die Pandemie hat er künstlerisch verarbeitet, selbstredend, die Querdenker-Bewegung hat ihn zu einem Rap inspiriert, einem Beziehungsgespräch mit der Realität, wie er es nennt. Ganz am Ende schlägt er wieder den Bogen zum Heldentum und bekennt: „Mein Opa ist mein Held.“ Denn er habe es geschafft, wildfremde Menschen mit nur einem Satz zum Lachen zu bringen. „Das war wie Zauberei.“ Diesem Helden nachzueifern, das ist ihm an diesem Abend ganz sicher gelungen.

Karten für Christoph Sonntag gibt es bis 23. Januar

Schwäbisches Kabarett Der wohl bekannteste schwäbische Kabarettist, Christoph Sonntag, gehört von Beginn an zur Geschichte der Gruschtelkammer. Nun tritt er dort wieder am 26. Januar um 20 Uhr auf. Einlass ist ab 19 Uhr. Seit 1994 hat Sonntag alle seine Kabarettprogramme in Auenwald gezeigt. Seit 28 Jahren ist er dort Stammgast und gehört schon fast zum Inventar. Im Jahr 2019 hat er es mit Veranstaltungen etwas ruhiger angehen lassen und ist stattdessen um die Welt gereist. Und davon kann er was erzählen. Der wilde Süden Deutschlands ist erfolgreich und einzigartig. Trotzdem sagt der Burladinger, wenn er im Ausland gefragt wird, wo er denn herkommt: „Near Munich!“ Wer könnte das ändern, wenn nicht Christoph Sonntag? Er hat die Lösung parat – und sie heißt wie sein Programm: Wördwaid. Denn Sonntag ist sich sicher: In zwei Jahren wird die ganze Welt Schwäbisch sprechen. Für diese wahnwitzige These hat der Schwabenbotschafter das SWR-Land verlassen und rund um den Globus mutige Auswanderer ausfindig gemacht, die den schwäbischen Lifestyle irgendwo auf der Welt implantiert haben.

Online-Reservierung Karten zum Preis von 30 Euro (zuzüglich Vorverkaufsgebühr) gibt es nur online bis 23. Januar unter www.gruschtelkammer.de Es gilt die 2-G-plus-Regel.

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Erstellt:
21. Januar 2022, 06:00 Uhr

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