Ex-Facebook-Managerin rechnet mit Meta ab

Das Buch, das Mark Zuckerberg verbieten wollte

Sarah Wynn-Williams arbeitete jahrelang für Facebook und glaubte zunächst an die große Idee eines offenen Internets. In ihrem Buch beschreibt sie, wie aus Begeisterung Ernüchterung wurde und warum der Konzern nun erneut in der Debatte um Macht, Verantwortung und Meinungsfreiheit steht.

Mark Zuckerberg (r.) bzw. der Meta-Konzern gingen juristisch gegen Sarah Wynn-Williams' Buch vor.

© Verlag Kiepenheuer & Witsch und picture alliance/dpa | Andrej Sokolow

Mark Zuckerberg (r.) bzw. der Meta-Konzern gingen juristisch gegen Sarah Wynn-Williams' Buch vor.

Von Katrin Jokic

Als Sarah Wynn-Williams bei Facebook anfängt verspricht die Plattform Vernetzung, Austausch, mehr Offenheit. Für viele junge Menschen im Silicon Valley ist Facebook damals nicht einfach ein Arbeitgeber, sondern ein Ort, an dem angeblich die Zukunft gebaut wird. Wynn-Williams gehört zu jenen, die an diese Erzählung glauben.

In ihrem Buch „Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor“ erzählt die frühere Facebook-Managerin nun, was aus dieser Überzeugung wurde. Der englische Originaltitel „Careless People“ erschien 2025 und sorgte international für Aufsehen. Nun liegt das Buch in deutscher Übersetzung von Dorothee Merkel vor. In Kalenderwoche 26 steht es auf neu Platz 18 der „Spiegel“-Bestsellerliste in der Kategorie Paperback Sachbuch.

Wynn-Williams erzählt aus dem Inneren eines Konzerns, der inzwischen zu den mächtigsten Unternehmen der Welt gehört. Sie beschreibt Aufstiege, Dienstreisen, politische Treffen und eine Arbeitskultur, in der Nähe zur Macht zum Alltag wird. Plötzlich sitzt sie mit Spitzenpolitikern an einem Tisch, reist mit Mark Zuckerberg im Privatjet zu Terminen rund um den Globus und erlebt, wie ein Unternehmen, das sich als Motor der Meinungsfreiheit versteht, selbst immer stärker zum politischen Akteur wird.

Wynn-Williams beschreibt Facebook nicht nur als erfolgreiches Technologieunternehmen, sondern als Machtzentrum, dessen Entscheidungen Auswirkungen auf Öffentlichkeit, Wahlen, Gesellschaften und autoritäre Staaten haben. Es geht um den Umgang mit Regierungen, um Zugeständnisse gegenüber Staaten mit repressiven Strukturen, um interne Doppelmoral und um eine Führungskultur, die nach ihrer Darstellung Verantwortung oft von sich weist.

Facebook präsentierte sich lange als Plattform für freie Rede und globale Vernetzung. Gleichzeitig schildert die Autorin, wie das Unternehmen nach ihrer Darstellung bereit war, politische Kompromisse einzugehen, wenn Wachstum, Marktzugang oder strategische Interessen auf dem Spiel standen. Der Untertitel der deutschen Ausgabe – „Vom Ende der Meinungsfreiheit in den USA“ – verweist genau auf diesen Konflikt: Wer entscheidet eigentlich, was gesagt werden darf, wenn digitale Öffentlichkeit von privaten Konzernen kontrolliert wird?

Die Veröffentlichung hat auch deshalb Aufmerksamkeit bekommen, weil Meta juristisch gegen Wynn-Williams vorging. Das Unternehmen erreichte in den USA eine Entscheidung in einem Schiedsverfahren, die der Autorin untersagte, das Buch öffentlich weiter zu bewerben oder sich kritisch über Meta und Führungskräfte zu äußern. Der Verlag war davon nicht in gleicher Weise betroffen; das Buch blieb erhältlich. Genau dieser Versuch, die Autorin zum Schweigen zu bringen, machte den Fall aber erst recht zu einem Beispiel für das Problem, das das Buch beschreibt: die enorme Macht eines Konzerns, öffentliche Debatten zu beeinflussen.

Meta weist die Vorwürfe zurück. Das Unternehmen bezeichnete die Darstellung der Autorin als veraltet, bereits bekannt oder falsch und stellte ihre Glaubwürdigkeit infrage. Doch selbst wenn einzelne Darstellungen bestritten werden, bleibt die größere Frage bestehen: Wie viel Kontrolle über öffentliche Kommunikation darf bei wenigen privaten Unternehmen liegen?

Das Buch trifft damit einen Nerv. Die Debatte über Meta, Facebook, Instagram und WhatsApp ist längst nicht mehr nur eine Debatte über soziale Netzwerke. Es geht um politische Macht, um die Regeln digitaler Öffentlichkeit, um den Umgang mit Desinformation, um die Abhängigkeit von Plattformen und um die Frage, ob Konzerne glaubwürdig für Meinungsfreiheit eintreten können, wenn sie zugleich ihre Kritiker juristisch unter Druck setzen.

Für deutsche Leser ist das Buch auch deshalb relevant, weil die zentralen Fragen nicht in den USA enden. Auch hier informieren sich Millionen Menschen über Plattformen, deren Regeln und Prioritäten kaum demokratisch kontrolliert werden. Redaktionen, Politiker, Unternehmen und Nutzer sind abhängig von Systemen, die Sichtbarkeit zuteilen, Debatten lenken und Inhalte nach eigenen Maßstäben bewerten.

„Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor“ ist deshalb mehr als ein Enthüllungsbuch aus dem Silicon Valley. Es ist ein Beitrag zu einer größeren Debatte: Was passiert, wenn einige wenige Menschen und Unternehmen darüber mitentscheiden, wie Öffentlichkeit funktioniert? Und was bleibt von der Idee der freien Rede, wenn ausgerechnet ihre lautesten Verteidiger versuchen, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen?

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Erstellt:
18. Juni 2026, 12:30 Uhr

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