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Comeback der Idyllischen Straße

Genussstrecke existiert seit 51 Jahren – Rückblick von Zeitzeugen und Landräten beim Jubiläumsfest auf dem Murrhardter Marktplatz

Runde Geburtstage feiern kann jeder. „Wir setzen das 51. Jubiläum der Idyllischen Straße in Szene“, sagt Barbara Schunter von der Fremdenverkehrsgemeinschaft Schwäbischer Wald. Die im Jahr 1967 eröffnete Genussstrecke feierte gestern als „Route 51“ ihr Revival, mit Bühnenprogramm, Landräten, Zeitzeugen und zahlreichen Gästen auf dem Marktplatz in Murrhardt.

Dr. Richard Sigel, Mariel Knödler, Gerhard Bauer und Klaus Pavel (von links) erkunden bei einer Pressefahrt die Route 51. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Dr. Richard Sigel, Mariel Knödler, Gerhard Bauer und Klaus Pavel (von links) erkunden bei einer Pressefahrt die Route 51. Foto: A. Becher

Von Heidrun Gehrke

MURRHARDT. Im Jahr 1967 kostete der Liter Diesel 55 Pfennige. „Da war es nicht verwunderlich, dass sich die Straße großer Beliebtheit erfreute“, stellt Murrhardts Bürgermeister und Hausherr Armin Mößner die Idyllische Straße in den zeitlichen Kontext. Dass der regionale Tourismus einmal zu einer Massenbewegung mit Radwegen und Rundwanderungen werden würde, stand noch in den Sternen. Man zog sich die feine Sonntagskleidung an, setzte sich nach der Kirche ins Auto und unternahm ein „Fährtle“ ins Grüne. „Ferienstraßen waren eine Attraktion“, hält der frühere SWR-Abendschau-Moderator Jo Frühwirth beim Rahmenprogramm „Schlager trifft Schnitzel“ ihre ursprüngliche Bedeutung hoch.

Heute locke die „Route 51“ vermehrt Radfahrer und Wanderer durch eine „besondere Landschaft“, in der vor 51 Jahren niemand auf die Idee gekommen wäre, ihre „landschaftlichen Schönheiten“ und „Naturwunder“ zu preisen und zu vermarkten. Die Gegend war „karg und schwer zu bewirtschaften“, weiß Zeitzeuge Kurt Hofmann, Wirt des Löwen in Mönchhof bei Kaisersbach. Er nimmt als erster Gesprächsgast auf einem original Friseurstuhl aus den 60er-Jahren auf der Bühne Platz und lässt sich von Jo Frühwirth befragen zu den einstigen Sommerfrischlern. „Viele kamen aus Stuttgart, um in Ruhe im Wald spazieren zu gehen und Museen zu besuchen“, so Hofmann. Die Besucher hätten „sich selbst beschäftigt“ und seien abends mit „einfachen Gerichten und hausgemachter Wurst zum Vesper zufrieden gewesen“. Damals hatte nicht jeder ein Auto – oder wie heute mehrere. Von der heutigen Freizeitgesellschaft war man meilenweit entfernt. Im schwäbischen Wald spazierte das Geld nicht auf den Waldsträßle herum: „Die Leute mussten sich etwas einfallen lassen, um Touristen anzulocken“, berichtet Hofmann. Die Idyllische Straße habe die gewünschte Belebung gebracht, bei ihm seien Wirtsstube und Gästezimmer, die damals noch „Fremdenzimmer“ hießen, immer voll gewesen.

An Attraktionen kam einiges hinzu: Der Mühlenwanderweg wurde eingeweiht, Limesrelikte wurden rekonstruiert. Die Bedeutung der Idyllischen Straße als Touristenmagnet allerdings war zuletzt auf dem absteigenden Ast, der Lack war ab: „Viele Schilder verblichen und verwittert, die Beschilderung uneinheitlich, teilweise fehlten Schilder“, listet Murrhardts Bürgermeister Mößner auf. Daher sei die „feierliche Auferstehung einer alten Dame“ nur folgerichtig. Die etwas in die Jahre gekommene Idyllische Straße erlebe jetzt „stark mit Kosmetik“ aufgebretzelt ihr rundumgeliftetes Comeback. Über 100 neue Schilder seien von Straßenbauämtern angebracht worden. Die Strecke wurde an einigen Stellen abgeändert und um 50 Kilometer verlängert. Touristen erleben künftig auf 180 Kilometern ein „ausgedehntes Landschafts- und Naturerlebnis“, so Mößner.

Drei amtierende und

zwei Altlandräte auf den Spuren heutiger Sommerfrischler

Auf den Spuren heutiger Sommerfrischler machen sich die drei Landräte für den Rems-Murr-Kreis, den Ostalbkreis sowie Schwäbisch Hall auf zu einer Pressefahrt. Landrat Dr. Richard Sigel fühlt sich auf der Höhe von Käsbach, wo der Gemeindeverbindungsweg zugleich ein Radweg ist und an einigen Stellen mit gelben Wanderwegschildern gesäumt ist, „wie im schönsten und tiefsten Allgäu, und das nur 30 Kilometer von Stuttgart entfernt“. Nur den berühmten Katzensprung entfernt vom Ballungsraum führt der erneuerte Streckenverlauf in eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft und „in the middle of nowhere“. Heutige Ruhesuchende kommen mit ganz anderem Freizeitverhalten die kurvenreichen Sträßle hoch, um sich an den landschaftlichen Schönheiten zu laben. Man vertut während der Woche genug Lebenszeit im Stau – da flieht man am Wochenende gern vor Blechlawinen. Statt die Natur durch die Autoscheibe zu bewundern, wird sie erwandert und erradelt. In Zeiten von E-Bikes sind die Anstiege auf die Höhen des Schwäbischen Waldes nicht mehr ausschließlich für Sportcracks interessant, der Wald kann von allen Drahteselbesitzern erobert werden – das ist das Thema für Landrat Richard Sigel, der als jüngster Landrat in der Runde die E-Mobilität mit einbringt. Er wolle „die Straße neu denken“ und denke dabei vor allem an den „Ausbau der Ladestationen“.

Als Zeitzeugen beschrieben der Gastronom Kurt Hofmann, drei amtierende Landräte und zwei Altlandräte die Entwicklung des Tourismus in verschiedenen Epochen. Horst Lässing erinnerte an die Gründung der Fremdenverkehrsgemeinschaft mit dem Ziel, die Straße populärer zu machen. Der ehemalige Landrat Johannes Fuchs widmete sich den Vorzügen von Naherholung im Ballungsraum. Gerhard Bauer, Landrat Schwäbisch Hall, sprach über die Besonderheiten der Ferienregion für Radfahrer. Klaus Pavel, Landrat des Ostalbkreises, blickte als dienstältester Landrat auf die Tourismusentwicklung seit 1996 zurück und sprach über Heimat als „neuen Begriff für die Jugend“.

Wo es so viel ums Reisen auf der Idyllischen Straße ging, durfte eine gedankliche Zeitreise im Rahmenprogramm nicht fehlen: Kabarettist Frank Golischewski weckte mit Schlagern aus den 1960er-Jahren Erinnerungen. Auf dem Klosterhof wurden Oldtimer bestaunt. Highlight war ein Daimler-Reisebus aus dem Jahr 1948 mit Faltdach, Weißwangenreifen und einem mechanischen Winker statt der Blinker. In ihm könnten schon im Eröffnungsjahr der Idyllischen Straße Busreisende durch die Lande gegondelt sein – wie 51 Jahre später drei Landräte, Waldfee Mariel Knödler und Touristiker bei einer Pressefahrt.

Neuer Streckenverlauf der Idyllischen Straße Info Die Idyllische Straße wurde um 50 Kilometer auf eine Gesamtstrecke von rund 180 Kilometern erweitert. Die Ferienstraße zwischen Mainhardt und Alfdorf, Spiegelberg und Abtsgmünd führt vorbei an Mühlen, Badeseen, Burgen und Aussichtspunkten. Der Streckenabschnitt von Murrhardt durch grüne Wiesenlandschaften über Käsberg nach Vorderwestermurr und am Murrursprung vorbei nach Kaisersbach wurde neu mit aufgenommen. Ab Althütte hinzugekommen ist die Etappe über die Berglen bis Schorndorf. In Welzheim wurde die Straße ebenfalls neu gelegt – Reisende kommen künftig durch den Ort durch. Großerlach-Grab mit dem Weltkulturerbe Limes kam hinzu. Bei Spiegelberg passiert die Strecke künftig den Wetzsteinstollen. In Richtung Ostalb wurde die Straße bis Abtsgmünd verlängert. Zum Jubiläum haben Fremdenverkehrsgemeinschaft Schwäbischer Wald und Hohenlohe + Schwäbisch Hall Tourismus eine überarbeitete Karte der Autoroute herausgegeben. Darin wird eine Radroute vorgestellt, die entlang breiter Schotterwegs sowie wenig befahrener Straßen führt und gut mit dem Tourenrad oder E-Bike zu meistern ist (E-Ladesäulen sind verzeichnet). Auch eine Drei-Tage-Tour durch Wälder und Täler („Auf idyllischem Kurs“) ist beschrieben. Im Juni erscheint eine neue Sammelmappe mit 24 Rundwanderungen zur Idyllischen Straße. Mit Einführung des Wanderleitsystems sind die Touren nun lückenlos beschildert.

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Erstellt:
18. Juni 2018, 06:00 Uhr

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