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Alle Kräfte gebündelt gegen das Virus

Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie laufen auch im Rems-Murr-Kreis auf Hochtouren – Jetzt 179 Infizierte im Landkreis

Die Zahl der Coronafälle steigt auch im Rems-Murr-Kreis unaufhaltsam an. Waren es am Sonntagabend noch 175 Fälle, so kamen gestern weitere vier Fälle dazu. Aber auch die Maßnahmen, die Pandemie in den Griff zu bekommen, laufen auf Hochtouren. Das Abstrich-Testzentrum in Schorndorf hat seine Schlagzahl erhöht und die Rems-Murr-Kliniken konnten ihre Kapazitäten an Material und Personal steigern. Und die Hilfsangebote aus der Bevölkerung erreichen ein beeindruckendes Niveau.

Hochbetrieb bei der Firma Berufskleidung Lochmann: Alle Mitarbeiter sind in der Mundschutzproduktion eingespannt. Foto: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Hochbetrieb bei der Firma Berufskleidung Lochmann: Alle Mitarbeiter sind in der Mundschutzproduktion eingespannt. Foto: T. Sellmaier

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Die Unsicherheit in Sachen Coronapandemie ist riesengroß. Wie wird sich die Situation in den nächsten Tagen, Wochen oder gar Monaten entwickeln? Keiner weiß es so wirklich. Zumindest auf einige Fragen wollen wir Antworten geben. Auch wenn alle Experten betonen, dass alles im Fluss ist und morgen schon nicht mehr das gelten kann, was heute als sicher erschien.

Wie entwickeln sich die Fallzahlen?

Inzwischen gibt es nur wenige Kommunen im Rems-Murr-Kreis, die keinen Coronafall aufweisen, darunter Kirchberg an der Murr und Althütte. In anderen wie etwa in Allmersbach im Tal, Großerlach, Spiegelberg und Sulzbach an der Murr mussten bisher lediglich jeweils ein Patient registriert werden. Und auch Auenwald zählt als Gemeinde, die bislang mit nur zwei Fällen eher noch vom Virus verschont wurde. Die meisten Infektionen vermeldeten die Großen Kreisstädte Waiblingen (28) und Backnang (23). Aber auch Weinstadt (16), Schorndorf (14) und Fellbach (13) ächzen unter der Krankheit. Die Zahlen weiterer Gemeinden sind: Weissach im Tal (6), Aspach (5), Oppenweiler (4) oder Murrhardt (3).

Im Laufe des gestrigen Tages meldete das Landratsamt vier weitere Fälle. Jeweils ein neuer Infizierter kam in Murrhardt, Schwaikheim, Winnenden und Winterbach hinzu. Somit stieg die Zahl der Infizierten auf nun 179 Patienten. Unter den positiv Getesteten ist auch ein Mitarbeiter des Landwirtschaftsamts in Backnang. Das Amt bleibt daher bis einschließlich 30. März geschlossen. Die Mitarbeiter dieses Bereichs arbeiten soweit möglich von zu Hause aus. Die telefonische Erreichbarkeit ist jeweils am Vormittag bis 12.30 Uhr sichergestellt. Per E-Mail ist das Amt unter landwirtschaft@rems-murr-kreis.de zu erreichen. Alle anderen Bereiche des Landratsamts in Backnang sind nicht betroffen.

Wie ist die Situation am Abstrichzentrum Schorndorf?

Seit der Etablierung des Testzentrums Corona in Schorndorf haben die Experten 1093 Abstriche gemacht. Diese Angabe bezieht sich auf den Stand Freitagabend. Am Wochenende wurden keine Abstriche durchgeführt. Die Verantwortlichen haben die Testkapazitäten mittlerweile erhöht: von ursprünglich zwei Abstrichen in zehn Minuten auf drei Abstriche im selben Zeitraum. Auch der administrative Prozess wurde optimiert: Das Personal, das sich um die Terminvergabe kümmert, wurde aufgestockt und die Befundübermittlung erhält der Patient nun auch direkt. Die Laborergebnisse liegen variabel innerhalb von zwei bis vier Tagen vor. In einer Pressemitteilung erklären die Rems-Murr-Kliniken und das Landratsamt gemeinsam: „Aktuell sind die notwendigen Testkapazitäten vorhanden.“ Der Flaschenhals des Testzentrums war in den Anfangstagen die Terminvergabe. Hier haben Mitarbeiter des Landratsamts das Testzentrum am Wochenende kräftig unterstützt, 132 offene Terminanfragen aufgearbeitet und Telefonnummern recherchiert. Der administrative Prozess wurde nun ebenfalls optimiert.

Wie ist die Situation an den Rems-Murr-Kliniken?

In den Rems-Murr-Kliniken werden aktuell rund ein Dutzend Covid-19-Fälle behandelt, der Großteil davon auf der Intensivstation. Die Rems-Murr-Kliniken sind medizinisch auf den Anstieg von Fallzahlen vorbereitet: Alle geplanten Operationen wurden bereits auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Zusätzlich zu den über 32 Beatmungsplätzen an den Standorten Winnenden und Schorndorf werden die Beatmungskapazitäten kurzfristig auf 85 Beatmungsplätze weiter ausgebaut, teilt die Pressestelle des Rems-Murr-Klinikums auf Anfrage mit.

Der Krisenstab der Rems-Murr-Kliniken hat des Weiteren in enger Abstimmung mit dem Landkreis, der Gemeinde Aspach und dem Rettungsdienst entschieden, Teile der Hotelanlage Sonnenhof in Aspach in der Coronakrise als Reserveeinrichtung mit bis 100 Betten zu nutzen (siehe Artikel „Reservebetten im Hotel Sonnenhof“ auf Seite 19).

Wie ist die Reaktion auf die Hilfsaufrufe?

Die Solidarität im Landkreis ist überwältigend. Bislang sind im Landratsamt und in den Kliniken bis gestern Mittag mehr als 345 E-Mails zum gestarteten Aufruf an medizinische Fachkräfte im Landkreis eingegangen. Viele kommen von Pflegekräften oder Personen mit medizinischer Ausbildung. Die Adressen aller Hilfswilligen werden registriert. Das Landratsamt schreibt: „Wir konnten am Wochenende schon die ersten Einsätze abstimmen.“

Auch der Aufruf wegen Schutzausrüstung zeigt Wirkung: Seit Freitag haben Landratsamt und Kliniken rund 300 E-Mails oder Anrufe erhalten mit konkreten Angeboten, die Institutionen zu unterstützen. Bei den Angeboten ging es um Masken, Schutzkittel und Handschuhe. „Ein Unternehmen hat uns gleich 4000 Mundschutze gespendet. Ansonsten handelt es sich oft um Kleinmengen, worüber wir uns ebenfalls sehr freuen.“ Vor allem Masken, mit denen sich Helfer und Angehörige der Risikogruppen schützen können, sind restlos ausverkauft. Die Backnanger Firma Berufskleidung Lochmann nimmt dies zum Anlass, die Produktionsleistung ihrer hauseigenen Schneiderei zu erhöhen und hat sofort mit der Fertigung von wiederverwendbarem Mundschutz begonnen. Geschäftsführer Michel Lochmann räumt ein, dass dieser Mundschutz die Kriterien einer Maske nicht erfüllt, „dafür fehlt uns das zertifizierte Gewebe“. Dennoch ist der Mundschutz „besser als nichts“, so die Einschätzung des 46-Jährigen. Er wird gefertigt aus hochwertigem Berufskleidungsstoff, aus dem auch Kasacks in der Pflege gefertigt sind. Der Schutz ist für Pflegepersonal, Firmen, Behörden und weitere Institutionen gedacht und wird nicht an Privatpersonen verkauft.

Lochmann steht im engen Austausch mit der Landesregierung und dem Landkreis Rems-Murr. Schon vergangene Woche liefen die Vorarbeiten an. Zusammen mit Elke Stroh, der Vorsitzenden der Maßschneiderinnung Stuttgart, fertigte er erste Vorlagen. Am Wochenende wurde die erste Produktionsstraße vorbereitet. Und gestern entstanden bereits die ersten 100 Mundschutzartikel. Lochmann rechnet vorerst mit einer Tagesproduktion von 1000 Stück, gleichzeitig mobilisiert er jedoch weitere Kräfte, um die Produktionsleistung auf 2000 oder mehr Artikel pro Tag steigern zu können. Er möchte 50000 oder vielleicht sogar 60000 Mundschutze fertigen. Derzeit ist die komplette Mannschaft, immerhin 18 Mitarbeiter, ausschließlich damit beschäftigt. Drei Heimarbeiterinnen nahmen gestern die Arbeit auf. Zudem stattete der Unternehmer übers Wochenende noch zwei Studenten mit 450-Euro-Job-Verträgen aus. „Mir fehlt es an Nähkapazität“, klagt Lochmann. Und natürlich an speziellem Gewebe. Der Backnanger schilderte den Engpass gestern so: „Ein Fahrer hat dieser Tage 2000 Meter Stoff extra aus Münster herangekarrt.“

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Erstellt:
24. März 2020, 06:00 Uhr

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