Der Allererste seiner Art im Dorf

Landwirt Karl Ellinger aus Cottenweiler in Weissach im Tal schaffte sich 1954 einen Traktor der Marke Eicher an. Sein Sohn Gerhard und zwei seiner Freunde haben das gute Stück nun binnen nur vier Monaten mit viel Herzblut generalüberholt.

Gerhard Ellinger sitzt mit seiner Enkelin Pauline auf dem generalüberholten Trecker, der den Ellingers seit 1954 beste Dienste leistet. Fotos: privat

Gerhard Ellinger sitzt mit seiner Enkelin Pauline auf dem generalüberholten Trecker, der den Ellingers seit 1954 beste Dienste leistet. Fotos: privat

Von Bernhard Romanowski

WEISSACH IM TAL. Begonnen hat alles mit einem Bericht in der Backnanger Kreiszeitung. Anfang Februar war in der BKZ ein Artikel zu lesen gewesen, in dem es um die Restauration eines Traktors der Marke Hela durch die Oldtimerfreunde Murrhardt/Morbach ging. „Das hat mich dazu inspiriert, meinen Eicher komplett zu überholen. Der Eicher mit der Typenbezeichnung Einzylinder EKL 15 war der erste Traktor in Cottenweiler. Er kam im Betrieb meines Vaters Karl Ellinger, seines Zeichens Bauer und Gastwirt in Cottenweiler, zum Einsatz“, erzählt Gerhard Ellinger.

Er hat das gute Stück von Vater Karl geerbt und setzt es als nebenberuflicher Landwirt heute noch ein, etwa bei der Streuobsternte oder im Wald, den die Ellingers bewirtschaften. Außerdem verbindet ihn noch etwas mit dem Traktor: „Wir sind beide Baujahr 1954.“

Bei der Restauration wurde Gerhard Ellinger durch Jugendfreund Josef Hummel aus Auenwald und Martin Dreher aus Cottenweiler unterstützt. Erst einmal wurde der 16 PS starke Traktor komplett zerlegt. Alle Anbauteile wie Haube, Kotflügel, Seitenbänke, Sitz und Mähwerk wurden abgebaut. Sämtliche Gebrauchsspuren der 67 Jahre Einsatzzeit wurden beseitigt, wie Ellinger berichtet: „Es wurde ausgebeult, gerichtet, verschlissene Antriebsteile wurden erneuert, ausgebüchst und neu gelagert. Die Karosserieteile wurden gerichtet, verzinnt, abgedichtet und professionell mit Originalfarben des Eichers lackiert.“

Nachdem Karl Ellinger den Eicher gekauft hatte, hing in der Familie der Haussegen schief.

Einmal mehr erwies sich hier das Internet als segensreiche Einrichtung, um sich beispielsweise das Alpinblau zu beschaffen, in dem das Gefährt – im schönen Kontrast zu dem Rot der Felgen und des Eicher-Schriftzugs – sich nun präsentiert. „Der Motor wurde zerlegt, der Zylinderkopf wurde überholt und erhielt neue Ventile und Ventilsitzringe. Die Zylinderlaufbüchse wurde gehont (ganz fein ausgeschliffen, Anm. d. Red.) und ein neuer Kolben eingebaut. Da es zwischen Zylinderkopf und Zylinderlaufbüchse mit Kühlrippen keine Zylinderkopfdichtung gibt, mussten der Zylinderkopf und Laufbüchse zueinander eingeschliffen werden“, geht Gerhard Ellinger weiter ins Detail. Die komplette Elektrik wurde mit neuen Kabelsträngen erneuert. Auch die hinteren Reifen wurden ersetzt. Nach viermonatiger Arbeit und vielen Stunden konnte der Eicher fertiggestellt werden und erstrahlt nun in neuem Glanz. Der Traktor keucht beim Starten nicht erst mehrfach wie früher, sondern springt sofort an, wie Ellinger berichtet. Und auch der Tüv habe bereits klaglos seinen Segen dazu gegeben.

So viel zum technischen Aspekt – nicht fehlen darf hier freilich die Historie und die emotionale Verbindung, die Ellinger zu dem Traktor hat. Demnach wurde der Eicher zur Ernte im Jahr 1954 von seinem Vater Karl gekauft, nachdem dieser ein Jahr zuvor den Hof und die Gastwirtschaft in Cottenweiler von seinem Vater Gottlieb übernommen hatte. „Mein Vater war ein begnadeter Techniker, der allen Neuerungen der Technik sehr aufgeschlossen gegenüberstand“, berichtet Sohn Gerhard und erklärt: „In Cottenweiler hatten damals die größeren Bauern meist zwei Pferde. Die kleineren Betriebe arbeiteten mit Kuhgespannen.“ Nachdem Karl Ellinger den Eicher gekauft hatte, hing anfangs in der Familie der Haussegen schief.

„Mein Großvater Gottlieb, der Altbauer, der auf seine zwei Pferde fixiert war, konnte sich nicht mit dem Traktor abfinden. Man erzählte, dass er im ersten halben Jahr nicht mit dem Traktor mitfuhr und vor Zorn zu Fuß aufs Feld ging“, erzählt Gerhard Ellinger und schmunzelt: „Als er erkennen musste, was der Traktor im Wald und auf dem Feld für Erleichterung brachte, ging es aber dann so weit, dass er mit dem Schleppervertreter zu seinen Bekannten ging und dort die Vorzüge kundtat.“ Die Pferde auf dem Hof waren in der Folge immer weniger im Einsatz und wurden dann verkauft. Da der Eicher bereits über eine 3-Punkt-Hydraulik verfügte, wurden sämtliche Anbaugeräte, die zur Bewirtschaftung des Hofs notwendig waren, nach und nach auf Schlepperbetrieb umgebaut. „Mein Vater und der Schmiedemeister Karl Holl aus Unterweissach hatten immer neue Ideen und tüftelten aus, wie sie Mähbinder, Sämaschine, Heuwender, Bindemäher, Kartoffelroder und derlei Geräte vom Pferde- auf Schlepperbetrieb umbauen konnten.“

In den ersten zehn Jahren war der Eicher für die Bewirtschaftung der rund 20 Hektar großen Land- und Forstwirtschaft der Ellingers im Einsatz. Erst in den 60er-Jahren erhielt der Eicher Unterstützung durch einen 25 PS starken 2-Zylinder-Traktor der Marke Fahr. „In den 70er-Jahren wurden die Schlepper immer größer und stärker und hatten dann zwischen 40 und 50 PS. Viele Nachbarn und Bürger aus Cottenweiler hatten auf dem Eicher zum ersten Mal Gelegenheit, das Schlepperfahren zu lernen“, weiß Gerhard Ellinger. Auch er selbst konnte es seinerzeit kaum erwarten, am Lenkrad des Eicher über Wiesen und Äcker zu fahren. „Es scheiterte am Anfang daran, das Kupplungspedal zu drücken, was einiges an Kraft bedurfte. Als ich zehn Jahre alt war, war es dann so weit, und ich durfte – anfangs nur auf den eigenen Feldern – die ersten Fahrversuche absolvieren“, erinnert sich Ellinger gerne. Mit Mitte 14 durfte er dann vorzeitig und mit Sondergenehmigung den „Führerschein für landwirtschaftliche Zugmaschinen in einem Umkreis von fünf Kilometern“ erwerben.

Für manche seiner Mitschüler von der Max-Eyth-Realschule war es eine Attraktion, nach der Schule mit dem Omnibus nach Cottenweiler mitzufahren, um mit dem Eicher einige Runden auf dem Hof und den Wiesen zu drehen, so Ellinger weiter. Auch die nächste Generation, in Gestalt von Enkelin Anja, erlernte auf dem Eicher das Schlepperfahren. „Zur Abifeier am Weissacher Bildungszentrum sollte jeder der Absolventen mit einem speziellen Fahrzeug auf den Schulhof vorfahren. Sie wählte den Eicher“, so der Großvater mit hörbarem Stolz in der Stimme. Im Übrigen habe es sich auch Oberstudiendirektor Alfred Rottmann bei dieser Gelegenheit nicht nehmen lassen, auf dem Schulhof eine Runde mit dem Eicher zu drehen. Ellinger: „Der Eicher ist bis heute unverwüstlich im Einsatz und wird hoffentlich der nächsten Generation erhalten bleiben.“

Auf dem Bild sieht man Karl Ellinger (rechts) mit zwei Erntehelfern. Das Foto wurde am 15. August 1955 während des Einsatzes bei der Getreideernte gemacht.

Auf dem Bild sieht man Karl Ellinger (rechts) mit zwei Erntehelfern. Das Foto wurde am 15. August 1955 während des Einsatzes bei der Getreideernte gemacht.

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Erstellt:
1. Juni 2021, 06:00 Uhr

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