Der Gastlichkeit auf der Spur

Der 77-jährige Heiner Kirschmer arbeitet an einer umfassenden Dokumentation über die Backnanger Wirtschaften

Die Backnanger Wirtschaften einst und heute haben es Heiner Kirschmer angetan. Der Heimatkundler und langjährige Stadtchronist, der früher auch schon als Hobbyarchäologe unterwegs war, sammelt derzeit Informationen über die Gaststätten in der Murr-Metropole – von A wie Abi-Döner bis Z wie Zeus. Entstanden ist dabei eine mittlerweile rund 200 A4-Seiten umfassende Dokumentation, die immer noch weiter wächst.

Über Jahrzehnte eine beliebte Adresse in Backnang: Gaststätte Scholpp mit Jochen, Ursel und Ernst Kress. Archivfoto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Über Jahrzehnte eine beliebte Adresse in Backnang: Gaststätte Scholpp mit Jochen, Ursel und Ernst Kress. Archivfoto: A. Becher

Von Armin Fechter

BACKNANG. „Das Thema verfolgt mich schon lange“, bekennt Kirschmer, „aber jetzt bin ich am Realisieren.“ Schmunzelnd erzählt der Backnanger, dass er mit dem Gaststättenprojekt quasi in die Fußstapfen seines Großvaters Karl tritt. Dieser war von Beruf Lehrer gewesen, hatte in Göppingen als Stadtarchivar ortsgeschichtliche Themen beackert und auch über die dortigen Wirtschaften geschrieben. Nun tut es ihm der Enkel gewissermaßen gleich.

Zwei Ziele verfolgt Kirschmer, der bei einem Altstadtstammtisch am 15. April im Helferhaus über sein Thema referieren will: Zum einen will er eine Dokumentation erstellen, die alle Backnanger Wirtschaften umfasst. Zum anderen denkt er an eine Buchveröffentlichung über „Backnanger Wirtschäftle“, angelehnt an seine „Backnanger Gschichdla“, von denen bereits drei Bände erschienen sind. Sie enthalten auch schon die eine oder andere Anekdote, die mit den Wirtschaften in der Stadt zusammenhängt. Darüber hinaus überlegt er, für einzelne Häuser, mit denen er speziell verbunden ist, eigene Hefte anzufertigen.

Doch das ist Zukunftsmusik. Vorerst geht es noch darum, die Informationen zusammenzutragen. Fast 200 Wirtschaften hat Kirschmer bereits erfasst, darunter viele ehemalige, die es heute nicht mehr gibt. Aktuell hat Backnang nämlich laut Kirschmer 65 Betriebe, die als Gaststätten gelten können.

Als Quellen benutzt er neben gängigen Publikationen und Zeitungsberichten insbesondere auch die Aktenbestände im Stadtarchiv, wo er Baupläne, Schriftsätze und diverse amtliche Protokolle findet. Zudem nimmt er Hinweise und Erzählungen aus seinem Bekanntenkreis auf und spricht mit Wirtsleuten wie Werner Lutz (Löwen) und Ursel Kress (Scholpp), um ein bisschen Farbe in die nüchterne Darstellung von Daten und Fakten zu bekommen. Kirschmer gestattet sich dabei zwei Ausnahmen: Er bezieht auch die Krone in Aichelbach und den Löwen in Allmersbach am Weinberg mit ein – dies wegen der langjährigen Verbundenheit mit den beiden Häusern und den Wirtinnen Dorothee Röck und Desi Hägele.

Denn es stellt immer eine persönliche Angelegenheit dar, ob man sich in einer Wirtschaft wohlfühlt. Da kommt es, wie Kirschmer erläutert, auf das Ambiente an, aus dem auch eine gewisse Tradition spricht. Kirschmer selbst schätzt vor allem das Heimelige, Urige und Gemütliche, wie er es in Backnang beispielsweise in der Weinstube Kunberger vorfindet. Es kommt ferner auf das Angebot und die kulinarischen Besonderheiten an, mit denen die Wirtschaft aufwartet. Das kann hier der unnachahmliche Kartoffelsalat oder dort die unübertreffliche Soße sein. Ganz viel liegt aber auch am Personal und besonders am Wirt oder der Wirtin: Der Gast möchte sich, so Kirschmers Erfahrung, gut aufgenommen fühlen.

Der 77-Jährige, der zwar nicht alle, aber doch recht viele Backnanger Wirtschaften aus eigener Anschauung gut kennt, ging immer gerne in die Gaststätte Scholpp im Melanchthonweg. Dort traf er gutbürgerliche Küche und Gastlichkeit an, beides ganz nach seinem Geschmack. Die Wirtin Ursel Kress schildert er als ein Backnanger Original: „Sie erzählt ihren Gästen gerne Witze und Geschichten. Über ihre Witze muss sie selbst am meisten lachen.“ Und sie hat Fotos gesammelt von Promis, denen sie – meist weniger zufällig – begegnet ist, sei es in der Alten Grube, der legendären Backnanger Discothek, oder in der Stuttgarter Liederhalle. Einige von ihnen waren auch persönlich in der Gaststätte zu Besuch, zum Beispiel Werner Veidt, Mike Krüger, Guido Buchwald, Helen Vita, Bill Ramsey oder Heidi Mahler.

Auch in der Eintracht in der Gartenstraße kehrt Kirschmer gerne ein. Mit dem Wirt Roland Schad sei er verwandt, berichtet er, wenn auch recht weitläufig: „Er ist der Vetter meines Vetters.“ Die schwäbischen Spezialitäten auf der Karte und die bürgerlich-solide Einrichtung tun ein Übriges, damit man sich laut Kirschmer dort wie daheim fühlen kann.

Eine Besonderheit im Stadtbild stellte einst die Gaststätte Limpurg dar. Die Pläne stammten vom Backnanger Oberamtsbaumeister Christian Hämmerle, der dem 1899 fertiggestellten Gasthaus mit einem Zierfachwerk und zahlreichen Giebeln ein markantes Aussehen gab. Ein achteckiger Turmaufbau mit einem spitzen Helm überragte das Gebäude. Das Bauwerk wird der Stilrichtung des Eklektizismus zugeordnet, bei dem Elemente vergangener Epochen zitiert und neu zusammengefügt werden. Die Limpurg erlebte ein wechselvolles Schicksal mit vielen Besitzer- und Pächterwechseln. Unter anderem befand sich dort die Tanzbar „Schlössle“. Heute wird noch ein Teil des Hauses gastronomisch genutzt.

Geschichten rund um den Deutschen Kaiser und den Club

Viel Stoff zum Erzählen liefert der Deutsche Kaiser in der Stuttgarter Straße, wo auch der Club Backnang und die Casa Carmen Raum hatten und heute das griechische Restaurant Aura zu finden ist. 1875 – nach der Gründung des preußisch-deutschen Kaiserreichs – eröffnete die einstige Schankwirtschaft. 1965 wurde im ehemaligen Tanzsaal der Club Backnang als Musikkneipe eingerichtet. Schon ein Jahr davor hatte sich eine Gruppe Backnanger Gymnasiasten vorgenommen, zum Zweck des Debattierens einen Schülertreff ins Leben zu rufen. Sie ließen sich dazu im Gewölbekeller nieder und nutzten als Sitzgelegenheiten ausrangierte Klappstühle aus dem Nachlass des Scala-Kinos in Ludwigsburg. Für ihren „Donna-Club“ gaben sie eigene Mitgliedsausweise aus – die ersten Anfänge des späteren „Club“, der über viele Jahre der angesagteste Treffpunkt junger Leute bleiben sollte. Im Casa Carmen zauberte die in Madrid geborene Maria del Carmen Martin Alcazar kleine Häppchen – Tapas – auf den Tisch. Neben den Gaumengenüssen zog auch die familiäre Atmosphäre bei Carmen die Gäste an.

Ein spezielles Kapitel bildet auch der Stern, der wohl Backnangs älteste Wirtschaft war und zudem als das älteste Fachwerkhaus galt. Das Gebäude, das vom Stadtbrand 1693 verschont blieb, weil es außerhalb der Stadtmauern lag, fiel 1975 der Spitzhacke zum Opfer – für den Ausbau der Aspacher Straße.

Viele weitere Details und Geschichten hat Kirschmer festgehalten – teils als Reminiszenzen an Lokalitäten wie Blume/ Tenne/Rififi, Rose, Rössle, Linde, teils als Kuriositäten, die schon mit ihrem Namen aus dem Rahmen fallen wie Schiff, Napoleon und Nächstenhilfe. Übrigens: Einen der schönsten Biergärten hat, wie er findet, die Gaststätte Zur Uhr.

Im Volksmund der „Chinesentempel“: 1899 wurde die neu erbaute Limpurg eröffnet.

© Heiner

Im Volksmund der „Chinesentempel“: 1899 wurde die neu erbaute Limpurg eröffnet.

1975 dem Ausbau der Aspacher Straße geopfert: Backnangs ältestes Fachwerkhaus, der Stern.

© privat

1975 dem Ausbau der Aspacher Straße geopfert: Backnangs ältestes Fachwerkhaus, der Stern.

Der „Donna-Club“ stand an den Anfängen des legendären Club Backnang. Foto: R. Kobald

© privat

Der „Donna-Club“ stand an den Anfängen des legendären Club Backnang. Foto: R. Kobald

Der Gastlichkeit auf der Spur

© Pressefotografie Alexander Beche

„Wirtschaften sind ein Thema der Heimatforschung und der Stadtgeschichte.“

Heiner Kirschmer,

zurzeit Wirtschaftskundler

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Erstellt:
7. Februar 2019, 06:00 Uhr

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