Der impulsive Lautsprecher

Pforzheimer Stadträte sind nur mäßig begeistert davon, dass Uwe Hück von Porsche in die Kommunalpolitik wechseln will

Vielen galt Uwe Hück als der heimliche Chef bei Porsche in Zuffenhausen. Jetzt verlässt er das Unternehmen plötzlich. Was steckt hinter seiner überraschenden Entscheidung?

Stuttgart/Pforzheim Niemand kann behaupten, Uwe Hück hätte es nicht vorhergesagt. „Ich glaube, dass dieses Land wieder einen sozialdemokratischen Bundeskanzler braucht“, schrieb der scheidende Porsche-Betriebsratschef vor sieben Jahren in einem Buch. „Je länger ich darüber nachdenke, desto besser kann ich mich auch mit einer dauerhaften Funktion in der Politik anfreunden.“ Genau jetzt wagt Hück diesen Schritt, nur ganz anders, als jeder es sich hätte vorstellen können – mit einem großen Knall und nicht auf prominenter Bühne, sondern in der Kommunalpolitik.

Der 56-Jährige will im Mai mit einer „Liste Hück“ bei den Kommunalwahlen in Pforzheim antreten und damit seiner alten Liebe, der SPD, das Wasser abgraben. Seit dieser Ankündigung herrscht in der Partei Konfusion. Intensiv bemüht sich Landeschef Andreas Stoch um ein Gespräch mit dem Abtrünnigen, das alsbald auch erfolgen soll. Denn klar ist: Tritt Hück im Wahlkampf in Konkurrenz zur SPD, kann er nicht mehr deren Mitglied bleiben. Mancher Genosse fragt sich, ob dies dem impulsiven Lautsprecher der Porscheaner überhaupt bewusst war. Aber alle Verantwortlichen halten sich mit Kritik zurück in der Hoffnung, dass der frühere Vorzeigegenosse, der der Partei seit 1982 angehört, wieder eingefangen wird.

Auf die Drohung mit dem Parteistatut reagiert Hück trotzig: „Wenn sie mich rausschmeißen wollen, sollen sie es tun – das ist mir Pforzheim wert“, sagt er der „Pforzheimer Zeitung“. Wie konnte die Liebe so erkalten? Einem Genossen war Hück besonders verbunden: Sigmar Gabriel. Doch der ist nun auch von der Bildfläche verschwunden. Der damalige Parteichef war es, der im Frühsommer 2012 bei Hücks 50. Geburtstag in Zuffenhausen schilderte, wie der frühere Parteichef Franz Müntefering dem Emotionsbündel mal nach einer Rede zugeraunt hätte: „Hättest du noch zehn Minuten weitergemacht, hätten sie dich hier zum SPD-Vorsitzenden gewählt.“ Nun sagt Hück, er fühle sich der Partei nicht verpflichtet.

In Pforzheim selbst hält sich die Freude über Hücks Ankündigung, mit einer eigenen Liste zu kandidieren, in Grenzen. Mancher hat es nicht gerade goutiert, dass Uwe Hück, unter anderem in einem Interview mit unserer Zeitung, den bisherigen Stadträten quasi die Kompetenz abgesprochen hat: „Schwimmbäder sind geschlossen. Der Zustand der Schulgebäude ist katastrophal. Die Bürger haben etwas Besseres verdient.“

Ohnehin knirscht es im Pforzheimer Gemeinderat heute schon. Das liegt zum einen am rauen Ton von Stadträten wie dem Fraktionsvorsitzenden der FDP-Landtagsfraktion, Hans-Ulrich Rülke. Zum anderen gibt es dort bereits sechs Fraktionen und zwei Gruppierungen. Die Grünen haben sich vor Jahren zerstritten und sind heute doppelt vertreten. Außerdem existiert die Liste mit dem Namen Unabhängige Bürger – sie sind mit zwei Stadträten vertreten und setzen sich für mehr Bürgerentscheide und Transparenz ein. Bernd Zilly, einer der beiden Stadträte, hat aus der Zeitung von Uwe Hücks Vorstoß erfahren. Er ist einigermaßen befremdet, dass sich Hück plötzlich für die Kommunalpolitik interessiert. Bisher sei das nicht der Fall gewesen.

Marianne Engeser, die CDU-Fraktionsvorsitzende, äußert sich zurückhaltender. Sie freue sich über jeden neuen Kollegen, der konstruktiv mitarbeiten wolle. Aber als Betriebsratsvorsitzender habe Uwe Hück viele Dinge bewegen können, als Stadtrat habe auch er nur eine von 41 Stimmen. Die SPD tut sich sowieso schwer mit Hücks Ansinnen, als Genosse mit einer unabhängigen Wahlliste an den Start zu gehen. Mit welchen Menschen Hück antreten will, ist im Moment völlig offen. Seine Liste sei weder links noch rechts, so Hück. Er suche vor allem junge Leute mit Pioniergeist. Pforzheims OB Peter Boch (CDU), den Uwe Hück übrigens gut findet, hält sich als Stadtoberhaupt natürlich aus der Sache raus. Er verweist auf Uwe Hücks Lernstiftung, die sozial benachteiligte Jugendliche unterstützt und in Pforzheim angesiedelt ist. Zudem ist Hück auch Vorsitzender des FSV Buckenberg, einem Sportverein in einem Pforzheimer Stadtteil.

Neue unabhängige Listen in Kommunalparlamenten – das sei in Baden-Württemberg eher die Normalität als die Ausnahme, erklärt Politikwissenschaftler Ulrich Eith von der Universität Freiburg. „Wenn es strittige Projekte in einer Stadt gibt und wenn sich prominente Leute aufstellen lassen, dann haben solche Listen gute Chancen, in den Gemeinderat zu kommen“, sagt Eith.

So wird viel spekuliert am Tag eins nach Hücks überraschender Ankündigung. Doch nicht nur in der SPD herrscht Ratlosigkeit – selbst bei Menschen, die Uwe Hück gut kennen. „Er hat wirklich alle überrascht. Das ging ja sehr holterdiepolter“, meint ein ehemaliger Weggefährte und wundert sich über den Zeitpunkt der Bekanntgabe. Hat er wirklich im Urlaub über Weihnachten die Entscheidung getroffen? Dann sei er jetzt spät dran, um mitzuteilen, dass er alle Ämter bei Porsche niederlege. Hück sagt von sich indes, dass er Entscheidungen immer wieder aus dem Bauch heraus getroffen habe.

Ist er verbittert? Die Verabschiedung sei recht bescheiden ausgefallen, wenn man wisse, welche Verdienste Hück sich für den Standort Zuffenhausen erworben habe, meint der ehemalige Porsche-Mitarbeiter. Denn die Produktion des Elektroautos Taycan sei eigentlich für das Werk in Leipzig geplant gewesen. Doch Hück habe gesagt, das Elektroauto brauche man für die Zukunft von Zuffenhausen. Er habe dafür gekämpft und sich schließlich durchgesetzt.

Der Kampf ist das Lebensmotto Hücks, der als Waise in verschiedenen Kinderheimen aufwuchs und dort lernte, sich durchzuboxen. „Willst du mich nicht mal besiegen? Dann musst du trainieren, deine Muskulatur aufbauen“, ermunterte ihn ein Erzieher, wie Uwe Hück in seiner Biografie schreibt. Mit 15 begann er eine Lehre, nach Feierabend ging es zum Boxtraining. „Ich hatte Gefallen gefunden an Kampfsportarten, denn dort war ich der Chef, allein verantwortlich für mein Handeln“, heißt es. Als professioneller Thaiboxer wurde er zwei Mal Europameister. Auch heute steigt er noch gerne für Benefiz-Boxkämpfe in den Ring nach dem Motto: Blaue Flecke für soziale Zwecke.

Durchsetzungsfähigkeit bewies Hück auch, nachdem er im Jahr 1985 als Lackierer bei Porsche anfing und dann Schritt für Schritt als Arbeitnehmervertreter vom Vertrauensmann zum Betriebsratschef aufstieg. Besonders eng war sein Verhältnis zu Wendelin Wiedeking, der als Porsche-Chef versuchte, VW zu erobern und damit scheiterte. Hück stand fest auf der Seite des Porsche-Vorstands. Als VW im Gegenzug Porsche schluckte, wunderte sich mancher, dass Wiedeking gehen musste und Hück blieb.

Der Betriebsratschef mit dem glatt rasierten Schädel, der gerne dreiteilige Anzüge trägt, manchmal einen Händedruck wie ein Schraubstock hat und gerne brüllt, dass die Adern schwellen, wenn er bei Tarifverhandlungen für höhere Löhne kämpft, sei in den vergangenen Jahren der heimliche Chef in Zuffenhausen gewesen, meinen Kenner der Verhältnisse. Hück habe bestimmt, wer Vorstandschef, Produktionschef und Personalchef werde. Im Management werde nun mancher aufatmen, meint ein Insider, weil Hück ahnungslose Mitarbeiter, die seine Unterschrift benötigten, gegen die Wand laufen ließ, wenn er gerade Streit mit einem Vorstand hatte.

Mancher fragt sich, wie der aus armen Verhältnissen stammende 56-Jährige, der als Vizechef des Aufsichtsrats mit den steinreichen Porsches und Piechs auf Augenhöhe verhandelte, gefragter Gast in Talkshows war und sich mit dem Ex-SPD-Kanzler Gerhard Schröder duzt, seine Machtposition so einfach aufgeben kann. Vielleicht hätte der eine oder andere einen Blick in Hücks Biografie werfen sollen.

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Erstellt:
6. Februar 2019, 03:14 Uhr

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