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Der Ansturm wird so oder so kommen

Vor Beginn der Infektsaison hat das Landesgesundheitsamt Empfehlungen gegeben, wie in Zeiten von Corona bei Kindern mit Erkältungssymptomen umzugehen ist. Hiesige Kinderärzte werten sie als vernünftig. Die Verantwortung liegt bei den Eltern.

Schnupfen ist nicht gleich Schnupfen: Eltern entscheiden, ob ihr Kind mit Rotznase in die Kita darf oder nicht. Foto: Adobe Stock/A. Suzi

© Aleksandra Suzi - stock.adobe.com

Schnupfen ist nicht gleich Schnupfen: Eltern entscheiden, ob ihr Kind mit Rotznase in die Kita darf oder nicht. Foto: Adobe Stock/A. Suzi

Von Nicola Scharpf

BACKNANG. Die Nase ist verstopft, der Hals kratzt, im Rachen reizt es zum Husten: Ist das ein Virusinfekt, wie ihn sich jeder einmal einfängt? Oder ist das Corona? Die Suche nach Antworten auf solche Fragen wird die nahende Erkältungszeit in diesem Jahr wohl dominieren. Vor allem wie mit nicht komplett gesunden Kindern im kommenden Kindergarten- und Schuljahr umgegangen werden soll, treibt Eltern, Kinderärzte und die Träger von Kinderbetreuungseinrichtungen um. Seit der Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen Ende Juni wieder aufgenommen wurde, hieß es im Rems-Murr-Kreis: Auch Kinder mit Schnupfen müssen zu Hause bleiben. Wer zurück in die Einrichtung will, braucht einen negativen Virustest oder muss zwei Tage ohne Symptome sein und eine Gesundschreibung vom Kinderarzt vorlegen. Nun hat das Landesgesundheitsamt eine landesweit einheitliche Handreichung zum Umgang mit Krankheitssymptomen herausgegeben, die die Verantwortlichen rechtzeitig vor dem neuen Kindergartenjahr darüber informiert, wie beim Auftreten von Erkältungssymptomen zu verfahren ist. Danach darf ein Kind mit Schnupfen, das keine weiteren Symptome hat, die Kindertageseinrichtung besuchen. Kinder mit Fieber und/oder trockenem Husten und/oder Störungen des Geruchs- oder Geschmackssinns bleiben zu Hause. Generell gilt, dass zur Wiederzulassung kein negativer Virustest und auch kein ärztliches Attest notwendig ist. Trotz dieser neuen Regelung stellt man sich in den Kinderarztpraxen, Kinderbetreuungseinrichtungen und Rathäusern ab Herbst auf eine außergewöhnliche Infektsaison ein.

Die Backnanger Kinderärztin Sabina Delic bewertet die Empfehlungen des Landesgesundheitsamts zum Umgang mit Krankheits- und Erkältungssymptomen bei Kindern als einen guten Vorschlag. Davor sei die Situation in ihrer Praxis untragbar gewesen. Sie hält einen einfachen Schnupfen nicht für einen Grund, der einen Coronaabstrich rechtfertigt. Um die 70 Kinder seien in ihrer Praxis getestet worden – alle negativ. Anfangs habe sie Gesundschreibungen, die die Kindertageseinrichtungen zur Wiederzulassung verlangt haben, ausgestellt. „Nach zwei Wochen habe ich mich geweigert, die Atteste zu unterschreiben. Das hat uns an die Grenzen gebracht, sowohl die Kinderärzte als auch die Eltern.“ Gleichzeitig zeigt sie Verständnis für das Vorgehen der Verantwortlichen bei den Kindertagesstätten, die eine große Verantwortung trügen. Auch wenn Delic die Handreichung des Landesgesundheitsamts vernünftig findet, rechnet sie mit mehr kleinen Patienten, als das sonst im Herbst und Winter der Fall ist. „Wir sind nicht entspannt“, gibt sie ihre Empfindung über die allgemeine Stimmungslage wieder. „Der Druck, unter dem wir alle stehen, ist enorm und auch die Angst vor der Krankheit.“ Nachdem jeder selbst vorsichtiger sei als sonst und verantwortungsvoller gegenüber anderen, rechne sie ab Oktober mit einem Ansturm an Patienten. In einer „guten Grippesaison“ würden 90 bis 100 Patienten am Tag ihre Praxis besuchen. Feierabend ist dann schon mal erst um 20 oder 21 Uhr. „Der Ansturm, auch in Form von telefonischer Beratung, wird sicher kommen, mit oder ohne Corona.“

Die Kinderärzte im Rems-Murr-Kreis tauschen sich laut Delic regelmäßig per E-Mail miteinander aus. Eine einheitliche Strategie, wie sie der kommenden Infektsaison begegnen wollen, hätten sie noch nicht entwickelt. Insgesamt plädiert die Kinderärztin für Vernunft, für einen mittleren Weg. „Wir sollten uns innerlich beruhigen.“ Ihre in Sulzbach an der Murr praktizierende Berufskollegin Marianna Tothi sieht es ähnlich und blickt der Infektzeit mit Gelassenheit entgegen. „Was im Herbst kommt, kann niemand sagen. Ich sehe das alles von der pragmatischen Seite und bin abwartend.“ Ihre Praxis achte darauf, dass Schutzausrüstung vorhanden ist. Die Kinderärztin und ihr Team achten auch darauf, die Vorgaben und Empfehlungen der Kassenärztlichen Vereinigung, der Landesregierung und anderer übergeordneter Behörden einzuhalten. Ansonsten lautet ihre Devise: „Machen wir unsere Arbeit und passen wir uns an die Situation an.“

Die Handreichung des Landes regelt für Eltern und Kita-Personal verständlich und einheitlich, wann ein Kind zu Hause bleiben muss. Krankheit und Gesundheit allerdings sind etwas Subjektives: Wann ist ein Schnupfen ein Schnupfen? „Man muss den Begriff Schnupfen definieren“, findet Sara Meier. Denn Rotznase ist nicht gleich Rotznase. „Da liegen Welten dazwischen“, hat die Verantwortliche für die Servicestelle Kinderbetreuung der Gemeinde Weissach im Tal festgestellt. „Laufendes Nasensekret, das hat jetzt eine ganz andere Wirkung als früher. Bei den Eltern anderer Kinder schrillen da die Alarmglocken.“ In der Tälesgemeinde werde man daher restriktiver sein als sonst, was den Besuch erkälteter Kinder in den Kitas anbelangt.

Wenn Personal ausfällt, kann es sein, dass Gruppen geschlossen werden.

Das Landesgesundheitsamt hat ein Formular entworfen, auf dem die Eltern die Wiederzulassung ihres Kindes zum Kindergarten bescheinigen müssen. Die Verantwortung wird also auf die Eltern verschoben. Sie entscheiden, ob ihr Kind krank ist. Nach wie vor gelte, dass kranke Kinder nicht in die Betreuungseinrichtung gehören. „Die Kita darf weiterhin offensichtlich kranke Kinder nach Hause schicken“, sagt der Aspacher Hauptamtsleiter Philip Sweeney. In der Gemeinde Aspach sei man dankbar für die Empfehlung durch das Landesgesundheitsamt, weil es davor Konflikte und Diskussionen mit Eltern gegeben habe wegen der Teststrategie des Landkreises, die Kinderärzte nicht mitgetragen hätten. „Uns war klar, dass etwas getan werden muss. Sonst hätten wir im Herbst Probleme bekommen.“ Von daher betrachtet Sweeney die landesweite Regelung zwar als Rückschritt den Infektionsschutz betreffend, aber auch als das Vereinen unterschiedlicher Positionen. An der angespannten Personalsituation in der Gemeinde ändert das freilich nichts. „Wir sind jetzt schon am Limit.“ Wenn nun in der Erkältungszeit mehr Personal krankheits- oder quarantänebedingt ausfallen sollte, könne sich das durchaus auf die Einrichtungen auswirken – beispielsweise in Form von gekürzten Öffnungszeiten, also eines reduzierten Angebots.

Trotz einer „sehr guten Personalausstattung über alle Einrichtungen hinweg“ kann auch Regine Wüllenweber nicht ausschließen, dass einzelne Gruppen oder Einrichtungen geschlossen werden müssen, wenn Mitarbeiter ausfallen. Die Leiterin des Amts für Familie, Jugend und Bildung bei der Stadt Backnang glaubt aber, dass die 21 städtischen Kindertageseinrichtungen durch die Erfahrungen der zurückliegenden Wochen und Monate gut aufgestellt sind für die anstehende Infektsaison unter Pandemiebedingungen. Sie setzt auf die Besonnenheit aller Beteiligten und dass gemeinsam gute Wege beschritten werden. „In den vergangenen Monaten waren die Eltern unsere verlässlichen Partner. Auch die Eltern haben kein Interesse daran, ein an Covid-19 erkranktes Kind in der Einrichtung zu lassen.“ Die Stadt hat den Mitarbeitern in den Betreuungseinrichtungen erklärendes Infomaterial an die Hand gegeben, man versucht weiterhin, die Gruppen konstant und getrennt zu halten, Eltern müssen eine Unbedenklichkeitsbestätigung abgeben, wenn ihr Kind zurück in die Einrichtung kommt. Doch trotz aller Vorkehrungen: „Wir müssen hochflexibel reagieren können und auch noch nachjustieren können, wenn es Herbst wird.“

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Erstellt:
14. August 2020, 06:00 Uhr

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