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Der Kampf gegen das schlechte Image

„Lehre oder Studium – quo vadis Handwerk?“: Kultusministerin Eisenmann und Obermeisterin Wolf beim CDU-Stadtverband zu Gast

Kultusministerin Susanne Eisenmann und Obermeisterin Sandra Wolf (von links) sprachen beim CDU-Stadtverband Murrhardt über Ausbildungsmöglichkeiten und -chancen und versuchten zu analysieren, warum das Handwerk so ins Hintertreffen geraten ist. Foto: V. Hoschek

© Volker Hoschek

Kultusministerin Susanne Eisenmann und Obermeisterin Sandra Wolf (von links) sprachen beim CDU-Stadtverband Murrhardt über Ausbildungsmöglichkeiten und -chancen und versuchten zu analysieren, warum das Handwerk so ins Hintertreffen geraten ist. Foto: V. Hoschek

Von Carmen Warstat

MURRHARDT. „Lehre oder Studium – quo vadis Handwerk?“ – das war die Ausgangsfrage des Gesprächsabends, zu dem der CDU-Stadtverband Murrhardt Kultusministerin Susanne Eisenmann sowie Obermeisterin Sandra Wolf gewinnen konnte. Auf dem Podium Platz genommen hatten neben der Ministerin für Kultus, Jugend und Sport und der Geschäftsführerin der Wolf GmbH Oppenweiler und Obermeisterin Sandra Wolf auch zwei Mitglieder des Murrhardter CDU-Stadtverbands – Vorsitzender Georg Devrikis und Vorstandsmitglied Anja Anna. Schulleiter, Lehrer, Eltern und Unternehmer aus der Region waren gekommen, um sich über die CDU-Sicht auf die Thematik zu informieren sowie ihre Anliegen und Fragen anzubringen.

Absage an neues Schulfach „Medienbildung“

„In Deutschland gibt es die klare Tendenz, dass der Mensch erst beim Abitur beginnt“ – mit diesen Worten umriss Susanne Eisenmann das Problem zu Beginn ihrer Ausführungen. Sie wolle Eltern, die „das Beste für ihre Kinder anstreben“, nicht kritisieren, sondern in den Köpfen verankern, dass akademische und berufliche Ausbildungen gleichwertig sind. Nicht jeder der rund 9000 Studiengänge werde benötigt. Das schlechte Image von Handwerksberufen machte die Ministerin anhand einiger plausibler Beispiele deutlich. So beklagte sie etwa, dass etwa eine Datingagentur mit dem „Akademiker mit Niveau“ werbe, als gäbe es keine Handwerker mit Niveau. Sandra Wolf, seit 2013 Obermeisterin der Mechaniker-Innung im Kreis und bundesweit die einzige Frau in diesem Amt, ergänzte, dass beispielsweise eine Daily Soap nicht ohne Ärzte und Anwälte auskomme und Handwerksberufe hier deutlich unterrepräsentiert seien.

Sowohl Eisenmann als auch Wolf haben studiert, die Ministerin promovierte gar, weshalb die gelegentlichen Einlassungen gegen die akademische Landschaft Deutschlands, etwa gegen „dieses kostenlose Rumstudieren“ (Sandra Wolf) oder gegen geisteswissenschaftliche Fachrichtungen – Eisenmann nannte ausgerechnet die Kulturwissenschaften – nicht recht überzeugen konnten. Beklagt wurde außerdem das Anspruchsdenken vieler Eltern gegenüber Bildungseinrichtungen, das Abgeben elterlicher Verantwortung an Lehrer und Erzieher, und man war sich insofern einig, dass die Schule „nicht Reparaturbetrieb der Gesellschaft sein“ kann, es wohl aber in vielen Fällen schon sei. Genauso wenig dürfe dies auch die Handwerksfirma sein, bekräftigte Susanne Eisenmann.

Die Ministerin bekannte sich im Gespräch mit den Teilnehmern zum föderalen Bildungssystem, mahnte aber eine bessere Vergleichbarkeit der Abschlüsse an und versicherte, dass daran gearbeitet werde. Sie plädierte für die Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung am Ende der 4. Klasse. „Gott sei Dank sind wir nicht alle gleich“, sagte sie, um ihr Bekenntnis zum differenzierten, aber durchlässigen Schulsystem zu untermauern.

Einige Maßnahmen der beruflichen Orientierung wurden vorgestellt und der Digitalisierungsgrad im Handwerk wurde erläutert. Allerdings wurde auch beklagt, dass die Jugend, wenn nicht an die Universitäten, dann aber in die Großindustrie strebe. Niemand wolle sich mehr die Hände schmutzig machen. „Wir kämpfen ständig gegen dieses dreckige Image an“, bemerkte Sandra Wolf mit Blick auf das Handwerk, das sich enorm verändert habe und heute in allen Branchen modernste Verfahren und Techniken nutze. Da helfe es nur, zu informieren, Praktika anzubieten, dranzubleiben.

In der offenen Diskussion gingen Teilnehmer und Podiumsrunde auf mehrere weitere Aspekte des Bildungssystems ein: Fachkräftemangel an den Schulen, insbesondere in den naturwissenschaftlichen und künstlerischen Fächern, die Veränderung der Schuleingangsuntersuchung, die unter anderem gegen die „Sprachverarmung“ (Susanne Eisenmann) wirken soll, die Frage nach der Wiedereinführung eines beispielsweise sozialen Pflichtjahres für Schulabsolventen, den Umgang mit einer zunehmend verrohenden Streitkultur und in diesem Zusammenhang nicht zuletzt auf Fragen der Medienbildung. Lesen durch Wischen auf dem Smartphone zu ersetzen, habe keinen pädagogischen Mehrwert, befand die Ministerin. Eisenmann erteilte einem neuen Schulfach „Medienbildung“ eine Absage. Die Thematik sei so komplex und quasi übergeordnet, dass sie in allen Fächern bearbeitet werden müsse.

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Erstellt:
5. März 2020, 06:00 Uhr

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