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Das Gift der Provinz

Dem Heilbronner Regisseur Felix Hassenfratz gelingt mit seinem strengen Kinodebüt „Verlorene“ ein großer Wurf

Porträt - Er geht dorthin, wo er sich auskennt – und wo es wehtut: In seinem Kino-Erstling gibt Felix Hassenfratz mit knappen Dialogen und kargen Szenerien seiner süddeutschen Heimat ein inzestuöses Gesicht. Dem Publikum mutet er einiges zu – und das ist gut so.

Das Gift der Provinz

Stuttgart Maria ist nicht wie andere achtzehnjährige Mädchen. Anstatt sich wie ihre jüngere Schwester Hannah mit Gleichaltrigen zu treffen, übt sie wie besessen Stücke von Bach auf der Dorfkirchenorgel. Wenn Maria (Maria Dragus) spielt, fühlt sie sich wohl, sonst muss sie immer erwachsen sein und für ihren Vater Johann (Clemens Schick) den Haushalt schmeißen.

Die Mutter ist tot – und Johann fällt nach der Arbeit oft erschöpft ins Bett. Hannah (Anna Bachmann) mopst ihm Tabletten, die sie in ihrer Clique verteilt. Sie selbst betäubt ihre Langeweile und Trauer lieber mit lauter Rockmusik in ihrem Versteck im Wald. Maria hat andere Methoden, um mit schlechten Gefühlen umzugehen.

Ziemlich lange hält der Filmemacher Felix Hassenfratz in seinem Drama „Verlorene“ hinterm Berg, was genau schiefläuft im Leben seiner Protagonisten. Man ahnt trotzdem, dass nicht allein der Verlust der Mutter diese Kleinfamilie niederdrückt.

Felix Hassenfratz, Jahrgang 1981, ist in Heilbronn geboren. In seinem ersten langen Spielfilm, den er am Donnerstag im Atelier am Bollwerk in Stuttgart vorgestellt hat, porträtiert er Menschen in der süddeutschen Provinz, die bei Gottesdiensten und Dorffesten unter sich bleiben. Hassenfratz bezeichnet „Verlorene“ als Antiheimatfilm – und tatsächlich wirkt Marias und Hannahs Lebensraum in einem fiktiven Dorf im Südwesten von der ersten Einstellung an unerträglich eng und trist.

Der Regisseur selbst lebt seit fünfzehn Jahren in Köln, versteht sein Werk aber nicht als Abgesang auf seine Herkunft. „Ich glaube, dass ich in dem Mikrokosmos, in dem ich groß geworden bin und der mich fasziniert, alle denkbaren Figuren und Geschichten finde“, sagt er. „Mich zieht es in meine Heimat, ich will die Geschichte da erzählen, wo ich mich auskenne.“ Die Geschichte der Schwestern Maria und Hannah könnte im Grunde aber überall spielen.

In knappen Dialogen und kargen Szenerien schildert Hassenfratz das inzestuöse Verhältnis zwischen einem Vater und dessen ältester Tochter. Nach dem Tod der Mutter hat Maria deren Platz eingenommen: als Stellvertreterin der Ehefrau an der Seite des Vaters. Die jüngere Hannah kommt dem Geheimnis nur langsam auf die Spur, versucht aber umso verzweifelter, ihre Schwester vorm Zugriff des Vaters zu retten.

Ein Film wie „Verlorene“ hat es mit seinem harten Sujet schwer am Markt. „Mir wurde vorgeworfen, es sei alles zu wuchtig, zu überfrachtet mit Symbolen, aber das ist Geschmackssache“, sagt Hassenfratz. Die Finanzierung sei nicht einfach gewesen, trotzdem konnte er SWR und WDR überzeugen und Fördermittel beantragen. Mit Maria Dragus und Clemens Schick hat er überdies bekannte Schauspieler für sein Projekt gewonnen. „Unter reinen Marktbedingungen“, sagt Hassenfratz, „hätte es diesen Film aber nicht gegeben.“ Das außergewöhnliche Debüt hat allerdings schon einige Preise auf Festivals gewonnen, im Dezember lief „Verlorene“ auch im Wettbewerb der Filmschau Baden-Württemberg. Den mit 2000 Euro dotierten Baden-Württembergischen Filmpreis holte dort aber Jens Wischnewskis „Tatort: Anne und der Tod“, eine Entscheidung, die nachdenklich macht. Anders als Hassenfratz’ „Verlorene“ dürfte es Wischnewskis Stuttgarter „Tatort“-Folge leichter haben, weil sie als etablierte Marke schnell ein Publikum findet. Kleinere, kantigere Projekte, könnte man denken, bräuchten die Förderung dringender. „Da waren wir alle überrascht, denn eigentlich ist es ein Förderpreis“, findet Hassenfratz. Er ist aber dankbar für die Preise, die sein Film bereits bekommen hat, wie zum Beispiel bei den Biberacher Filmfestspielen. „Jede Jury hat das Recht, den Film auszuzeichnen, der sie am meisten überzeugt hat“, sagt er.

Für viele junge Filmemacher bieten inzwischen Online-Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime interessante Perspektiven. „Netflix gibt seinen Kreativen eine große Freiheit“, sagt auch Hassenfratz und sieht im seriellen Erzählen eine große Chance. „Mich zieht es dahin, weil ich den Eindruck habe, dass die Serie der Romanform ähnlicher ist als die geschlossene Form des Spielfilms.“ Seine Drehbücher seien immer zu lang gewesen, zwischendurch habe man überlegt, ob man aus „Verlorene“ nicht einen Zweiteiler hätte machen können. „Ich finde Serien toll, weil ich die Erzählform einfach schätze.“ Kinofilme sollten dennoch nicht zum Auslaufmodell verkommen, „der Kinoraum ist immer noch ein ganz besonderer“, sagt Felix Hassenfratz und strahlt.

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Erstellt:
21. Januar 2019, 16:10 Uhr

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