Neu im Kino: „Nürnberg“
Amerikanischer Pioniergeist gegen Nazi-Wahn
James Vanderbilt erzählt in „Nürnberg“, wie ein US-Psychiater Hermann Göring untersuchte und daran zerbrach. Ein starkes Stück Aufklärungs-Kino gegen die Leisetreterei in Hollywood.
© IMAGO/Landmark Media
Rami Malek (li.) als Gefängnispsychologe Douglas M. Kelley und Russell Crowe als Kriegsverbrecher Hermann Göring
Von Kathrin horster
Fett, in lächerlicher Gardeuniform und mit einem Zepter in der speckigen Faust, ergibt sich Hermann Göring (gespielt von Russell Crowe), Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe und Lenker des Reichswirtschaftsministeriums, am 7. Mai 1945 US-Soldaten der 36. Infanteriedivision. Ängstlich winkend mit einem weißen, vom Rocksaum seiner Tochter Edda gerissenen Fetzen Spitze, so erzählt es der Amerikaner James Vanderbilt in seinem Historiendrama „Nürnberg“, das auf dem Sachbuch „Der Nazi und der Psychiater“ des Wissenschaftsjournalisten Jack El-Hai beruht und die historisch bedeutsame Strafverfolgung überlebender Nazi-Größen vor dem ersten Tribunal alliierter Siegermächte nachzeichnet.
Die Geschichte der Nürnberger Prozesse ist sowohl aus historischer als auch aus juristischer Perspektive ungeheuer komplex, die umfassende zeitgenössische Berichterstattung aber kaum mehr präsent. James Vanderbilt hat sich unter anderem als Drehbuchautor von David Finchers hervorragender Kino-Adaption des Kriminalfalles vom „Zodiac“-Killer 2007 profiliert, aber auch die Bücher zu knalliger Popcornkino-Ware wie „White House Down“ (2013) oder „The Amazing Spiderman“ (2012) geliefert. Nun versucht er, die Historie der Nürnberger Prozesse im Rahmen eines verzweifelt suggestiven, zugleich massentauglich spannenden Aufklärungsdramas aufzuarbeiten. Ein Projekt mit Wucht, wenn man den Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen mitdenkt.
Nach Hitlers Selbstmord gilt sein von ihm benannter Nachfolger Göring den Alliierten als prominentester Vertreter des Terrorregimes. Die Nürnberger Prozesse sind 1945/46 ein Wagnis, weil es bis dahin keine juristische Grundlage für die internationale Strafverfolgung von Kriegsverbrechen gegeben hatte.
Zur Begutachtung der insgesamt 24 Angeklagten wird der Gefängnispsychologe Douglas M. Kelley (Rami Malek) nach Nürnberg bestellt, als Übersetzer wird ihm Sergeant Howie Triest (Leo Woodall) zugeteilt. Kelley wiederum untersteht dem US-Hauptankläger Robert H. Jackson (Michael Shannon), der im Falle des Scheiterns der Anklage von Göring und Co. sowohl seine Karriere als auch die Chance einer weiteren Strafverfolgung noch lebender Nazis verspielt.
All das ist historisch belegt; ohne den Mut der Ankläger und Richter in Nürnberg hätte die Aufarbeitung des Holocaust und des deutschen Angriffskrieges vor Gericht keine Chance gehabt, – das macht James Vanderbilt ganz unmissverständlich klar. Die Hochachtung für diese Pionierarbeit alliierter Partner bestimmt von da an den Ton des Films.
James Vanderbilt erweist sich als bewusst altmodischer, auf klassische Formeln und Motive setzender Erzähler, der auf die einstige Integrität der Amerikaner als demokratisch verfasste Siegernation pocht. Extrem nah an den Figuren schildert der Film, wie sich Kelley zunächst in der Position des überlegenen Siegers der vermeintlichen Witzfigur Göring nähert, um sie wie ein Kuriosum zu studieren, sich dann aber von Görings Charme und Lügen blenden lässt.
Unschwer kann man in Vanderbilts Darstellung des lächerlichen Paradiesvogels Göring einen geistigen Vorfahr Donald Trumps erkennen, ein manipulatives, redseliges Großmaul, das seinen Narzissmus als Selbstbewusstsein tarnt. Vanderbilt zieht alle Register, um das Publikum emotional mitzureißen, und schreckt auch vor Kitsch nicht zurück, wenn er eine pseudo-romantische, aber reine Beziehung Kelleys zu Emmy Göring (Lotte Verbeek) und deren kleiner Tochter (Fleur Bremmer) fabuliert. In Emmy sieht der empathische Kelley eine Frau in Not, ein Opfer, nicht aber die Mitwisserin und Unterstützerin der Taten ihres Mannes. Aus heutiger Sicht wirkt Kelleys Naivität schwer nachvollziehbar, Vanderbilt konstruiert aus ihr einen tiefen inneren Konflikt des Psychologen, der sich 1958 wegen schwerer Depressionen das Leben nahm.
Fast genüsslich inszeniert Vanderbilt das Heulen und Zähneklappern des Hetzers Julius Streicher auf dem Weg zum Schafott und setzt mit suggestiver Musik und unerträglichen KZ-Aufnahmen auf die Erschütterung des Publikums. Die inhaltlich brillanten Dialoge bilden dazu das intellektuelle Gegengewicht. Je länger der Film dauert, desto deutlicher tritt Vanderbilts verzweifelte Agenda zu Tage, vor allem die Amerikaner an ihre staatsbürgerliche Pflicht zu erinnern, Autokraten, Demagogen und Hetzern die Stirn zu bieten. Im Kontext der gegenwärtigen Leisetreterei Hollywoods und der Angst vieler Filmschaffender vor dem Zorn Donald Trumps liefert Vanderbilt nicht nur ein leidenschaftliches Plädoyer für eine aufrechte, unbeirrbare Rechtsprechung, sondern auch aufrüttelndes Überwältigungskino der guten Art.
Nürnberg. USA 2025. Regie: James Vanderbilt. Mit Russell Crowe, Rami Malek. 148 Minuten. Ab 12 Jahren.
Historie
Dreizehn Prozesse fanden zwischen dem 20. November 1945 bis zum 14. April 1949 im Nürnberger Justizpalast vor einem US-amerikanischen Militärtribunal statt.
Die Anklageschriften formulierten teils neuartige Straftatbestände und ermöglichten erstmals die juristische Belangung von Kriegsverbrechen.
Neben Hermann Göring waren u.a. Rudolf Heß (Stellvertreter Hitlers), Wilhelm Keitel (Oberkommando Deutsche Wehrmacht), Robert Ley (Leiter „Deutsche Arbeitsfront“) und Julius Streicher (Herausgeber „Der Stürmer“) als Hauptkriegsverbrecher angeklagt.
Douglas M. Kelley verfiel nach seiner Zeit in Nürnberg in Depressionen und nahm sich 1958 am Neujahrsmorgen das Leben.
Im Buch „Der Nazi und der Psychiater“ schildert Jack El-Hai Kelleys Begegnungen mit den Nazi-Verbrechern auf Basis historischer Dokumente.
