„Ku’damm 77“ im ZDF

Zeitreise zu den Frauen der Siebziger – So ist die „Ku’damm“-Fortsetzung

Die „Ku-damm“-Saga geht weiter, die Schöllack-Frauen sind wieder da – und mit ihnen aufkeimende Emanzipation, Drogenkonsum und Discofieber der 1970er Jahre.

Bunt, weiblich und streng: Die Serie „Ku’damm 77“

© ZDF/Benjamin Wachenje

Bunt, weiblich und streng: Die Serie „Ku’damm 77“

Von Ulla Hanselmann

Das Haus der Tanzschule Galant am Kurfürstendamm im Jahre 1977 ist weiter fest in weiblicher Hand. Drei Generationen des Schöllack-Clans wohnen hier inzwischen: Familienoberhaupt Caterina, ihre beiden Töchter Monika und Helga und die Enkelinnen Dorli und Friederike. Eva, die dritte Tochter Caterinas, hat eine andere Adresse. „Die lebt schon lange im Ausland“, reagiert die scheinheilige Matriarchin Außenstehenden gegenüber auf Nachfragen. Eine Haftanstalt, in der Eva (Emilia Schüle) wegen Totschlags ihres Gatten einsitzt, passt nicht ganz zum Selbstbild der dem schönen Schein verpflichteten Tanzschulgründerin.

Deutsche Nachkriegsgeschichte aus weiblicher Perspektive zu erzählen, das hat sich Annette Hess, das Mastermind hinter der erfolgreichen „Ku’damm“-Serie des ZDF, von Anfang an vorgenommen und dabei vor allem das Mutter-Tochter-Verhältnis in den Blick genommen. In den drei Vorgänger-Staffeln (1956, 1959, 1963) spielten Männer freilich einen existenziellen Part im Leben der Schöllack-Damen. Ein Dasein ohne Mann? Für eine Frau in der Wirtschaftswunder-BRD so sinnlos wie unmöglich.

Jeder Topf braucht einen Deckel, findet Caterina Schöllack immer noch

Doch das Schicksal hat Caterina & Co. die Männer genommen. Entweder sind sie gestorben, oder sie haben sich auf irgendeine andere Weise davon gemacht, zu anderen Frauen, zu anderen Männern. Aber natürlich mischen sich noch genügend Exemplare in ihr Leben. Im Saga-Teil Nummer vier (ZDF, 12. bis 14. Januar, jeweils 20.15 Uhr), die das ZDF im Streaming als Sechser-Pack anbietet, wird schnell klar: Die Befreiung aus der männlichen Bevormundung, die weibliche Selbstermächtigung finden am Ku’damm – wie überhaupt im Deutschland der Siebziger – eher zögerlich statt.

Für Caterina (Claudia Michelsen) bleibt eine Frau nur dann vollständig, wenn sie einen Ehering am Finger trägt. Jeder Topf braucht einen Deckel, das ist auch das klar definierte Ziel ihres „Anbahnungs-Tanztees“. Ihre mannlose Tochter Helga bugsiert sie kurzerhand als Ersatztänzerin aufs Parkett, hinein in die Arme eines vielversprechenden „ einsamen Herzens “.

Helga (Maria Ehrich) kann sich am allerwenigsten vom Vorkriegs-Rollenmuster lösen, die Schmach ihrer gescheiterten Ehe mit dem Homosexuellen Wolfgang von Boost (August Wittgenstein), der zu seinem Geliebten nach Ost-Berlin floh, sitzt tief; ihr Unglück ertränkt sie im Alkohol. Umso mehr kann sie es kaum fassen, als der Zahnarzt Hannes (Florian Stetter) um sie wirbt. „Ein Haus in Dahlem, ein Boot auf dem Wannsee, Zahnarzt, kein Bauch.“ Mutter Caterina ist zufrieden. Ob der Mann aber tatsächlich ein Lottogewinn ist, wie sie felsenfest glaubt?

Und Monika (Sonja Gerhardt), die Rebellin von einst, auf der wiederum der Erzählfokus der drei Neunzigminüter liegt? Bei einem Unfall kamen ihr Musikerfreund Freddy, Dorlis Vater, und die Tochter, die sie mit dem Industriellensohn Joachim Franck hatte, ums Leben, weshalb sie mit Dorli (Carlotta Bähre) wieder bei Caterina eingezogen ist. Ihre nicht erfüllten Träume von Erfolg und Selbstverwirklichung projiziert Monika nunmehr auf ihre Tochter, die sie trainiert und in die höchsten Wettkampfklassen führen will. Als Dorli einen fatalen Ausweg aus dem Leistungsdruck sucht, muss Monika erkennen, dass sie wie ihre dominante Mutter geworden ist – was sie nie wollte.

Drogenkonsum Discofieber, Punk

Die Epoche der Siebziger ist von Aufbruch bestimmt. Alte Rollenbilder werden abgestreift, doch das Patriarchat zeigt enorme Beharrungskräfte, die auch den Konflikt der Generationen bei den Schöllacks anheizen. Es war eine aufwühlende Zeit: Kriegsgefahr, RAF-Terror, Drogenkonsum, Discofieber, Punk. Annette Hess wirft alles in einen Topf, rührt ihre Figuren hinein. Was sie und ihr Regisseur Maurice Hübner am Ende servieren, ist nicht gerade fein abgeschmeckt. Ihr buntes Allerlei schmeckt aber trotzdem ganz ordentlich nach dem Lebensgefühl der damaligen Zeit.

Helga muss sehr schmerzhaft den Preis für ihre Unselbstständigkeit bezahlen. Ausgerechnet ihre Tochter Ricky ist es, die in „Ku’damm 77“ für die allmählich erstarkende Emanzipation steht. Ironischerweise wird ihr Drang nach Befreiung anhand eines Berufswunsches transportiert, der in damaligen Zeiten eher für Repression steht: Friederike ist fest entschlossen, die erste Polizistin Berlins zu werden. Witzig, selbstbewusst, lebensfroh, schlagfertig, kämpferisch – Marie Louise Albertine Becker verkörpert diese Ricky hinreißend authentisch, eine Entdeckung! Eva (Emilia Schüle) kommt aus dem Gefängnis frei, die Anerkennung ihrer Mutter, nach der sie sich so sehr sehnt, wird ihr aber erst zuteil, als sie dieser aus einer existenziellen Patsche hilft. Ihre Außenseiterrolle zeichnen Buch wie auch Kostüm (plötzlich trägt sie eine wilde Lockenmähne) in allzu grellen Farben.

Hess und ihr Team deklarieren die ersten drei Staffeln zu einer „in sich abgeschlossenen Trilogie“ – die vierte Staffel solle „neu und anders werden“. O-Ton Hess: „Ich wollte buchstäblich so nah wie noch nie an die Charaktere heran.“ Dafür erfindet sie die Figur der schwarzen Journalistin Linda Müller (Massiamy Diaby), die einen Dokumentarfilm über die Familie Schöllack drehen will und den Mitgliedern in allen Lebenslagen Mikro und Kamera vors Gesicht hält. Hess will in dem dramaturgischen Kniff „neue Möglichkeiten für Humor, Emotionalität und Nahbarkeit“ erkennen. Die Selbstreflexionen vor Lindas Kamera bringen zwar krisselige Doku-Atmo in den Mehrteiler und bieten mal entlarvende, mal amüsante Einsichten ins Figureninnere. Aber der dokumentarische Blick wirkt auch unangenehm konstruiert, weil Linda in den privatesten Situationen mit ihrer Filmkamera aufkreuzt. Und so sagt einem der Zuschauerinstinkt sofort, dass mehr hinter der Neugier der Dokumentarfilmerin stecken muss.

Verdrängte Schuld, grassierender Antisemitismus in „Ku’damm ’77“

Gleichzeitig muss die Figur auch noch den unverhohlenen Rassismus veranschaulichen, den insbesondere Caterina nicht hinter sich lassen kann. Dieses Figuren-als-Themen-Stellvertreter-Prinzip hat Hess auch in früheren Staffeln angewendet, hier setzt sie die Methode ziemlich grobschlächtig ein. Der aus dem Libanon geflohene Oud-Spieler Sharif (Aziz Dyab), mit dessen Hilfe Monika zur Musik zurückfindet, spiegelt das Thema der zunehmenden Zuwanderung. Handwerklich-dramaturgisch auch eher verwegen ist die Rückkehr Sabin Tambreas in den Cast als Bruder von Joachim Franck, der allerdings sein wahres Ich hinter einer neuen Identität als Gymnasiallehrer versteckt.

So entsteht ein arg holzschnittartig zusammengeschustertes Abbild Deutschlands in den Siebzigern – wobei der schwungvolle Soundtrack von Boney M. über Rod Stewart zu Donna Summer und den Talking Heads wie eine Art Glanzlack die schlimmsten Schnitzer übertüncht.

Nicht fehlen darf die mangelhafte Aufarbeitung der NS-Zeit. Verdrängte Schuld, grassierender Antisemitismus treten zutage, als Vertreter der Jewish Claims Foundation am Ku’damm auftauchen und im Auftrag der Nachkommen die Rückgabe der Immobilie fordern. Die glänzend aufspielende Claudia Michelsen, deren Caterina ohne jedes Unrechtsbewusstsein ist, hat hier einige ihrer stärksten Szenen. All dies schmälert aber zweifelsohne nicht den Unterhaltungswert der Zeitreise, auf die man sich mit „Ku’damm 77“ begibt – zurück zu Käse-Igel, Gesichtsbräuner und TV-Testbild.

Ku’damm 77: 12. bis 14. Januar, jeweils 20.15 Uhr, ZDF, und in der ZDF-Mediathek.

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Erstellt:
9. Januar 2026, 09:14 Uhr
Aktualisiert:
9. Januar 2026, 15:57 Uhr

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