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90-Jährigen durchs Treppenhaus getragen

Das Feuer im Dresdener Ring 20 hätte in Katastrophe münden können – Trio verhindert mit couragiertem Einsatz Schlimmeres

Der Brand am vergangenen Donnerstag in dem Gebäude Dresdener Ring 20 hätte leicht in einer Katastrophe münden können. Schließlich war das Feuer mitten in der Nacht im Keller ausgebrochen und hatte das Treppenhaus bereits verraucht. Die 21 Bewohner gelangten nur deshalb rechtzeitig ins Freie, weil drei junge Männer an den Türen sämtlicher Wohnungen klopften und die Bewohner alarmierten (wir berichteten). Einen 90-Jährigen trugen sie gar zum Haus hinaus.

Taner Bakir (Foto) hat zusammen mit seinem Bruder Caner und Yasar Arik das Feuer bemerkt, die Feuerwehr verständigt und alle Bewohner des Hauses Dresdener Ring 20 aus den Betten geklingelt. Mit seinem mutigen Einsatz hat das Trio vermutlich eine Katastrophe verhindert. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Taner Bakir (Foto) hat zusammen mit seinem Bruder Caner und Yasar Arik das Feuer bemerkt, die Feuerwehr verständigt und alle Bewohner des Hauses Dresdener Ring 20 aus den Betten geklingelt. Mit seinem mutigen Einsatz hat das Trio vermutlich eine Katastrophe verhindert. Foto: A. Becher

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. In dem dreistöckigen Gebäude am Dresdener Ring haben sich in der vergangenen Woche dramatische Szenen abgespielt. Denn einige der insgesamt 21 Bewohner sind nicht gut zu Fuß beziehungsweise in einem greisen Alter. Dazu kommen mehrere Familien mit kleinen Kindern, unter anderem zwei erst zwei Wochen alte Zwillinge. Jan Kusche, der Sprecher der Freiwilligen Feuerwehr Backnang, zollt daher den drei jungen Männern, die mutig in das Treppenhaus eingedrungen sind, um alle Bewohner schnellstmöglich zu alarmieren, höchstes Lob. Gemeint sind die Brüder Caner (27) und Taner (30) Bakir sowie Yasar Arik (22). Kusche sagt an ihre Adresse gewandt: „Ein ganz, ganz dickes Lob an diese drei, sie haben die Bewohner eindeutig vor größerem Schaden bewahrt.“

Zuerst hatten die drei jedoch Probleme, mit ihrer Warnung durchzudringen. Denn obwohl sie alle Klingeln drückten, öffnete längere Zeit niemand. Sonja S., die im Erdgeschoss wohnt, hat dafür eine Erklärung. Ständig gebe es Klingelstreiche, sodass viele Mieter zu nachtschlafender Zeit darauf gar nicht mehr reagieren würden. Auch sie habe sich zuerst nochmals auf die Seite gedreht und nicht geöffnet. Dann jedoch kam der 48-Jährigen die Sache doch spanisch vor. Als sie in Richtung Wohnungstür ging, roch sie bereits Rauch. Und als sie die Haustür öffnete, stürmten die drei jungen Männer an ihr vorbei und trommelten im Treppenhaus an jede Eingangstür.

Dichter Qualm im Treppenhaus erschwert Atmung und Sicht

Taner Bakir berichtete jetzt, wie dramatisch die Situation war. Anfangs quoll nur wenig Rauch aus dem Kellerfenster. Er und seine Begleiter überlegten sogar noch, ob es überhaupt Rauch war oder vielleicht nur Dunst. Dann jedoch erkannten sie die Gefahr und alarmierten sofort Feuerwehr und Polizei und klingelten Sturm. Als dann endlich die Eingangstür geöffnet wurde, nahm die Rauchentwicklung schlagartig zu. Im ersten Stock öffnete ihm Fred Steinebronn. Der 73-Jährige, dem vor Jahren ein Bein amputiert werden musste, saß im Rollstuhl. Sowohl er als auch seine Partnerin Doris Berreth (75) hören sehr schlecht, die Klingel eigentlich gar nicht. Trotzdem hatte der Senior im Unterbewusstsein mitbekommen, dass etwas nicht normal ist. Bakir rief nur: „Raus, raus, es brennt bei euch.“ Als er sah, dass Steinebronn ein Bein fehlt, versprach er ihm, gleich wiederzukommen und zu helfen, erst jedoch müsse er die anderen Hausbewohner wecken.

Und so stürmte das Trio die nächste Treppe hoch. Auch im zweiten Stock öffnete ein Mann im Rollstuhl. Während Taner in den dritten Stock rannte, trugen sein Bruder Caner und ein Nachbar den 90-Jährigen die Treppe hinunter. Der Rauch wurde Sekunde um Sekunde immer schlimmer. Wenig später erschwerte der schwarze, beißende Qualm sogar die Sicht. „Es war schwer, Luft zu holen“, erinnert sich Taner. Er zog sich den Pullover über Mund und Nase, aber das half wenig. „Im dritten Stock konnte ich fast nicht mehr atmen.“

Mit ein paar Tagen Abstand ist dem Backnanger wohl klar, „wir haben unser Leben riskiert, aber das war uns in dem Moment nicht bewusst. Uns ging es darum, dass den Bewohnern nichts passiert. Wir konnten doch nicht vor der Tür warten und von draußen zusehen. Da waren Rentner drin, die im Rollstuhl saßen, und kleine Kinder. Ich würde heute wieder das Gleiche tun.“

Fred Steinebronn weiß, wie bedrohlich die Lage war: „Wir können froh sein, dass wir noch leben.“ Er fand gerade noch die Zeit, seine Prothese umzuschnallen. Dann verließen er und seine Partnerin die Wohnung über die Terrasse. Auch für Doris Berreth wäre der Weg übers Treppenhaus wohl nicht mehr möglich gewesen, sie bekommt aufgrund einer Stimmbandoperation ohnehin schon schlecht Luft, „mit Rauch habe ich massive Probleme“. Zwar konnte Steinebronn auf dem Rasen hinterm Haus mit seiner Prothese nicht alleine gehen, aber zu diesem Zeitpunkt war schon die Feuerwehr vor Ort und stützte ihn, sodass er den Gefahrenbereich hinter sich lassen konnte. Als die Sanitäter kurz danach die beiden untersuchten, lag der Blutdruck bei fast 200.

Berreth hat sich vorgenommen, die drei jungen Feuerhelden bei der Stadtverwaltung zu melden, sie sollen für ihre Zivilcourage ausgezeichnet werden. „Wenn sie nicht gewesen wären, wären wir alle eingeschlafen. Und zwar für immer.“ Auch Sonja S. will Danke sagen. Sie berichtet, dass alle Bewohner des Hauses für ihre Retter Geld gesammelt und eine Danke-Karte unterzeichnet haben. „Alle acht Familien haben etwas gegeben. Wir sind unsagbar dankbar.“

Aber warum waren die drei überhaupt so spät in der Nacht in Backnang unterwegs? Nun, die Bakir-Brüder wollten ihre Eltern unterstützen, die in der Sulzbacher Straße das Lebensmittelgeschäft Antalya-Markt betreiben. Aus diesem Grund haben sie und ihr Freund in dieser Nacht nach ihrem Feierabend, sie selbst betreiben die Shisha-Bar Déjà-vu, Werbeflyer des Markts im Gebiet rund um die Hochhäuser verteilt. So ermöglichte die eine gute Tat gleich die zweite.

Info
Brandursache weiter unklar, die Polizei ermittelt

Auch eine Woche nach dem Feuer ist die Brandursache noch ungeklärt. Die Polizei schließt aber einen technischen Defekt aus. Weil die polizeilichen Ermittlungen vor Ort noch nicht abgeschlossen sind, ist der Keller noch versiegelt. Aus diesem Grund können auch noch keine notwendigen Installationsarbeiten vorgenommen werden. Mit der Folge, dass im Kellerbereich kein Strom vorhanden ist. Die Klingelanlage und das Treppenhauslicht funktionieren ebenso wenig wie Internet und Fernsehen. Immerhin gibt es in den Wohnungen Strom. Auch die Gasheizung konnte am Abend des Brandtags wieder in Betrieb genommen werden.

Eine 90-jährige Frau und ihr ebenfalls 90-jähriger Ehemann wurden leicht verletzt.

Die Höhe des Sachschadens wird derzeit auf etwa 30000 bis 40000 Euro geschätzt.

Die Feuerwehr war mit vier Löschfahrzeugen, einer Drehleiter und zwei Führungsfahrzeugen sowie mit insgesamt 40 Mann im Einsatz. Die Wehrmänner konnten den Brand innerhalb weniger Minuten löschen. Es war ein glücklicher Umstand, dass das Feuer so früh bemerkt wurde. So schlugen die Flammen nur aus den Kellerfenstern. Grundsätzlich hatte das Feuer laut FFW-Sprecher Jan Kusche aber das Potenzial gehabt, sich viel weiter auszubreiten.

Während und vor allem nach den Löscharbeiten kümmerten sich die Rettungskräfte sehr um die Anwohner, die fast durchweg in Schlafanzügen in die kalte Nacht geeilt waren. Schnell wurde ein beheiztes Zelt aufgebaut. Die Kleinkinder wurden in den Fahrzeugen versorgt. Nachdem die Feuerwehr mit großen Ventilatoren den Rauch aus dem Gebäude herausgeblasen hatte, konnten mit Ausnahme von zwei Parteien, die direkt über dem Brandherd wohnen, alle Bewohner wieder zurück in ihre Wohnungen. Am Vormittag durften auch die letzten Mieter wieder zurück in ihr Heim.

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Erstellt:
5. Dezember 2019, 06:00 Uhr

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