Das Glockenquartett ist komplett

Der Glockenstuhl der katholischen Kirche St. Michael in Kirchberg an der Murr ist erweitert worden. Die siebenjährige Odyssee von drei Kirchenglocken ist beendet. Nun gibt es auch wieder Gottesdienste für die Gläubigen.

Die historische Glocke aus dem 16. Jahrhundert und die neuen Glocken sind nun an Ort und Stelle. Sie werden nicht mehr von Hand geläutet. Foto: H. Steven

Die historische Glocke aus dem 16. Jahrhundert und die neuen Glocken sind nun an Ort und Stelle. Sie werden nicht mehr von Hand geläutet. Foto: H. Steven

Von Simone Schneider-Seebeck

KIRCHBERG AN DER MURR. Nach sieben Jahren finden drei Glocken nun ihren angestammten Platz im verstärkten Glockenturm. Am morgigen Sonntag gibt es nach mehrmonatiger Schließung wieder einen Gottesdienst in der katholischen St.-Michaels-Kirche in Kirchberg an der Murr. So manch ein Gemeindemitglied mag es nicht mehr für möglich gehalten haben, doch die siebenjährige Odyssee von drei Kirchenglocken findet nun ihren Abschluss bei der feierlichen Einweihung kurz vor dem Michaelstag.

Seit der Fertigstellung des Kirchengebäudes Mitte der 50er-Jahre war die Glockensituation eher provisorisch. Denn die einzige Glocke, die in dem zierlichen Glockentürmchen ihren Platz fand, gilt bis heute als Leihglocke. Damals war sie vom sogenannten Glockenfriedhof aus Hamburg zur Gemeinde gekommen. Auf diesem Sammelplatz waren Glocken aus dem ehemaligen deutschen Reichsgebiet gelagert, die ursprünglich zur „Sicherung der Metallreserve“ des Dritten Reichs beschlagnahmt worden waren. Und so stammte die Leihglocke ursprünglich aus Deutsch Kamitz in Oberschlesien.

Im Jahr 1526 war sie gegossen worden und hat den Schlagton F‘‘. Ende der 70er-Jahre übernahm Pfarrer Hartmut Günther die Gemeinden Kirchberg, Burgstall und Affalterbach, und für ihn war der Ausbau der ihm anvertrauten Kirchen ein wichtiges Anliegen. Bereits in den 80er-Jahren rief er zu Spenden auf, um das Geläut in Kirchberg zu erweitern. Doch zunächst standen wichtigere Umbau- und Renovierungsarbeiten an, sodass das Glockenthema zunächst auf Eis gelegt werden musste.

Der Glockenturm musste verstärkt werden.

2013 jedoch konnte der geplante Glockenguss schließlich realisiert werden. Am 25. April fand sich eine Delegation der Kirchengemeinde St. Michael um Pfarrer Günther in der Glockengießerei Bachert in Karlsruhe ein, um das Gießen der drei Glocken aus einer Bronzelegierung zu begleiten. Doch nur acht Tage später ereilte ein unerwarteter Schlag die Gemeinde, denn vollkommen überraschend verstarb Pfarrer Günther.

Die Glocken mit den Schlagtönen C‘‘, Es‘‘ und As‘‘ verblieben vorerst noch in Karlsruhe. Ein Grund war die lange Auskühlzeit, ein weiterer, dass noch keine Maßnahmen ergriffen worden waren, um den Glockenturm für das zusätzliche Geläut vorzubereiten. Erschwerend kam hinzu, dass die Kirchengemeinde in den nächsten Jahren vorerst ohne kontinuierliche seelsorgerische Betreuung war, was die Planungen nicht erleichtert hat. Erst im Jahr 2018 wurde Pfarrer Julius Ekwueme ein fester Bestandteil der Kirchengemeinde, seit Februar 2020 ist er leitender Pfarrer der Gemeinden Kirchberg und Oppenweiler.

2015 nahm sich schließlich der Kirchengemeinderat des Themas an. Die Glocken fanden nun zumindest schon den Weg in die neue Heimatgemeinde und wurden vorerst in einer Garage zwischengelagert. Doch bevor es mit den Planungen losgehen konnte, musste noch die Erlaubnis der Diözese Rottenburg dafür eingeholt werden. Im Jahr 2017 fand sich mit dem Architekturbüro RAK aus Ludwigsburg ein geeigneter Partner, um den Aus- und Umbau realisieren zu können. Auch ein Statiker sowie ein Bauphysiker wurden ins Team geholt. Denn die neue Konstruktion sah vor, einen Stahlunterbau auf die Außenwände der Kirche anzubringen. Daher musste vorab geprüft werden, ob die beiden belasteten Wände die Schallwellen des erweiterten Geläuts aushalten würden. Schlussendlich waren noch verschiedene Genehmigungsverfahren notwendig, doch schließlich konnte im März 2020 mit der Realisierung des Vorhabens begonnen werden – doch durch Corona wurde der Fortgang erst einmal etwas ausgebremst. Denn höchstens zwei unterschiedliche Firmen durften sich zeitgleich auf der Baustelle aufhalten. Daher war viel Koordination gefragt.

Doch es hat geklappt. Nach gut sechs Monaten ist die katholische Kirche nun wieder für den Gottesdienst geöffnet. Das Gerüst ist weg. Und rein äußerlich hat sich eigentlich nicht viel an der kleinen Kirche geändert. Im Zuge der Baumaßnahmen wurde das Dach komplett erneuert. Am Turm selbst jedoch ist kaum eine Veränderung zu sehen. „Die neuen Schallläden sehen ordentlicher aus als die alten“, sagt Kirchengemeinderätin Irene Enge lächelnd. Dafür hat sich im Inneren einiges getan. Das alte Dach wurde geöffnet, denn die beiden großen Glocken hängen im Dachboden. Dafür wurden flache Schleppgauben mit Schallluken eingebaut. Das neue Dach wurde gegen die Orgelempore dicht abgeschlossen und isoliert. Nun ist der Zugang zur Glockenkonstruktion nur über einen Revisionszugang möglich. So kann die Wartung ausgeführt oder eine Glocke ausgetauscht werden. Denn möglicherweise wird die historische Glocke ebenfalls auf eine Reise gehen. „Als Zeichen der Versöhnung mit Polen möchte unser Bischof Kontakt zu den Herkunftsgemeinden der Leihglocken aufnehmen“, berichtet Enge. „Falls sie sie zurückhaben möchten, würden wir eine neue bekommen.“ Wie es mit der oberschlesischen Glocke weitergeht, steht jedoch noch nicht fest.

Nachdem im Mai durch Pfarrer Julius Ekwueme und Dekan Wolfgang Kessler die Weihe der neuen Glocken im kleinen Kreis stattgefunden hatte (wir berichteten), erklingt das Glockenquartett am Sonntag zum ersten Gottesdienst nach der Wiedereröffnung der Kirche zum ersten Mal offiziell. Dabei war bis vor zwei Wochen nicht einmal sicher, ob das so stattfinden kann. Denn beim Probeläuten hatte sich herausgestellt, dass noch Änderungen notwendig waren, die durch Glocken-, Stahl- und Holzbauer jedoch noch rechtzeitig erledigt werden konnten. Coronabedingt sind nur bis zu 28 Personen im Inneren der Kirche, die normalerweise gut 90 Besucher fasst, zugelassen. Auch das Michaelsfest kann nur in abgespeckter Version mit einem Umtrunk vor der Kirche stattfinden. Doch die Freude darüber, dass nun, nach über sieben Jahren, endlich Pfarrer Günthers Traum umgesetzt werden konnte, überwiegt.

Kirchengemeinde St. Michael Kirchberg, Burgstetten und Affalterbach startet morgen wieder neu

Die Umbauarbeiten an der Kirche St. Michael in Kirchberg an der Murr sind abgeschlossen. Mit einem Gottesdienst zum Michaelsfest nimmt die katholische Kirchengemeinde St. Michael Kirchberg, Burgstetten und Affalterbach am Sonntag, 27. September, um 10.45 Uhr ihre kirchlichen Feiern in dem Gotteshaus in Kirchberg wieder auf. Die Anzahl der Teilnehmer ist begrenzt. Die Gottesdienstregeln hängen in der Kirche aus. Die Gottesdienstbesucher müssen sich in eine Liste eintragen, um Infektionsketten rückverfolgen zu können. Diese liegt vor den Gottesdiensten in der Kirche aus. Wegen der aktuellen Coronalage wird es kein Gemeindefest geben.

Über der Empore wurde eine Stahlkonstruktion errichtet, die nur auf zwei Seitenwänden aufliegt. Frei darauf befindet sich eine Holzkonstruktion der Firma Bachert. Der umgebende Turm wird davon nicht berührt, sodass keinerlei Vibration auf ihn übertragen wird. Die bestehenden Schallöffnungen wurden vergrößert. Da im Turm kaum Platz ist, wurden individuelle Sonderanfertigungen und neue Ideen umgesetzt.

Das Geläut wurde elektrifiziert. Während die historische Glocke noch von Hand geläutet wurde, kommen nun magnetische asynchrone Linearmotoren zum Einsatz. Dabei wird neben jeder Glocke eine elektrisch angetriebene Magnetplatte angebracht, die das Joch hin- und herbewegt und so die Glocke zum Läuten bringt. Die Antriebe sind geräuschlos und benötigen kaum Wartung. Die Steuerung befindet sich in der Sakristei und kann sowohl manuell als auch fest programmiert bedient werden.

Zu folgenden Zeiten werden die Glocken zu hören sein: zum Angelusläuten täglich um 12 und 18 Uhr, vor den Gottesdiensten, jeden Freitag um 15 Uhr.

Die Baukosten sind noch nicht abschließend bekannt. Sie werden ausschließlich über Rücklagen der Kirchengemeinde finanziert.

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Erstellt:
26. September 2020, 06:00 Uhr

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