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„Das Auto wird maßlos überschätzt“

Podiumsdiskussion „Mobilität in meiner Stadt“ in Backnang

Von Carmen Warstat BACKNANG. Eingeladen zur Podiumsdiskussion „Mobilität in meiner Stadt“ hatten der Solarverein Rems-Murr, die Stiftung Energie und Klimaschutz und die Stadt Backnang in das Technikforum. Zahlreiche Besucher folgten den Ausführungen der Experten und stellten zum Teil kritische Fragen. Es sei vor allem die subjektive Haltung zum Pkw bei der Mehrheit der Bevölkerung noch positiv, befand der Verkehrswissenschaftler, Raumplaner und Blogger Martin Randelhoff in der abschließenden offenen Diskussionsrunde. Tatsächlich werde das Auto „maßlos überschätzt“. Randelhoff, der für seinen Blog 2012 den Grimme-Online-Award erhielt, hatte die Diskussion mit einer sogenannten Keynote (früher nannte man das wohl Impulsreferat) eröffnet. Das Automobil bezeichnete er als ein seit Jahrzehnten funktionierendes System, was es schwierig mache, „aus diesem Kreislauf auszubrechen“. Unser Verkehrsverhalten sei vor allem „erlernt“ und bei älteren Menschen mit der stärksten Festlegung auf den Pkw „tief verwurzelt“. Aber auch Kinder führten uns die Problematik vor Augen: Es würden immer weniger von ihnen das Fahrradfahren erlernen. Wie es 2025 auf unseren Straßen aussehen wird, stünde schon jetzt fest, daher gelte es, über die Jahre 2030, 2040, 2050 zu reden. „Wieso bevorzugen Menschen den Pkw?“ Hauptsächlich gehe es ihnen um Planungssicherheit, die sie im Alltag benötigen und die vom öffentlichen Personennahverkehr nicht gewährleistet werde. Schlussfolgerung: Man müsse entweder den Pkw oder das Gesamtsystem verbessern und benötige „ganz andere Wertigkeiten“. „Wir brauchen eine Kombination verschiedener Verkehrsmittel.“ Die Stellplatzpflicht für den Handel gehört auf den Prüfstand Auf Backnang bezogen sprach der Keynote-Speaker sich für eine intensive Diskussion über Ziele und Wertigkeiten aus, die zu einer Priorisierung und Langzeitplanung führen müsse. Das Baurecht mit seiner Stellplatzpflicht für den Handel gehöre auf den Prüfstand – Mobilitätskonzepte wären die bessere Lösung, und schließlich sei „eine anständige Überwachung“ des Parkverhaltens unerlässlich. Randelhoff meinte hier etwa widerrechtlich an E-Ladesäulen parkende Autos mit Verbrennungsmotor. Nach der Keynote bat die Moderatorin Julia Hagel weitere Experten auf das Podium: Thomas Kiwitt ist leitender technischer Direktor im Verband Region Stuttgart und Johannes Schmidt bei der Emm! solutions GmbH beschäftigt. Als Vertreter der EnBW Energie Baden-Württemberg AG nahm deren Leiter Ladeinfrastruktur und Vertrieb Elektromobilität, Amadeus Regerbis, Platz. Johannes Schmidt äußerte die Vermutung, dass das Auto in zehn Jahren „noch“ das Mittel der Wahl sein werde, aber: „Das kann sich für die Großstädte drehen.“ Schon jetzt sei die Führerscheinrate bei jungen Leuten rückläufig. Norwegen habe in Aussicht gestellt, ab 2025 keine Pkw mit Verbrennungsmotor mehr zuzulassen, Frankreich ab 2040. Für Deutschland sei ein solches Szenario nicht realistisch, erwiderte Randelhoff und prophezeite, dass wir in fünf bis zehn Jahren gute Optionen als Käufer von E-Autos haben werden. Der chinesische Markt werde die Elektrifizierung vorantreiben. Menschen sollten dort angesiedelt werden, wo S-Bahnhöfe sind Die Ladestruktur thematisierte Amadeus Regerbis, der selbst ein Elektromobil fährt und von guten Erfahrungen damit berichtete. Ganze 561 E-Fahrzeuge gibt es derzeit im Rems-Mur-Kreis, warf die Moderatorin ein, das seien gerade mal 14 mehr als 2017. Offenbar kontra Straßenverkehr in jeder Form sprach sich Thomas Kiwitt aus und plädierte dafür, Schieneninfrastrukturen auszubauen und Menschen dort anzusiedeln, wo sich S-Bahnhöfe befinden. Die Fragen und Anmerkungen der Besucher waren vielfältig. So wurde die „Bolidenwerbung“ kritisiert, worauf das Podium realistisch reagierte, indem es dies als „marktwirtschaftliche Frage“ charakterisierte. Regerbis sprach von „hübschen Margen“, die die Hersteller von SUV einfahren. Arbeitszeiten und Beschäftigungsmodelle wurden diskutiert und Radschnellwege gefordert. Gerade hieran entzündete sich die sachliche Diskussion besonders und lief vorübergehend kreuz und quer durch den Saal. Ein Besucher stellte die Überlegenheit von Elektromobilen generell infrage und versuchte, seine Ausführungen fachlich zu untermauern. Und eine grundsätzliche Frage wurde gestellt: Ist es möglich, das Klima in der Demokratie zu schützen, oder brauchen wir ein ganz anderes System. Martin Randelhoff erteilte einer „Ökodiktatur“ eine deutliche Absage. Er halte sehr viel von der Demokratie, in der auch diese Probleme selbstverständlich lösbar seien.

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Erstellt:
1. Dezember 2018, 06:00 Uhr

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