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Aspach ist schwalbenfreundlich

Gemeinde bekommt Plakette des Nabu-Landesverbands

Bei einem Rundgang durch die Kommune mit dem Nabu wurde erst einmal deutlich: Aspach beherbergt viele Schwalben. 280 Nester sind den Sommer über mit den Vögeln besetzt. „Hier sind Schwalben willkommen“, heißt es in Großaspach.

Vier Junge warten auf Futter in einem Nest im Kuhstall. Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Vier Junge warten auf Futter in einem Nest im Kuhstall. Fotos: A. Becher

Von Ute Gruber

ASPACH. Am Himmel über den Dächern von Großaspach herrscht reger Flugverkehr. Aber keine dröhnenden Motoren begleiten das gefiederte Fluggeschwader, sondern ein hektisches „Kiwitt-kiwitt“, ein gemächlicheres „Witt-witt“ und ein scharfes, lang gezogenes „Wiiiu“. Schwalben und Mauersegler sind die akrobatischen Flugkünstler, die den Luftraum über der 8000-Seelen-Gemeinde beherrschen. Allerdings nur im Sommer, wenn sie zum Brüten aus Afrika anreisen.

Erstes Ziel der Nabu-Führung vergangenen Freitag ist der Hangar der Rauchschwalben: der Kuhstall von Familie Peter in der Rübengasse, mitten im Ort. Über den Köpfen der guten Handvoll Fleckviehrinder herrscht geschäftiges Treiben, hier zwitschert zwischen zwei Zwetschgenzweigen eine erwachsene Schwalbe melodisch-hektisch von der Neonröhre herab, dort strecken laut schnatternd vier Junge ihre gelb geränderten Schnäbel über den Nestrand und betteln gierig die anfliegende Mutter um Futter an. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen der blauschwarzen Elterntiere mit dem prägnanten, lang gegabelten Schwanz und der dunkelroten Kehle, die die nimmersatte Brut mit Insekten versorgen. Ein „Kiwitt“ begleitet den eiligen Abflug.

Unzählige, körbchenartige Nester aus Mist und Lehm kleben an den alten, dunklen Balken der niedrigen Holzdecke. Ein Dutzend davon sei besetzt, hat Landwirt Willi Peter gezählt – mehr Schwalbenfamilien als Rindviecher in diesem Stall. „Rauchschwalben nisten am liebsten in Rinderställen“, weiß Reinhard Buhl, der sich seit Jahrzehnten mit den Vögeln beschäftigt. „Pferdeställe gehen auch noch. Aber Schweineställe meiden sie.“ Was die Fliegenfänger in jedem Fall meiden, sind leere Ställe: „Mein Onkel hat die Viecher weg“, erzählt einer der gut 25 Kursteilnehmer, „im nächsten Jahr waren die Schwalben auch weg.“ Deshalb ist ein wichtiges Anliegen der AAA, der Arbeitsgemeinschaft Artenschutz Aspach und Backnanger Bucht, die nistfreundliche Beratung bei Stallneubauten im Rinder- und Pferdebereich.

Die eigentliche Passion von Reinhard Buhl aber sind die Mehlschwalben. Bei diesen Singvögeln, die ihre geschlossenen Lehmnester nur an Außenwände unter Dachvorsprüngen und überstehenden Balken kleben, war Reinhard Buhl schon vor 20 Jahren ein Rückgang aufgefallen. „Ach was, Schwalben hat’s doch g’nug!“, habe er zu hören bekommen, als er damals mit seiner Frau Katharina und Erich Gassmann von Haus zu Haus gegangen sei, „wie ein Versicherungsvertreter“, um seine künstlichen Nisthilfen aufhängen zu dürfen. Trotzdem hätten sieben von zehn Gefragten die gefiederten Untermieter an der Wohnhauswand erlaubt, zwei hätten abgelehnt und „einer hat uns davongejagt und uns noch den Hund hinterher gehetzt“, erzählt der unerschrockene Rentner, der zwar inzwischen an den Rollstuhl gefesselt ist, aber die Aktivitäten weiterhin mit seiner Sachkenntnis koordiniert und begleitet. Stolz blickt er auf eine Gruppe junger begeisterter Vogelfreunde in der Nabu-Gruppe, die sein Werk weiterführt.

Offenbar hatte der Schwalbenkenner den richtigen Riecher, denn während in anderen Dörfern der Zugvogel mit der namensgebenden weißen Unterseite und dem weißen Querband auf dem schwarzen Rücken fast gänzlich aus dem Ortsbild verschwunden ist, hat sich die Zahl der Brutpaare in der Gemeinde Aspach in den letzten 15 Jahren sogar verdoppelt: von 114 gezählten Erstbruten im Jahr 2003 auf 280 im vergangenen Jahr.

Und noch etwas Überraschendes wird hier deutlich: Der viel zitierte Insektenschwund ist zumindest im Fall der Mehlschwalben nicht der Grund für den allgemeinen Bestandsrückgang, sondern die Versiegelung der Landschaft. „Die bauen ihre Nester mit feuchtem Lehm aus Schlammpfützen“, erläutert der Vogelkenner, „das ist ja heute alles zubetoniert!“ Nur traurige zwei der 280 bewohnten Aspacher Nester sind Eigenbau aus Lehm, alle anderen sind Fertignester einer Schorndorfer Firma. Der gern gesehene Kulturfolger Mehlschwalbe ist also mehr denn je auf den Menschen angewiesen.

Am Rathaus gibt es 58 Mehlschwalbennester

Die „Brutnäpfe aus atmungsaktivem Holzbeton“ (Hersteller) hängen inzwischen an vielen Häusern in der Gemeinde, oft mit kleinem Kotbrett darunter zum Schutz der Hauswand. Bereits 100 kleine Plaketten, gesponsert von der Volksbank Backnang, weisen im Ort darauf hin: „Hier sind Schwalben willkommen!“ Der Schwerpunkt liegt entlang der Hauptstraße durch Großaspach.

Eine besonders große Plakette plus Urkunde gibt es heute zum 20-Jahr-Jubiläum der Aktion von Johannes Enssle, dem Nabu-Landesvorsitzenden, für ihr besonders schwalbenfreundliches Altes Rathaus an die Kommune. Das ist geradezu vollgepflastert mit 58 Mehlschwalbennestern und 11 Nisthilfen für Mauersegler, welche wiederum aussehen wie ein aufgeschraubter kleiner Balken mit Querschlitzen, dazu drei Fledermauskästen – ein internationaler Großflughafen sozusagen.

Enssle freut sich über das gute Beispiel Aspach, das zeige, dass man etwas bewegen könne, wenn man sich kümmert. „...bei den vielen Hiobsbotschaften allenthalben.“ Laut Nabu-Vorsitzendem Jochen Schäufele müssten die Kunstnester zum Beispiel in der Nähe einer bestehenden Kolonie aufgehängt werden und freien Anflug ermöglichen. Und Bürgermeisterin Sabine Welte-Hauff hat selbst Freude an den Vögeln, die sie vom neuen Rathaus aus beobachten kann. Gerne vermittelten sie und das Bauamt zwischen Hausbesitzern und Nabu zum Wohl der Vögel. „Das ist doch ein Alleinstellungsmerkmal für Aspach“, stellt sie fest, „eigener Saft, eigenes Wasser, eigene Schwalben!“

Jochen Schäufele (Zweiter von links) führte durch Aspach.

© Pressefotografie Alexander Beche

Jochen Schäufele (Zweiter von links) führte durch Aspach.

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Erstellt:
16. Juli 2019, 06:00 Uhr

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