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Zwischen Realität und Wirklichkeit

Der Kabarettist Django Asül war Gast der zweiten Folge des Sommerpalast-Bergfestivals 2020. Organisator Hardy Wieland grüßte mit der Erkenntnis: „Im Leben ist nicht die Masse das Maß aller Dinge, sondern der Umfang des Glücks, das einem teilhaftig wird.“

„Lassen Sie auch in Zeiten von Corona mentale Nähe zu“: Django Asül beim Bergfestival in Murrhardt-Steinberg. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

„Lassen Sie auch in Zeiten von Corona mentale Nähe zu“: Django Asül beim Bergfestival in Murrhardt-Steinberg. Foto: J. Fiedler

Von Wolfgang Gleich

MURRHARDT. Alle Zutaten, die zum Glück notwendig sind, waren an diesem Samstagabend überreichlich vorhanden, angefangen beim strahlend blauen Augusthimmel bis zur akkurat gemähten und als fast überdimensionierter Parkplatz neben der Straße hergerichteten Wiese am Ortsrand von Steinberg. Sie öffnete sich hinter einem weit ausladenden Walnussbaum zu einer steilen Böschung und gab den Blick frei auf ein Panorama, das nach wie vor dem inneren Bild entspricht, das sich der Betrachter von intakter menschengestalteter Natur bewahrt.

Am Fuß der Böschung, in einem ebenen Kessel, erwarteten die Besucher 100 exakt anderthalb Meter auf anderthalb Meter ausgesteckte Quadrate, die akribisch verwaltet und anhand einer Namensliste verteilt wurden – an Einzelpersonen, Paare, Gruppen und Familien, die sich unter dem Motto des Abends „Mit Abstand das Beste“ nach und nach zusammenfanden, geduldig in der coronagerechten Schlange mit Maske und auf Abstand bedacht warteten, bis sie mit der Zuteilung an der Reihe waren.

„200 Besucher aus den Reihen der breiten Gesellschaft“, charakterisierte sie „Palastsekretär“ Wieland begeistert, „alle Altersgruppen, ein schöner Spiegel der verantwortungsvollen Gesellschaft, und nicht die Verweigerer.“

Die versierten Picknickgeher unter ihnen hatten sich mit Klappstühlen, Decken, Zelten und sogar weit ausladenden Sonnenschirmen ausstaffiert, deren Stangen dann flugs in den Boden gerammt wurden, auf dem „eigenen Bauplatz“, so einer der Festbesucher augenzwinkernd. Eine Landnahme, die dann prompt wieder zu angeregten Diskussionen führte, als eine ältere Dame, die sich mit Hund und Campingstuhl hinter einem Schirm verbarrikadiert hatte, der den hinter ihrem Rücken Sitzenden jegliche Chance nahm, einen Blick auf die Bühne zu erhaschen, sich ihrerseits energisch beschwerte, dass sie selbst wegen des vor ihr aufgeschlagenen Schirms den Künstler nicht sehen könne.

Das Konzept vom Sommerpalast in einem neuen Format geht auf.

Es sei für ihn ein ganz besonderer Abend, gestand Hardy Wieland in einer ruhigen Minute während der Vorbereitungen. An dieser zweiten Veranstaltung des „Bergfestivals“ zeige sich bereits, dass das Konzept dieses neuen Formats aufgehe. Eigentlich wäre ja das 25. Jubiläum des Murrhardter Sommerpalasts heuer angestanden, aber wie so vieles habe auch hier die Coronapandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das Jubiläum habe man auf das kommende Jahr verschoben. Aber man sei krisenbedingt gezwungen gewesen, dieses neue Format zu erfinden, und dass man damit offensichtlich genau den Publikumsgeschmack getroffen habe und auch Künstler wie Django Asül begeistern konnte, sei ein großes Glück. Die Vorbereitungen hätten eine Riesenfreude bereitet, und der Erfolg ermuntere, darüber nachzudenken, wie man diese Veranstaltungsreihe weiter pflegen könne. Und für ihn selbst sei es ein Geschenk, sich an so einem Abend unter die Zuschauer mischen zu können, die Bekannten unter ihnen persönlich zu begrüßen und auch das Programm selbst zu genießen. Dies sei ihm bei einem Sommerpalast mit 150 Helfern und 10000 Personen, wenn hinter der Bühne Hektik und Umtriebigkeit herrschten, leider verwehrt.

Während sich das Publikum noch an einem wohltemperierten Gläschen Wein gütlich tat, ein gepflegtes Bierchen genoss und Crêpes mit Nutella oder Käse zu sich nahm, gehörte der restliche Abend Django Asül. Der bayerische Künstler mit bürgerlichem Namen Ugur Bagıslayıcı präsentierte sein neues, 2019 entstandenes Programm „Offenes Visier“. Eigentlich, gestand er, habe er heuer zu seinem 25-jährigen Bühnenjubiläum eine Pause einlegen wollen, doch dann habe es Hardy Wieland geschafft, ihn auf dieses neue Veranstaltungsformat neugierig zu machen und nach Murrhardt zu locken. Auch mit dem „Offenen Visier“ ist der Kabarettist seinem bewährten Rezept treu geblieben, einem bodenständigen, mit orientalischen Gewürzen dezent verfeinerten und einer gehörigen Portion herzhafter Hinterfotzigkeit garnierten gemischten Braten aus dem Bayerischen Wald. Asül nahm sein dankbares Publikum wieder einmal mit in sein Heimatdorf Hengersberg an seinen Stammtisch.

Stammtischgeschichten aus dem niederbayerischen Hengersberg

Dort hat er von seinem Stammtischbruder Hans eines gelernt: „Die Realität hat schon lange nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun.“ Dies in einer Zeit, in der man sich mit anderen Blickwinkeln und Meinungen nicht nur nicht auseinandersetzen, sondern sie erst gar nicht zulassen wolle.

Hans, die von der Bühnenfigur Django Asül geschaffene Kunstfigur aus Hengersberg, war es auch, die dem Publikum verriet, woher der Künstlername „Django“ stamme. Dies sei nämlich eine Reminiszenz an Franco Nero, den ersten Schauspieler, der in einem Italowestern diesen Helden verkörperte. Und Nero stamme bekanntlich auch aus Hengersberg, heiße in Wirklichkeit Franz Schwarzbauer und stamme aus dem gleichnamigen Sägewerk.

Ernsthaft wurde es dann allerdings bei dem Thema Chancengleichheit, auch wenn es eloquent kalauernd daherkam: Während Deutschland Europas Schlusslicht sei, was den Einfluss der Herkunft eines Menschen auf seine Lebenschancen betreffe, profitierten Besserverdiener gleichzeitig doppelt vom Rentensystem: je größer der Verdienst, desto höher die Lebenserwartung und die Rente und desto länger somit auch die Zeit, die man diese Rente beziehe. Aber schließlich gehöre zur Solidarität auch, anderen nicht zur Last zu fallen.

„Öffnen Sie den Blickwinkel, so weit es geht, und lassen Sie auch in Zeiten von Corona mentale Nähe zu“, so die Empfehlung des Künstlers an sein begeistertes Publikum für den Heimweg.

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Erstellt:
10. August 2020, 06:00 Uhr

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