Bekommt Sechselberg ein Nahwärmenetz?

Den ersten Entwurf für ein Nahwärmenetz nehmen die Althütter Gemeinderäte in ihrer jüngsten Sitzung sowie etliche Bürger zur Kenntnis. Ob die Pläne auch in die Tat umgesetzt werden, ist offen. Es gibt viele Fragen, aber noch keine Antworten. Das Projekt wird weiterverfolgt.

So würde das Wärmeleitungsnetz (rote Linien) in Sechselberg bei einer Anschlussquote von 70 Prozent aussehen. Archivfoto: Florian Muhl

So würde das Wärmeleitungsnetz (rote Linien) in Sechselberg bei einer Anschlussquote von 70 Prozent aussehen. Archivfoto: Florian Muhl

Von Annette Hohnerlein

Althütte. „Energetisch und technisch ist ein Nahwärmenetz für Bestandsgebäude mit älteren Heizungen ein zukunftsweisender Schritt in die richtige Richtung“, heißt es in der Vorlage zur Sitzung des Gemeinderats. So weit die Theorie. Ob allerdings ein öffentliches Nahwärmenetz in Sechselberg eine Chance hat, ist noch völlig offen. Und wenn es kommt, in welchem Umfang, mit welcher Technik und vor allem zu welchen Kosten für die Gemeinde und die privaten Nutzer: Das alles steht noch in den Sternen. Aber immerhin liegt ein erstes Konzept auf dem Tisch und kann als Basis für Diskussionen und das weitere Vorgehen dienen.

Wolfgang Schuler vom Ingenieurbüro Schuler aus Bietigheim-Bissingen präsentierte in der jüngsten Sitzung den Gemeinderäten und der Öffentlichkeit das Konzept. Er ging zunächst auf die Bestandteile einer Nahwärmeversorgung ein: eine zentrale Anlage in einem Gebäude, in der die Wärme erzeugt wird, ein Wärmespeicher, das Leitungsnetz und Geräte zur Wärmeabnahme in den angeschlossenen Gebäuden. Für die Wärmeerzeugung werden im Konzept zwei Varianten durchgespielt: zum einen eine Holzheizung in Kombination mit Blockheizkraftwerken, eine Technik, die in Sechselberg wegen eines fehlenden Gasnetzes nicht umsetzbar ist. Die zweite und realistische Variante sieht ebenfalls eine Holzheizung vor, aber in Kombination mit einer Wärmepumpe, die gegebenenfalls mit Solarthermie und Fotovoltaik zur Stromerzeugung ergänzt werden könnte.

Bei einer Anschlussquote von 70 Prozent wird das Netz wirtschaftlich betrieben

In ihrer Planung gehen die Ingenieure von einer Anschlussquote von 70 Prozent aus, das wären 156 Gebäude, die über ein Netz von 5,7 Kilometern Länge mit der Heizanlage verbunden sind. Diese Größenordnung wäre nötig, um das Wärmenetz wirtschaftlich betreiben zu können. Eine Abfrage im Januar 2021 unter den Hausbesitzern in Sechselberg ergab aber, dass gerade mal 20 von ihnen Interesse an der neuen Technik haben. Möglicherweise sähe das heute aber anders aus, bedingt durch die gestiegenen Energiepreise und die Vorgaben durch das Gebäudeenergiegesetz.

Mit dem Bau eines Wärmenetzes würden enorme Kosten auf die Gemeinde zukommen. Allein der Bau der Leitungen wurde von den Planern mit fast 4,2 Millionen Euro veranschlagt. Dazu kommen knapp 2,5 Millionen Euro für die Heizungstechnik und Kosten für Gebäude in Höhe von 850000 Euro, sodass unter dem Strich die Summe von rund 7,5 Millionen Euro steht. Allerdings könnte die Gemeinde mit Fördergeldern in Höhe von 40 Prozent der Investitionssumme rechnen. Für die Jahresheizkosten wurde ein Betrag von 523000 Euro ermittelt, was für den Verbraucher einen Preis von 14,9 Cent pro Kilowattstunde bedeuten würde. Welche Investitionskosten kämen auf einen privaten Nutzer zu? Hier kommen die Experten für ein Haus mit einer Wärmeleistung bis 25 Kilowatt auf eine Summe von rund 17000 Euro, die maximale 35-prozentige Förderung ist hier bereits eingerechnet. „Das ist nicht billig“, räumte Schuler ein, „aber billiger kann man es nicht machen.“

Die Planer haben außerdem untersucht, wo eine Heizzentrale angesiedelt werden könnte. Ein Standort beim Friedhof neben der Aussegnungshalle kommt demnach infrage, auch ein Privatgelände neben der Kirche wäre denkbar. „Wenn genügend mitmachen, dann könnte in Sechselberg ein Nahwärmenetz realisiert werden“, so das Fazit von Wolfgang Schuler.

Falls man sich entscheidet, das Projekt zu verwirklichen, müsse man mit einem Zeitraum von fünf Jahren bis zur Fertigstellung rechnen. Dabei kann sich Althütte an Gemeinden in der Umgebung orientieren, die diesen Schritt schon gegangen sind. In Kleinaspach und Sulzbach an der Murr sind solche Systeme schon im Einsatz. Bürgermeister Reinhold Sczuka gab zu bedenken, dass sich die Gemeinde finanziell nicht übernehmen dürfe. „Ich warne davor, alles selber zu stemmen. Wir haben keine freien Mittel, wir müssten es fremdfinanzieren.“ Das Netz selbst mit seinen verschiedenen Elementen müsste zwar von der Kommune gebaut werden, als Betreiber solle aber jemand anderes fungieren. Sczuka könnte sich hier ein Unternehmen oder eine Genossenschaft der Nutzer vorstellen, an die die Gemeinde das Netz verpachtet.

Die Öffentlichkeit soll möglichst frühzeitig mit ins Boot geholt werden

Im Übrigen sei es entscheidend, die Öffentlichkeit früh miteinzubinden. Das sah auch Peter Heinle von der Freien Wählervereinigung so: „Es steht und fällt mit der Zahl der Haushalte. Wir müssen die Leute unterstützen, Aufklärung ist wichtig.“ Sein Kollege Reinhard Pfeil sprach sich dafür aus, auf Hackschnitzel zu setzen, das sei sicher und günstig. „Pellets, Strom, Öl und Gas: Finger weg!“, warnte er und verwies auf die Strategie in den Alpenländern, reine Holzheizungen zu bauen. Thomas Kuntz von der Bürgerliste gab aber zu bedenken: „Nur Holz in der allerletzten Verarbeitungsstufe macht Sinn, wenn es zu nichts anderem mehr zu gebrauchen ist. Es dürfen keine Bäume dafür abgeholzt werden.“ Gegen eine reine Holzheizung spricht nach Einschätzung des Experten Schuler nichts. „Man kann ja mit Holz anfangen. Wenn man die Wärmepumpe weglässt, kann man eine halbe Million Euro sparen.“ Rudi Beck von der Freien Wählervereinigung ging ebenfalls auf die Kosten ein: „Wenn ich so plane, dass ich alles Habeck-konform abdecke, dann wird das sehr teuer. So grün ist Althütte nicht. Wir müssen mit dem Preis runterkommen.“ Björn Fuchs vom Forum Althütte 2000 hatte Bedenken wegen einer möglichen Lärmbelästigung: „Wenn die Anlage mitten im Ort steht, wie sieht es mit den Schallemissionen aus?“, wollte er wissen. Hier konnte Wolfgang Schuler Entwarnung geben, eine solche Anlage stehe in einem geschlossenen Raum, der schallgedämmt sei.

Wie geht es nun weiter mit diesem Großprojekt für Sechselberg? „Wir würden es gerne weiterverfolgen“, hielt der Bürgermeister fest und skizzierte die nächsten Schritte: „Unverbindlich mit möglichen Betreibern Kontakt aufnehmen und die beiden Varianten Holzkessel mit oder ohne Wärmepumpe weiter vertiefen.“ Und er betonte: „Es ist alles noch offen.“ Am Ende der Diskussion sprachen sich die Gemeinderäte einstimmig für dieses Vorgehen aus.

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Erstellt:
24. Juni 2023, 06:00 Uhr

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