Das Rennen um den Chefsessel in Großerlach nimmt doch noch Fahrt auf

Nachdem es in Großerlach wochenlang keine Anwärter auf die Nachfolge von Bürgermeister Christoph Jäger gibt, bildet sich kurz vor Bewerbungsschluss doch noch ein breites Bewerberfeld heraus. Im Gemeinderat wird eine enge Wahl erwartet.

Der scheidende Bürgermeister von Großerlach Christoph Jäger ist als Vorsitzender des Gemeindewahlausschusses erleichtert über die große Anzahl eingegangener Bewerbungen. Foto: Tobias Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Der scheidende Bürgermeister von Großerlach Christoph Jäger ist als Vorsitzender des Gemeindewahlausschusses erleichtert über die große Anzahl eingegangener Bewerbungen. Foto: Tobias Sellmaier

Von Kai Wieland

Großerlach. „Am Anfang herrschte völlige Funkstille, das war wie ein Spuk“, sagt Christoph Jäger. Der scheidende Bürgermeister der Gemeinde Großerlach und Vorsitzender des Wahlausschusses für die Bürgermeisterwahl am 28. Januar (gegebenenfalls Stichwahl am 18. Februar) hat aufwühlende Wochen hinter sich, beginnend mit seiner Ankündigung im September, für eine weitere Amtszeit nicht mehr zur Verfügung zu stehen (wir berichteten). „Ich bin ein emotionaler Mensch“, sagt Jäger, der mehr als 20 Jahre lang, über drei Amtsperioden hinweg, die Geschicke der Gemeinde leitete. „Dieses Amt ist nichts, was man wie einen Mantel an der Garderobe einfach ablegt.“

Als umso quälender habe er daher die ersten Wochen nach der Ausschreibung der Bürgermeisterstelle Ende Oktober empfunden, denn Bewerberinnen und Bewerber waren weit und breit keine in Sicht. „Da hatte ich wirklich schlaflose Nächte“, gesteht er. „Wir konnten das auch absolut nicht begreifen, die Gemeinde steht ja gut da und hat meines Erachtens auch einen guten Ruf.“ Eigeninitiative sei für ihn in dieser Situation nur begrenzt möglich gewesen. „Man kann die Nachricht, dass ein Nachfolger gesucht wird, auf möglichst vielen Kanälen streuen, das habe ich auch getan. Jemanden gezielt anzusprechen, würde ich aber für schwierig halten.“

Vier Bewerbungen in letzter Minute

Erst am 18. Dezember kam mit der Bewerbung des Stuttgarters Melih Göksu (33), der als Mitarbeiter im Landratsamt des Rems-Murr-Kreises tätig ist, Bewegung in die Sache. Seitdem hat das Rennen um die Stelle des Großerlacher Bürgermeisters doch noch unerwartet an Fahrt aufgenommen. Kurz vor Jahresende reichte der Backnanger Privatier Denis Sipahi (45) seine Bewerbung ein, am vergangenen Dienstag folgten vor dem offiziellen Bewerbungsschluss um 18 Uhr noch der Wüstenroter Gemeinderat und Mikrobiologe Kay Schloe (59), die Industriekauffrau Nicole Feuchter (31) aus Großerlach, der Verwaltungsbeamte Kevin Dispan (30) aus Marbach am Neckar sowie der 49-jährige Erdbauunternehmer Simon Beck aus Großerlach. „Als die ersten Bewerbungen eingingen und noch weitere in Aussicht standen, war das schon ein richtiges Aufatmen“, sagt Christoph Jäger.

Gleichwohl sorgte der späte Ansturm auf den Rathaussessel nach der zähen Anfangsphase auch für Erstaunen. „Ich hatte das so nicht erwartet“, erzählt der Fraktionsvorsitzende der Freien Wählervereinigung im Großerlacher Gemeinderat Hans Wohlfahrt. Erklären könne er sich das Phänomen nicht, doch letztlich überwiege die Erleichterung darüber, dass die Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde Großerlach nun eine Wahl bekommen, die diesen Namen auch verdient. „Als es anfangs längere Zeit keine Reaktion auf die Stellenausschreibung gab, ist schon eine gewisse Unruhe aufgekommen“, erinnert sich Wohlfahrt. Die Bewerbung von Göksu habe dann zwar das Eis gebrochen, doch gehörten zu einer echten Wahl immer mindestens zwei oder noch mehr geeignete Kandidaten, sagt Wohlfahrt, dem insbesondere Kompetenz in Verwaltungsfragen wichtig ist. „In einer kleinen Gemeinde wie Großerlach ist es nun einmal so, dass der Bürgermeister auch viele operative Aufgaben wahrnehmen muss.“

Mehrere geeignete Kandidaten erfolglos angesprochen

Markus Zick, Fraktionsvorsitzender der Unabhängigen Wählerliste Großerlach, teilt die Erleichterung seines Gemeinderatskollegen. Einen Kandidaten aus den eigenen Reihen hatten ihm und Wohlfahrt zufolge beide Fraktionen frühzeitig ausgeschlossen. Stattdessen habe man zwar versucht, hier und da geeignete Kandidaten insbesondere aus dem Bereich der Verwaltung anzusprechen, allerdings erfolglos. „Man muss ja auch klar sagen, dass mögliche Kandidaten mit der entsprechenden fachlichen Eignung nicht an jeder Straßenecke stehen“, betont Wohlfahrt. „Schon die Nachbesetzung der Kämmerin war ja sehr schwierig.“

Zwar sind die sechs Bewerber noch unter Vorbehalt zu betrachten, denn der Wahlausschuss prüft zunächst die Unterlagen, etwa auf die notwendigen zehn Unterstützerunterschriften von Bürgern aus der Gemeinde, ehe er am morgigen Freitag tagt und die Kandidaten – sofern alles seine Ordnung hat – zur Wahl zulässt. Christoph Jäger betont allerdings, dass unter den Bewerberinnen und Bewerbern kein Juxkandidat sei, wenn sich diese auch im Hinblick auf den Background sehr unterschieden. „Die Bürgerschaft von Großerlach wird eine echte Wahl haben.“

So sieht es auch Markus Zick. „Wir freuen uns sehr über das umfangreiche Bewerberfeld“, sagt er. „Ich kenne mehrere Kandidaten persönlich und das sind alles ernst zu nehmende Leute.“

Ohne einen eigenen Favoriten zu benennen zu wollen, erwarten die Gemeinderäte nun eine spannende und enge Wahl, eine Stichwahl halten beide für vorstellbar. „Ich glaube nicht, dass es schon im ersten Wahlgang entschieden wird“, sagt Hans Wohlfahrt. Spürbar sei jedenfalls eine rege öffentliche Anteilnahme an der bevorstehenden Wahl, stellt Markus Zick fest. „In den letzten Tagen haben wir sehr viele Anrufe erhalten, die Bevölkerung hat großes Interesse.“

In Großerlach stehen große Projekte an

Auch Nochbürgermeister Christoph Jäger wird den Wahlkampf in den kommenden Wochen genauestens verfolgen. Um den potenziellen Nachfolgern Einblick in die anstehenden Herausforderungen zu gewähren, habe er ihnen ausführliche Gespräche angeboten, was auch teilweise in Anspruch genommen worden sei, so Jäger. „Die Abwasserkonzeption ist etwa ein großes Projekt für die nächsten Jahre, wenn nicht für ein ganzes Jahrzehnt“, sagt er. Dasselbe gelte für die Ortskernsanierung. Darüber hinaus stellten sich in Großerlach natürlich dieselben Aufgaben wie in anderen Kommunen, von der Windenergie und der Klimaneutralität bis hin zum Fachkräftemangel und zur Unterbringung von Geflüchteten. Einen wesentlichen Ansatz zur Bewältigung dieser Herausforderungen sieht Jäger in der interkommunalen Zusammenarbeit. „In Bereichen wie der Wärmeplanung, dem Breitbandausbau und dem Starkregenrisikomanagement wird das bereits verfolgt, aber meines Erachtens wird es zukünftig auch vermehrt im operativen Geschäft ein Zusammenrücken geben müssen.“

Darüber, welcher Bewerberin oder welchem Bewerber er seine Nachfolge zutraut, will Jäger sich nicht auslassen, schließlich ist er als Vorsitzender des Gemeindewahlausschusses zur Neutralität verpflichtet. Er sei jedoch zuversichtlich, dass jemand in seinem Sessel Platz nehmen werde, der diesen gut ausfülle, so der Bürgermeister. „Das ist mein größter Wunsch für die Gemeinde und es gibt jetzt eine gute Chance, dass es auch so kommt.“

BKZ-Wahlpodium Das Wahlpodium zur Großerlacher Bürgermeisterwahl findet am Montag, 15. Januar, um 19 Uhr in der Gemeindehalle in Großerlach statt. Der Eintritt ist frei. Bürgerinnen und Bürger aus Großerlach, die Fragen an einen oder mehrere Kandidaten haben, können diese bis
14. Januar per E-Mail an k.fritz@bkz.de oder schriftlich an die Backnanger Kreiszeitung, Postgasse 7, 71522 Backnang, schicken. Am Mittwoch, 17. Januar, findet um 19.30 Uhr in der Schwalbenflughalle in Grab dann die öffentliche Vorstellung der Kandidaten durch die Gemeinde statt.

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Erstellt:
4. Januar 2024, 06:00 Uhr

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