„Das hier ist mein Erholungsgebiet!“

Die ersten warmen Sonnenstrahlen am Wochenende locken die Leute aus den vier Wänden in die Natur. In den Weinbergen und in den Gartengrundstücken bereitet man sich auf den Frühling vor. Schaffen ist angesagt, oder auch wandern und Rad fahren.

Der zweite Arbeitstag im Kirchberger Weinberg: Karin Schneller ist damit beschäftigt, das Garn von den alten Trieben zu entfernen, damit ihr Mann Rainer die alten Reben wegschneiden kann. Danach werden die neuen Triebe an der Drahtvorrichtung aufgebunden. Fotos: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Der zweite Arbeitstag im Kirchberger Weinberg: Karin Schneller ist damit beschäftigt, das Garn von den alten Trieben zu entfernen, damit ihr Mann Rainer die alten Reben wegschneiden kann. Danach werden die neuen Triebe an der Drahtvorrichtung aufgebunden. Fotos: T. Sellmaier

Von Simone Schneider-Seebeck

KIRCHBERG AN DER MURR. Nichts gegen einen klaren frostigen Wintertag, wenn der Schnee in der Sonne glitzert und der Himmel hellblau strahlt. Doch wenn die Temperaturen steigen und sich die ersten Frühlingsblumen aus der Erde wagen, auf einmal zarte Knospen an Sträuchern und Bäumen sprießen, dann packt es einen richtig – endlich wieder draußen sein, ohne sich dick einpacken zu müssen. Ja, in der Sonne reicht oftmals schon ein T-Shirt aus. Ist innerhalb der letzten Tage der starke Temperaturanstieg auch etwas überraschend gekommen, so zeigt sich: Den Menschen zieht es wieder hinaus in die Natur. Ob zum Spazierengehen, Radfahren oder auch zum Arbeiten. Denn jetzt geht es so langsam los in den Weingärten und auf dem Stückle. Zeit, das Alte hinter sich zu lassen und alles bereit für das junge neue Jahr zu machen.

Kirchbergs Weinberge strahlen an diesem Samstagnachmittag im Sonnenschein. Noch sind außer verschiedenen Grün- und Brauntönen nicht allzu viele Farben zu sehen, doch im Licht der Nachmittagssonne sieht alles freundlich aus. Und richtig warm ist es auch schon. Erstaunlich viel los ist auf dem Weg an den Weinstöcken vorbei. Radfahrer und Spaziergänger sind unterwegs, das ein oder andere Auto rumpelt zum Stückle oder wieder zurück, an den Hängen sieht man passionierte Weinbauer arbeiten. So wie Karin und Rainer Schneller.

Dieser warme Samstag ist der zweite Arbeitstag im Weinberg. „Ich fange immer so spät an, aber das reicht mir gut“, schmunzelt Rainer Schneller. Seine Frau Karin ist damit beschäftigt, das Garn von den alten Trieben zu entfernen, damit er die alten Reben wegschneiden kann. Danach werden die neuen Triebe an der Drahtvorrichtung aufgebunden. Das Garn zu entfernen, ist eine ziemliche Fitzelarbeit. Sorgfältig wird es in der eigens umgehängten Kirchberg-Tasche gesammelt, denn „es verrottet nicht“, wie sie erklärt. Das Schneiden und Aufbinden dauert etwa vier Wochen, erklärt der Kirchberger. Nur abends oder am Wochenende kommt er dazu, doch er freut sich schon auf das nächste Jahr: „Ab nächstem Jahr wird es besser, da bin ich Rentner.“

„Man muss das schöne


Wetter ausnutzen.“

Auch Marc Sackmann ist mit dem Schneiden der Reben beschäftigt. Es sieht nach einer sehr meditativen Arbeit aus. „Man muss noch die Drahtanlagen richten, dann kann man sie aufbinden“, erklärt er. Schon am Samstagmorgen war er da und hat einige Stunden in seinem Weinberg verbracht, nun am Nachmittag geht es weiter: „Man muss das schöne Wetter ausnutzen.“ Gerade ist er am Kerner dran. Doch noch andere Trauben wachsen auf seinem Grundstück – Spätburgunder, Samtrot, Schwarzriesling und selbstverständlich auch der Trollinger. „Wenn die Tage wieder länger werden, kann man auch mal wieder abends für zwei bis drei Stunden kommen“, so der Wengerter, ansonsten nutzt er das gute Wetter am Wochenende. Gut 40 Stunden, schätzt er, braucht er für diese Arbeit an den Weinstöcken.

Doch nicht nur Arbeitswillige sind bei den frühlingshaften Temperaturen unterwegs. Familie Fritz ist aus Freiberg am Neckar in die Kirchberger Weinberge gekommen. „Wir sind einfach so unterwegs“, sagen die Eltern. Aus der Not der begrenzten Freizeitmöglichkeiten hat die fünfköpfige Familie eine Tugend gemacht und hat in den vergangenen Monaten die nähere Umgebung erkundet, egal bei welchem Wetter. Über die Wander-App Komoot informieren sie sich, was es denn für interessante Wandermöglichkeiten gibt, und dann geht es raus in die Natur.

Im Kirchberger Weinberg sind sie das erste Mal. Zwei bis drei Stunden sind sie jedes Mal unterwegs, ein kleines Picknick gibt es zwischendurch auch. Dieses Mal Brötchen mit heißen Würstchen. Und damit die auch schön heiß bleiben, werden sie in der Thermoskanne transportiert. Geniale Idee. Nur – „Mit einer richtigen Gabel geht es besser“, lacht Mama Fritz, die mit einer Plastikgabel nach den Würstchen angelt. Schließlich leert sie die Kanne einfach aus. Auf den Steinen am Wegrand finden alle fünf einen Platz an der Sonne und genießen die kleine Pause. Auch den drei Jungs gefallen die gemeinsamen Ausflüge sehr gut. Und bei dem schönen Ausblick in das kleine Eichbachtal hinunter schmeckt es auch gleich noch einmal so gut.

„Man probiert immer mal


wieder was Neues aus.“

Ein paar Meter weiter ruhen sich Ines Ender und Andreas Breckle aus Murr an einer Wengerterhütte aus und genießen ein kleines Vesper. Die beiden sind seit fast zwei Stunden mit ihren Rädern unterwegs. Zwölf Kilometer haben sie bereits hinter sich. „Wenn das Wetter mitmacht und wir Zeit und Lust haben, dann sind wir viel unterwegs“, sagt Andreas Breckle. Auch sie sind das erste Mal im Kirchberger Weinberg. „Man probiert immer mal wieder was Neues aus, auch fernab der Radwege.“

Auch die Kirchberger wissen ihren Weinberg zu schätzen und spazieren mal schneller, mal langsamer den etwas abenteuerlichen Weg entlang. „Man muss gar nicht in den Schwarzwald fahren, hier ist es so schön“, findet ein Kirchberger Ehepaar, das flott voranschreitet.

Frau Fund erklärt im Brustton der Überzeugung: „Das hier ist mein Erholungsgebiet!“ Seit dem Mittag werkelt sie in ihrem Gartengrundstück am Eichbach. Die Beete müssen auf die nächste Saison vorbereitet werden. So bald wie möglich möchte sie den ersten Salat und Radieschen setzen. Seit über 30 Jahren hat sie den Garten gepachtet. Ursprünglich bestand das Grundstück nur aus Wiese, nun stehen hier ein Gartenhäuschen, ein Gewächshaus und ein Frühbeet, Pflanzflächen sind vorbereitet, Kräuter und Sträucher fühlen sich hier wohl. „Früher war ich mit den Kindern hier, heute mit den Enkeln“, erzählt sie, die sportlich mit dem Rad rausgefahren ist. Und sie ist sehr stolz darauf, dass sie so ihren Kindern die Liebe zum Gärtnern vermitteln konnte.

Wer genau hinschaut, der findet auch noch Farbtupfen im Braun und Grün. Weiße Schneeglöckchen, gelbe und violette Krokusse recken ihre Gesichter in die Sonne. Ein verheißungsvoller Vorgeschmack auf den Frühling.

Familie Fritz aus Freiberg informiert sich mit einer Wander-App über interessante Wanderstrecken.

© Tobias Sellmaier

Familie Fritz aus Freiberg informiert sich mit einer Wander-App über interessante Wanderstrecken.

Ines Ender und Andreas Breckle aus Murr genießen die Sonne und den Ausblick bei ihrer Pause.

© Tobias Sellmaier

Ines Ender und Andreas Breckle aus Murr genießen die Sonne und den Ausblick bei ihrer Pause.

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Erstellt:
22. Februar 2021, 06:00 Uhr

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