Den Tierheimhunden Zeit schenken
Gassigeher machen den Tierpflegern im Tierheim in Erlach das Leben um einiges leichter. Katja Weiß aus Fornsbach dreht seit 2021 mehrmals pro Woche mit den Hunden ihre Runden, damit die Tiere Auslauf bekommen und ein anderes Leben als das im Zwinger kennenlernen können.
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Katja Weiß lässt Wolfshundmischling Jessy beim Spaziergang den Erlacher Wald erschnuppern. Fotos: Stefan Bossow
Großerlach. Gassigehen bei jedem Wetter ist nichts für Feiglinge und schon mit dem eigenen Hund gehen viele Haustierbesitzer an besonders schmuddeligen Tagen nur ungern vor die Tür. Kein Problem für Katja Weiß: Die Fornsbacherin besucht bei Regen, Wind und Wetter die Hunde im Tierheim in Erlach und führt sie spazieren.
Schon seit fünf Jahren ist Weiß die regelmäßigste ehrenamtliche Gassigeherin, auf die sich die Mitarbeitenden vom Tierschutzverein Backnang und Umgebung verlassen können. „Damals musste ich meinen eigenen Hund leider gehen lassen“, sagt Katja Weiß. Ihre Kinder gingen mehr und mehr ihren eigenen Weg, ihre Eltern, die einst ebenfalls eine große Unterstützung bei der Pflege des Hundes waren, konnten sich auch nicht mehr kümmern. Als sie ihren Hund einschläfern lassen musste, traf sie schweren Herzens die Vernunftentscheidung gegen einen neuen Hund.
„Mit Hund ging es nicht mehr, aber ohne eben auch nicht“, sagt Katja Weiß, die der Verlust schwer traf. Über ihren Job bei einer Bank in Großerlach kam sie zum Posten der Kassierin beim Tierschutzverein. „Die Verbindung war also schon da, dann dachte ich: ‚Warum nicht mehr tun?‘“ Ein bisschen Zeit hatte sie neben ihrem Teilzeitjob noch übrig. Und so stand sie zu Beginn zweimal pro Woche auf der Tierheimmatte, inzwischen kommt sie meist dreimal die Woche. Wenn sie mit den Hunden nicht gerade spazieren geht, entlastet sie das Pflegepersonal, indem sie tierische Patienten zum Tierarzt oder Physiotherapeuten fährt.
Unterschiedliche Charaktere: „Wie bei den Menschen auch“
Auf jeden Hund muss sich Katja Weiß anders einstellen. „Jeder hat seinen eigenen Charakter, das ist wie bei den Menschen auch“, sagt die 52-Jährige. Ob Angsthund oder Rüpel – Katja Weiß kommt mit allen zurecht. „Dem Tierheim sei Dank“, sagt sie und lacht, denn beim Spazierengehen hat sie sehr viel über die Eigenschaften jedes einzelnen Hundes gelernt – und wie sie damit umgehen sollte.
„Es ist so schön, zu sehen, wie viele Fortschritte sie machen, obwohl ich ‚nur‘ zwei, drei Stunden in der Woche mit dem einzelnen Hund verbringe“, schwärmt die Fornsbacherin. „Wenn man ihre Entwicklungen über einige Monate betrachtet, finde ich das wirklich erstaunlich.“ Muss Katja Weiß bei den ersten Ausflügen manchmal aufpassen, dass der Hund sie nicht einfach „fortzieht“, kann sie nach einigen Wochen mit den meisten Vierbeinern schon relativ entspannt spazieren gehen.
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Die anfangs sehr verängstigte Hündin macht große Fortschritte, weil Gassigeher wie Katja Weiß sich Zeit für ihre Spaziergänge nehmen.
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Überhaupt ist Weiß die Frau für die „schweren Fälle“. Sie kann auch mit den Listenhunden (früher als Kampfhunde bezeichnet) spazieren gehen, die nur sehr erfahrene Gassigeher an die Hand bekommen. Für viele der „Problemhunde“ hat sie ein besonders großes Herz. Sie sind der Grund, warum Weiß sich aktuell gegen einen eigenen Vierbeiner entscheidet. „Ich habe das Gefühl, ich würde die anderen Hunde im Stich lassen. Viele sind Langzeitgäste, die nicht leicht zu vermitteln sind“, weiß Katja Weiß. Selbst wenn sie einen Hund mit nach Hause nehmen würde, den Verbliebenen fehle dann die „Gassigehfrau“. „Die Pfleger haben viel zu tun und die Hunde brauchen jemanden, der sich Zeit nimmt“, so Weiß.
So arbeitet sie manchmal mit der Hundetrainerin des Tierheims, die auch Gassigehkurse für neu Engagierte gibt, zusammen: „Die Hunde müssen auch Alltagsbegegnungen gewohnt sein oder Begegnungen mit anderen Hunden. Das alles können wir nur zu zweit üben.“
Zur Hündin Jessy hat Katja Weiß inzwischen ein enges Verhältnis. Der Wolfshundmischling sei beim Einzug ins Tierheim regelrecht apathisch gewesen, sagt Tierheimleiterin Marion Bentrup. „Sie hat keine Freude empfunden, keine Emotion, nichts.“ Erst allmählich habe sich das gesundheitliche Problem der Hündin gezeigt, inzwischen bekommt Jessy Schilddrüsenmedikamente und kann „ganz Hund sein“, wie es Bentrup nennt. Für Katja Weiß war die Arbeit mit Jessy eine Herausforderung. „Ich kam gar nicht an sie heran. Sie wollte nicht mal zum Tor raus“, erinnert sich Weiß an die ersten gemeinsamen Ausflüge. „Das kannte ich so noch von keinem Hund.“ Inzwischen sind die beiden ein gutes Team.
Für Marion Bentrup und ihre Kollegen ist Katja Weiß ein Glücksfall. „Sie kommt so regelmäßig und zuverlässig und die Hunde freuen sich immer auf sie“, schwärmt die Tierheimchefin. Nur wenn Weiß im Urlaub ist, dann sei das Gejaule im Zwinger groß. „Die Hunde wissen ganz genau, wann sie vorbeikommt. Und wenn sie dann nicht kommt, sind sie wirklich traurig.“
Katja Weiß bezeichnet das Gassigehen als ersten Weg, einen Hund kennenzulernen. Sie mag diejenigen inzwischen am meisten, von denen ihr erster Eindruck nicht besonders positiv war. „Früher haben mir die großen, dunklen Hunde gefallen, das habe ich jetzt auch alles über Bord geworfen“, sagt Weiß und lacht. Unentschlossenen, die sich selbst gerne einen Hund holen möchten, empfiehlt sie ebenfalls Gassigänge im Tierheim. „Einfach um zu schauen, ob man diese Regelmäßigkeit schafft. Und um zu testen, ob man wirklich bei jedem Wetter bereit ist, rauszugehen.“ Laut Katja Weiß zudem ein Pluspunkt: „Nach einigen Spaziergängen verliert man die rosarote Brille und sieht, ob man mit dem Hund und seinen Charakterzügen und Eigenheiten wirklich klarkommt und harmoniert.“
