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Brücke am Bahnhof wird abgespeckt

Gemeinderat will Kosten sparen und beerdigt die ursprünglichen Pläne – Zeitplan soll trotzdem eingehalten werden

Einstimmig hat der Backnanger Gemeinderat im vergangenen Jahr den Bau einer neuen Brücke am Backnanger Bahnhof beschlossen. Sie soll endlich einen barrierefreien Zugang zu allen Bahnsteigen schaffen und auch einen optischen Akzent setzen. Wegen der hohen Kosten von fast sechs Millionen Euro hadern jetzt aber viele Stadträte mit der Entscheidung. Die Pläne werden deshalb nachträglich abgespeckt.

So sollte die verglaste Holzkonstruktion am Backnanger Bahnhof aussehen, stattdessen wird nun wohl eine einfache Stahlbrücke ohne Dach gebaut. Visualisierung: Büro Stadt Land Bahn

So sollte die verglaste Holzkonstruktion am Backnanger Bahnhof aussehen, stattdessen wird nun wohl eine einfache Stahlbrücke ohne Dach gebaut. Visualisierung: Büro Stadt Land Bahn

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Als Sven Schneider vom Architekturbüro Stadt Land Bahn aus Boppard im Mai 2019 seine Pläne im Gemeinderat präsentierte, gab es Lob von allen Seiten. Die Stadträte schwärmten von der gelungenen Architektur, Baudezernent Stefan Setzer sprach sogar von einem neuen Wahrzeichen, das künftig Pendler und Reisende in der Murr-Metropole empfangen wird. Doch nun sieht es so aus, als werde die von Betonpfeilern getragene Holzbrücke so nie gebaut – nicht wegen der Optik, sondern wegen der hohen Kosten.

Rund 5,8 Millionen Euro sollte die Stadtbrücke kosten, wobei die Stadt mit Zuschüssen von rund 2,5 Millionen gerechnet hatte. Angesichts von rund sechs Millionen Euro neuer Schulden, die die Stadt in diesem Jahr aufnehmen muss, ist das vielen Stadträten zu teuer. So forderte die CDU-Fraktionsvorsitzende Ute Ulfert in ihrer Haushaltsrede „eine Einsparung im Bereich von 1,5 Millionen Euro“. Das Bürgerforum wollte das Projekt am liebsten verschieben. Fraktionssprecherin Charlotte Klinghoffer sprach von einem „unnötigen Prestigeobjekt“, das ihre Fraktion ein halbes Jahr zuvor allerdings mitbeschlossen hatte.

Die Stadtverwaltung versprach daraufhin, nach einer günstigeren Lösung zu suchen und beauftragte das renommierte Stuttgarter Büro Schlaich, Bergermann und Partner mit einer Machbarkeitsstudie. Erste Entwürfe wurde den Stadträten bereits in nicht öffentlicher Sitzung präsentiert. Dabei handelt es sich um eine klassische Stahlbrücke, die mit oder ohne Überdachung gebaut werden kann. Außerdem schlagen die Planer vor, am Aufgang zur Maubacher Höhe auf einen Aufzug zu verzichten und die Barrierefreiheit über eine langgezogene Rampe herzustellen. Laut Baudezernent Stefan Setzer könnte man die Brücke so ungefähr eine Million Euro günstiger bauen. Trotzdem handle es sich nicht um einen reinen Zweckbau: „Wir haben weiterhin auch einen gestalterischen Anspruch.“

Architekt übt Kritik:„Das ist 08/15“

Im Gemeinderat stoßen die neuen Pläne auf breite Zustimmung: „Wir können nicht immer sagen, dass wir sparen müssen und es dann nicht machen“, sagt Ute Ulfert. Neben der Investitionssumme hat die Vorsitzende der CDU-Fraktion auch die Folgekosten im Auge: Die verglaste Holzbrücke hätte von außen nur von Industriekletterern gereinigt werden können. Dass der neue Entwurf optisch dezenter daherkommt, sieht Ulfert nicht als Nachteil: Schließlich seien mit dem neuen Zentralen Omnibusbahnhof und vielleicht auch einem neuen Bahnhofsgebäude weitere Projekte in Planung: „Ich glaube, eine etwas zurückhaltendere Sprache ist da gar nicht schlecht. Die Brücke soll ja nicht dominieren.“

Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Melanie Lang trauert hingegen dem ersten Entwurf nach: „Eine Holzkonstruktion hätte uns Grünen sehr gefallen.“ Gleichzeitig zeigt sie aber auch Verständnis für die Notwendigkeit zu sparen. Allzu schlicht sollte die Brücke aber nicht daherkommen, findet Lang: „Es wäre schön, wenn es in unserem schmucklosen Bahnhof auch etwas Ansprechendes gäbe.“ Auch SPD-Fraktionschef Heinz Franke räumt ein, dass er vom ersten Entwurf begeistert war: „Das war eine schöne Variante, aber wir können sie uns nicht leisten.“ Charlotte Klinghoffer vom Bürgerforum fühlt sich bestätigt: „Es geht also doch“, sagt sie zu den abgespeckten Plänen. Auch ihr habe der erste Entwurf gefallen, Kosten und Nutzen hätten aber in keiner Relation gestanden.

Wichtig ist den Stadträten vor allem, dass es keine weiteren Verzögerungen gibt: „Wir brauchen die Barrierefreiheit am Bahnhof dringend“, erklärt Heinz Franke. Weil Bauarbeiten über den Gleisen mit der Bahn bereits zwei Jahre vorher abgestimmt werden müssen, stehen die Termine für das Einsetzen der neuen Brücke im Jahr 2022 bereits fest. Baudezernent Stefan Setzer versichert, dass man diesen Zeitplan trotz geänderter Planung einhalten kann.

Unverständnis herrscht derweil in Boppard, wo die Mitarbeiter des Büros Stadt Land Bahn bereits in den Startlöchern saßen, um ihren Entwurf zu realisieren: „Es hat uns sehr überrascht, dass nachträglich wieder alles infrage gestellt wird“, sagt Architekt Sven Schneider. Er räumt zwar ein, dass die Stadtbrücke nach seinen Plänen kein Schnäppchen gewesen wäre. Dafür sei der Ansatz seines Büros innovativ und nachhaltig gewesen, „eine Neuinterpretation des traditionellen Baustoffs Holz“. Die Stadt hätte deshalb auch eine zusätzliche Förderung in Höhe von 200000 Euro aus dem „Holz-innovativ-Programm“ des Landes erhalten. Diese entfällt nun, wie Baudezernent Stefan Setzer auf Anfrage bestätigt. Die nun angedachte Variante ist in Schneiders Augen „keine Brücke, sondern ein Steg“, von der Idee eines innovativen Bauwerks sei nicht mehr viel übrig: „Das ist 08/15“.

Kommentar
Stadtbrücke wird zum Sparsteg

Von Kornelius Fritz

Backnang hat sich für die kommenden Jahre viel vorgenommen – vielleicht zu viel. Bis 2023 will die Stadt rund 88 Millionen Euro investieren. Die Verschuldung wird dadurch von derzeit knapp vier Millionen Euro auf geschätzte 26Millionen steigen – wenn der Gemeinderat nicht noch die Reißleine zieht.

In den Haushaltsreden haben deshalb auch fast alle Fraktionen ihren Sparwillen beteuert, vor schmerzhaften Einschnitten hat sich das Gremium am Ende aber gedrückt. So bleibt es bei Symbolpolitik: Die Pläne für die Stadtbrücke, vom Bürgerforum als „Prestigeprojekt“ gegeißelt, werden abgespeckt. Der Spareffekt ist überschaubar: Im besten Fall kann man die Kosten um eine Million Euro senken, gleichzeitig verliert man aber einen Zuschuss von 200000 Euro. Und man vergibt die Chance, einen der hässlichsten Orte der Stadt mit einem markanten Bauwerk aufzuwerten.

Die Stadtbrücke droht jetzt zum Sparsteg zu schrumpfen. Verantwortungsvoller Umgang mit Steuergeldern bedeutet aber nicht, möglichst viele Projekte möglichst billig zu realisieren, sondern Prioritäten zu setzen. Was einem wichtig ist, sollte man dann auch richtig machen.

k.fritz@bkz.de

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Erstellt:
1. Februar 2020, 06:00 Uhr

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