Bionahwärme auf dem Vormarsch

Aus Putenmist und Pflanzen wird am Schöntaler Hof Strom erzeugt. Mit der Abwärme werden zurzeit 78 Gebäude in Großaspach versorgt. Die Süwag arbeitet aktuell daran, das Nahwärmenetz auszubauen – auch Schule und Kindergarten sollen angeschlossen werden. Ein Baustart ist für das Frühjahr 2022 angesetzt.

Auf dem Schöntaler Hof steht die Biogasanlage, mit deren Abwärme in zahlreichen Großaspacher Haushalten geheizt wird. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Auf dem Schöntaler Hof steht die Biogasanlage, mit deren Abwärme in zahlreichen Großaspacher Haushalten geheizt wird. Fotos: A. Becher

Von Lorena Greppo

ASPACH. Wo Tiere gehalten werden, fällt Mist an. Zum Teil kann man diesen als Dünger verwerten, in Biogasanlagen kann damit aber auch Strom erzeugt werden. Eine solche Anlage betreibt Putenmäster Micha Baumgärtner auf dem Schöntaler Hof in Aspach. Der Mist wird gemeinsam mit Pflanzen – etwa Maissilage – vergärt und so wird Biogas erzeugt. Weil aber bei der Stromerzeugung auch einiges an Abwärme entsteht, kann damit Wasser erhitzt und so geheizt werden – anfangs nur der Hof mit den Ställen, 2016 ist in Zusammenarbeit mit der Süwag aber ein Nahwärmenetz an den Start gegangen. Aktuell werden so 78 Gebäude versorgt, das entspreche 330 Wohneinheiten, erklärt Jürgen Hagenlocher, der Projektleiter der Süwag. Angeschlossen sind auch Rathaus, Feuerwehr und die Julianakirche. „Wir haben schon lange vor, das Gebiet zu erweitern“, erklärt Hagenlocher. Neben dem Gebiet zwischen Klöpferbach, Strümpfelbacher Straße und Schulzentrum soll das Netz ausgehend von der Gartenstraße in Richtung Kindergarten Ulrichstraße erweitert werden. Die Ressourcen seien da. „Eine Obergrenze gibt es eigentlich nicht“, so der Süwag-Experte. Das bisher angedachte Gebiet zur Erweiterung würde flächenmäßig einer Verdopplung gleichkommen.

Im Frühjahr 2022 sollen die Bauarbeiten beginnen.

Aufgrund der Coronapandemie habe es sich schwierig gestaltet, mit potenziellen Kunden in Kontakt zu kommen. Mit Postwurfsendungen hat der Energieversorger Kontakt aufgenommen, zudem auch über die Verwaltung und den Gemeinderat für das Projekt geworben. „Zum Glück sind die Bürger untereinander gut vernetzt, so hat sich das Ganze herumgesprochen“, weiß Hagenlocher. Das Interesse sei groß, viele Anwohner hätten sich für Beratungstermine gemeldet. Um den Kunden die Entscheidung zu erleichtern, hat die Süwag ihnen einen Nachlass von 50 Prozent für die Anschlusskosten in Aussicht gestellt, wenn bis 15. Januar ein Auftrag erteilt wurde. Inzwischen habe man die Frist sogar noch verlängert bis zum 28. Februar, so Hagenlocher.

Dass die Süwag Nägel mit Köpfen machen will, hat einen einfachen Grund: Für die weitere Planung müssen die Verantwortlichen wissen, wie viele Anschlüsse es pro Straße gibt. „Es muss eine Mindestauftragszahl vorliegen“, erklärt Hagenlocher. So entscheide sich, in welchen Straßen Rohrleitungen gelegt werden. Ein nachträglicher Anschluss sei bei Fernwärme sehr aufwendig. „Das sind größere Baustellen als bei Strom und Gas.“ Schließlich fließt bei einem Nahwärme- beziehungsweise Fernwärmenetz heißes Wasser durch die Rohre – die Leitungen müssen folglich gedämmt werden. „Die Straßen müssen wir dafür aufreißen“, so Hagenlocher. Im ersten Abschnitt seien 4,4 Kilometer Leitungen verlegt worden. Die Süwag plant, im Herbst die Aufträge für die Arbeiten vergeben zu können, sodass der Baustart im Frühjahr 2022 erfolgt. Dann wird abschnittsweise mit dem Bau vorgegangen. „Bis zum Beginn der Heizperiode im Herbst soll alles fertig sein.“ Für Hauseigentümer ergeben sich einmalige Kosten in Höhe von etwa 10000 bis 15000 Euro, so die Einschätzung des Experten. „Dafür hat er dann eine neue Heizungsanlage, um die er sich nicht mehr kümmern muss und die alle Umweltanforderungen mehr als erfüllt.“ Die laufenden Kosten seien mit Heizöl- oder Gasheizungen vergleichbar, jedoch fallen Reparatur- und Wartungskosten weg. Sollte eine Pumpe kaputt gehen, übernimmt die Süwag den Austausch. Die Herstellungskosten des Projekts beziffert der Energieversorger mit etwa 2,2 Millionen Euro.

Dass die Verantwortlichen mit der Gemeindeverwaltung im Austausch stehen und von dort auch schon positive Signale erhalten haben, ist für die Süwag wichtig. „Sonst würde das Projekt sterben.“ Ein Anschluss von Schule und Kindergarten biete sich für die Gemeinde an. „In beiden Heizzentralen besteht Sanierungsbedarf“, weiß Hagenlocher. Das Blockheizkraftwerk der Schule könne dann wiederum das Netz mitversorgen – eine Win-win-Situation.

„Die Versorgungssicherheit ist ein großes Thema“, merkt der Projektleiter an. Diese könne aber sichergestellt werden. Die Netzleitstelle sei rund um die Uhr besetzt und greife bei Defekten schnell ein. Bislang habe es noch keine Versorgungsunterbrechung im bestehenden Netz gegeben, „das läuft alles sehr stabil“. Für den Notfall gibt es einen Heizölkessel, der jedoch noch nicht zum Einsatz kam. Auch Erdgas werde vorgehalten, denn ganz ohne geht es nicht. Aber: Im vergangenen Jahr wurde zu 90 Prozent die Bioabwärme genutzt, der Anteil an Erdgas lag nur bei 10 Prozent.

Statt eines Ölkessels findet bei der Nahwärmeversorgung eine Übergabestation im Keller Platz – in etwa wie bei Micha Baumgärtner selbst.

© Alexander Becher

Statt eines Ölkessels findet bei der Nahwärmeversorgung eine Übergabestation im Keller Platz – in etwa wie bei Micha Baumgärtner selbst.

Die Biowärme habe für die Kunden auch den Vorteil, dass der Preis vergleichsweise langfristig stabil bleibt. „Da sind wir nicht vom Weltmarkt abhängig“, so Hagenlocher, ebenso wenig von Klimaschutzabgaben. Er sieht noch mehr Pluspunkte für die Nahwärme: Die Kunden müssen kein Heizöl mehr bestellen, brauchen keinen Schornsteinfeger mehr und haben keinen Ölgeruch mehr im Keller. Dadurch, dass der Ölkessel weg kann und die benötigte Übergabestation vergleichsweise klein ist, haben sie mehr Platz zur Verfügung. Und – für die meisten das wichtigste Argument – sie beziehen nachhaltige Energie aus der Region. „Allein 2019 haben wir so mehr als 300000 Liter Heizöl beziehungsweise die entsprechende Menge an Erdgas eingespart. Das sind über 1000 Tonnen weniger Kohlendioxid pro Jahr“, teilt die Süwag mit. Für die Kunden ändere sich im Wohnbereich selbst nicht viel: „Das Wasser wird nur einfach anders erwärmt“, sagt Hagenlocher.

Beim Wechsel winken Zuschüsse

Bis zum 28. Februar erhalten Kunden, die einen Auftrag für den Anschluss an das Biowärmenetz in Großaspach erteilen, von der Süwag einen 50-Prozent-Nachlass auf die Hausanschlusskosten .

Seit Jahresanfang gibt es ein Bundesförderprogramm für die Umstellung von Ölheizung auf Nahwärme. „In Großaspach sind die Zuschüsse besonders hoch, weil der Anteil erneuerbarer Energie so hoch ist“, weiß Jürgen Hagenlocher. Die Zuschüsse betragen 45 Prozent der Kosten. „So günstig bekommt man so schnell keine neue Heizung mehr“, so Hagenlocher. Eine Umstellung lohne sich, selbst wenn der Heizkessel noch keine 20 Jahre alt ist.

Mehr Informationen zur „Bundesförderung Effiziente Gebäude – Einzelmaßnahmen Heizung“ gibt es auf dem Informationsportal Erneuerbare Energien unter: https://bit.ly/35IOi5M

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Erstellt:
21. Januar 2021, 06:00 Uhr

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