Das Bildungszentrum – ein Kind der Reformjahre

Am Bildungszentrum Weissacher Tal (Bize) wird die Gemeinschaft des Weissacher Tals über die Gemeindegrenzen hinweg gelebt.

Rüdiger Frey und Isabel Hassler vor dem Bildungszentrum Weissacher Tal, das in den Reformjahren gebaut worden ist. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Rüdiger Frey und Isabel Hassler vor dem Bildungszentrum Weissacher Tal, das in den Reformjahren gebaut worden ist. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

Weissach im Tal. „Ich bezeichne das Bildungszentrum gerne als die Herzkammer des Weissacher Tals“, sagt Weissachs Bürgermeister Ian Schölzel. Er tut dies mit Blick auf die zentrale gemeinschaftsbildende Funktion des Bizes für die junge Generation: „Es war und ist identitätsstiftend fürs Weissacher Tal.“ Schölzel, seit Kurzem Vorsitzender des 1968 gegründeten Schulzweckverbands, betont zugleich: „Das Bildungszentrum steht für ein gelungenes interkommunales Miteinander und für die Zukunftsfähigkeit des Weissacher Tals.“

Ähnlich auch Rüdiger Frey, ab 1981 insgesamt 30 Jahre Geschäftsführer des Zweckverbands. Er spricht von einem „Schmelztiegel“: Jugendliche aus allen Teilen des Verbandsgebiets, aus Sechselberg ebenso wie aus Oberbrüden, Heutensbach und Bruch, treffen dort zum Lernen zusammen. In der Spitze waren es 1848 Schüler.

Fasziniert verfolgte Frey von Anfang an die Entwicklung am Bildungszentrum, wo das Weissacher Tal in seiner Gesamtheit gelebt wird. Die Bürgermeister der ursprünglich zwölf Gemeinden hatten in mehrfacher Hinsicht Mut bewiesen: Mit den Planungen hatten sie das Stuttgarter Büro Beyer/Weitbrecht/Volz beauftragt, das eine moderne, bis heute eindrucksvolle Architektur mit viel Stahl und Glas und mit den charakteristischen gelben Elementen an der Außenfassade realisierte. Wer das Gebäude betritt, stößt nicht auf ein schweres, erdrückendes Treppenhaus, sondern findet sich in einem weiten, hellen Raum mit nach unten angelegten Stufen – der Sitzmulde – wieder.

Die Schule selbst war nach dem neuen Konzept der Gesamtschule mit Ganztagsbetrieb verfasst, und die jungen Lehrkräfte, die dem Konzept folgend an die Modellschule strömten, repräsentierten eine neue Pädagogengeneration, ausgebildet nach Ideen der Reformpädagogik, die rund um die 68er-Zeit aufgekommen war.

„Wir hatten zuerst für zwei Jahre eine Orientierungsstufe“, erinnert sich Isabel Hassler, die im Jahr der Gemeindereform geboren wurde und in Weissach im Tal aufgewachsen ist. Nach der Grundschule in Unterweissach war klar, dass sie ans Bize gehen würde. „Es gab A-, B- und C-Kurse“ – je nach Leistungsvermögen. Darüber hinaus wurden, wie Frey ergänzt, dank der in den Anfangsjahren bestehenden 120-prozentigen Lehrerversorgung vielfältige Zusatzangebote gemacht: von AGs bis zu Stütz- und Förderkursen.

„Die Klassen waren bunt gemischt“, erinnert sich die ehemalige deutsche Meisterin im Sechser-Einradfahren, die als Kind und Jugendliche auch Flöte- und Orgelspielen lernte, im Bize-Schulchor sang, in der Kirche ministrierte und viele Jahre in den Garden des UCC tanzte. Ihre Mitschüler kamen aus dem ganzen Weissacher Tal. Die Schulleitung habe es, so erläutert Frey, auch als politisch-pädagogischen Auftrag verstanden, die junge Generation gemeindeübergreifend zusammenzubringen. „Ich bin sehr gerne ins Bildungszentrum gegangen“, resümiert Isabel Hassler, die zuletzt als Schulsekretärin an den Weissacher Grundschulen tätig war, und zählt als weitere Besonderheiten den ehemaligen Freizeitpavillon und das einstige Terrarium auf: „Es war eine außerordentliche Schule.“ Vom Bildungszentrum, namentlich von seinem Geschäftsführer Frey, ging überdies der Impuls zur Gründung des Kulturkreises aus.

In der Folgezeit durchlebte das Bize freilich auch Rückschläge und Krisen. So wäre der Zweckverband 1988 im Streit um weitere Investitionen schier geplatzt. Rettung kam in Gestalt der Gemeinde Weissach im Tal, die ihren Finanzierungsanteil erhöhte. Heute stellt das Bildungszentrum die Institution dar, die das Weissacher Tal in seiner Gesamtheit verkörpert.

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Erstellt:
11. September 2021, 06:00 Uhr

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