Backnanger Tagesstätte ermöglicht psychisch Erkrankten Struktur und Kontakte

Seit mittlerweile über zehn Jahren gibt es in Backnang mit der Tagesstätte einen Anlaufpunkt für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Für die Besucherinnen und Besucher geht es nicht nur um Struktur in ihrem Alltag, sie profitieren auch von den entstehenden Freundschaften.

Die Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen in Backnang gibt es seit zehn Jahren. Ein Grund zum Feiern. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Die Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen in Backnang gibt es seit zehn Jahren. Ein Grund zum Feiern. Foto: Alexander Becher

Von Kristin Doberer

Backnang. Es ist ungewöhnlich voll in dem kleinen Raum der Tagesstätte für Menschen mit psychischer Erkrankung in der Aspacher Straße. Wo sich für gewöhnlich zehn bis 15 Leute treffen, sind am gestrigen Freitag alle Stühle besetzt, um die Stehtische drängen sich Menschen. Denn es ist kein gewöhnlicher Freitag in der Tagesstätte, sondern eine Geburtstagsfeier. Das Angebot des Hilfsvereins für psychisch Kranke Rems-Murr gibt es seit mittlerweile zehn Jahren. Genau genommen sind es sogar schon etwas mehr als zehn Jahre, worauf ein Besucher hinweist, der die Tagesstätte schon seit damals besucht und sogar noch einen Flyer von der Einweihung dabeihat. Am grundlegenden Prinzip hat sich seitdem eigentlich wenig geändert. Die Tagesstätte hat unter der Woche täglich ab zehn Uhr geöffnet, dann wird gemeinsam eingekauft, gekocht, gegessen und aufgeräumt. Bis 15 Uhr bleibt dann viel Zeit für Spiele, Aktivitäten und Gespräche, berichten die Besucherinnen und Besucher. Auch am Wochenende gibt es immer wieder Ausflüge und Angebote. „Das ist sehr wichtig. Denn so ein Wochenende kann sehr lange sein, wenn man allein daheim ist“, sagt Julia Lindenmaier vom Hilfsverein für psychisch Kranke Rems-Murr.

Das Angebot ermöglicht eine feste Struktur im Alltag und soziale Kontakte

Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Tagesstätte zu einem wichtigen Treffpunkt für Menschen mit psychischen Erkrankungen entwickelt. „Ich war am Anfang etwas skeptisch: neue Leute, das ist immer etwas viel“, erzählt eine Besucherin. Doch sie sei sehr positiv überrascht worden. „Ich wurde so herzlich aufgenommen.“ Besonders die Gemeinschaft sei sehr wertvoll. Das bestätigt eine weitere Besucherin, die bereits seit zehn Jahren regelmäßig in die Tagesstätte kommt. „Wir sitzen ja alle im gleichen Boot. Alle sind füreinander da und es haben sich auch Freundschaften gebildet“, erzählt sie. Wie wichtig die Gemeinschaft unter den Besucherinnen und Besuchern ist, betont auch Mitarbeiterin Penelope Pinakas. Denn neben dem Spielen und Kochen tauschen sie sich auch über ihre Probleme aus: „Hier können sie auch mal äußern, wenn sie keinen guten Tag haben – und treffen auf echtes Verständnis.“

Mindestens ebenso wichtig sei die feste Struktur, die durch das Angebot etabliert wird. Viele Besucher haben keine Arbeit, gerade da sei es wichtig, dass sie einen Grund haben, morgens aufzustehen und das Haus zu verlassen, führt Pinakas weiter aus. Diese Struktur wissen auch die Besucher zu schätzen. „Ich bin Frührentnerin. Mir fällt es nicht leicht, meinen Tag zu gestalten“, meint eine 56-jährige Besucherin. „Ich bin froh, dass ich jeden Tag herkommen kann. Ich wüsste gar nicht, was ich sonst aus meinem Leben machen soll“, ergänzt eine andere Besucherin. Einige von ihnen nutzen das Angebot jeden Tag, andere kommen nur ein- bis zweimal pro Woche – oder nur hin und wieder zu den Wochenendausflügen.

Angebot wird von zahlreichen Menschen in und um Backnang genutzt

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Rund 60 bis 70 Menschen aus Backnang und der Umgebung haben das Angebot im vergangenen Jahr in Anspruch genommen, berichtet Lindenmaier. „Das zeigt, wie wichtig das Angebot ist.“ Dabei gehe es nicht nur um die Gemeinschaft sowie ein günstiges und gesundes Mittagessen, sondern auch um die soziale Teilhabe der Betroffenen. Besuche in einem Café, Spaziergänge durch die Stadt, Museumsbesuche, gemeinsames Schwimmen, Rudern und Sporttreiben – das alles seien Aktivitäten, die die Betroffenen alleine wohl nicht anpacken würden, erzählt Mitarbeiterin Liane Rödel. Regelmäßig gibt es auch ganz konkrete Alltagshilfen, wie zum Beispiel die wöchentlichen Rückengymnastik oder das Achtsamkeitstraining. „Hier lernen die Teilnehmer, auf welche Anzeichen sie bei sich selbst achten müssen, damit sie schon vorher merken, wenn wieder ein Schub kommt. Es geht darum, ein Bewusstsein für ihre Erkrankung zu entwickeln“, erklärt Rödel, die seit 2018 in der Backnanger Tagesstätte arbeitet.

Die Besucherinnen und Besucher gelangen über ganz unterschiedliche Wege zur Tagesstätte. Manche werden durch Flyer, zum Beispiel in ihrer Arztpraxis, auf das Angebot aufmerksam gemacht, andere kennen die Mitarbeiterinnen oder sie werden vom ZfP Klinikum Winnenden beziehungsweise vom betreuten Wohnen oder anderen sozialen Einrichtungen vermittelt. „Wir haben uns beim Spazieren getroffen“, erzählt eine Besucherin von einem außergewöhnlichen Kennenlernen. Bei dem Spaziergang sei sie spontan mit einer Mitarbeiterin ins Gespräch gekommen und von ihr in die Tagesstätte eingeladen worden. „Jetzt komme ich schon seit drei Jahren hierher.“

Die Coronapandemie war eine große Herausforderung für alle

Blicken die Mitarbeiterinnen und die Besucher auf die vergangenen Jahre zurück, ist die Zeit der Pandemie noch sehr frisch im Gedächtnis. Besonders Lockdowns und Kontaktbeschränkungen waren eine sehr große Herausforderung. „Selbst in dieser schwierigen Zeit war das Angebot weiter offen“, lobt Julia Lindenmaier vom Hilfsverein für psychisch Kranke Rems-Murr die Mitarbeiterinnen. In dieser Zeit gab es Hausbesuche, Grüße per Post, zahlreiche Gespräche über das Telefon und mehr Spaziergänge, als die Mitarbeiterinnen zählen können. „Es wurde sich sehr dafür eingesetzt, dass der Kontakt nicht abreißt“, betont Lindenmaier. Zeitweise konnte man sich nur in Kleingruppen treffen und musste quasi Schichten für die Tagesstätte einteilen, damit nie zu viele Menschen auf einmal vor Ort waren. „Aber es war sehr wichtig, dass wir trotzdem immer da waren“, erinnert sich Mitarbeiterin Penelope Pinakas.

Den Geburtstag der Tagesstätte nutzen die Besucherinnen und Besucher aber auch, um zu äußern, was noch nicht so gut läuft – schließlich waren auch zwei Vertreter des Landratsamts vor Ort: Dorothee Haug von Schnakenburg von der Sozialplanung sowie Sebastian Eltschkner, kommunaler Beauftragter für Menschen mit Behinderung. „Unser Ziel ist ein lebenswerter Kreis für alle. Was können wir denn noch verbessern?“, fragt Eltschkner. Die Reinigung, merkt eine Besucherin an, schließlich sind täglich recht viele Menschen in der Tagesstätte. Ein weiterer Vorschlag: Die gemeinsamen Tagesausflüge mit den Tagesstätten in Schorndorf und Winnenden könnte man wieder aufnehmen. „Wir waren in Lindau, Tübingen oder auf dem Schloss Lichtenstein, das war immer sehr schön“, erinnert sich ein Besucher, der seit fast zehn Jahren dabei ist. Aber auch die kleineren Ausflüge in die nähere Umgebung seien sehr beliebt, berichtet Rödel. Auch wenn das organisatorisch nicht immer leicht sei, möchte sie Ausflüge oder Angebote wie das inklusive Rudern mit Blick auf die nächsten zehn Jahre weiter forcieren.

Die Tagesstätte in Backnang

Öffnungszeiten Montag bis Freitag 10 bis 15 Uhr, samstags geschlossen; Sonntag 11 bis 16 Uhr. Etwa zweimal im Monat finden am Wochenende außerdem besondere Ausflüge oder Veranstaltungen statt. Der Besuch der Tagesstätten ist grundsätzlich kostenfrei. Für das Mittagessen und Ausflüge zahlen die Teilnehmenden einen Selbstkostenpreis.

Hilfsverein Die Backnanger Tagesstätte gehört zu den Angeboten des Hilfsvereins für psychisch Kranke Rems-Murr. Dabei handelt es sich um einen gemeinnützigen Träger, der verschiedene sozialpsychiatrische Angebote zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft und im Arbeitsleben für Menschen mit psychischen Erkrankungen bereitstellt.

Kontakt Weitere Informationen und Kontaktdaten findet man auf der Website des Vereins unter www.hilfsverein-rems-murr.de.

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Erstellt:
24. Februar 2024, 06:00 Uhr

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