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Der Patron der Gerber ist Namensgeber

Vor 125 Jahren wurde die katholische Kirche St. Johannes Baptist in Backnang geweiht – Äußerste Sparsamkeit beim Bau

„Der in frühgotischem Stil gedachte Entwurf zeichnet sich durch edle Einfachheit und eine zweckmäßige Anlage aus.“ So charakterisierte der damalige Bischof von Rottenburg, Wilhelm von Reiser, die neue katholische Kirche in Backnang. Vor 125 Jahren wurde der markante neugotische Kirchenbau an der Oberen Bahnhofstraße geweiht. Am Wochenende feiert die Kirche dieses Jubiläum.

Katholische Kirche St. Johannes Baptist: Vor 125 Jahren wurde das Gotteshaus an der Bahnhofstraße in Backnang geweiht. Archivfoto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Katholische Kirche St. Johannes Baptist: Vor 125 Jahren wurde das Gotteshaus an der Bahnhofstraße in Backnang geweiht. Archivfoto: A. Becher

Von Klaus J. Loderer

BACKNANG. Orgel und Glocke kamen gerade noch rechtzeitig vor der Weihe der Kirche nach Backnang. Am 27. August 1893 wurde der Bischof am Bahnhof empfangen und zur Kirche geleitet. Der „Murrthal-Bote“ berichtete: „Zum heutigen Empfang Sr. Gnaden des hochwürdigsten Herrn Bischofs von Rottenburg wurde von der hiesigen kathol. Gemeinde bei Beginn der obern Bahnhofstraße eine prächtige, reich mit Fahnen, Emblemen, deutschen u. lateinischen Inschriften geschmückte Ehrenpforte errichtet.“ Am nächsten Tag fand die Weihe statt: „Der eigentliche Festtag war von Sonnenschein beglänzt und gab den Wanderern, welche zur Weihe der Kirche und zur Firmung von allen Seiten herzu kamen, freundliches Geleite.“ So schrieb der „Murrthal-Bote“. Backnang feierte dieses wichtige Ereignis ausgiebig. Es war der freudige Abschluss einer sich lange hinziehenden Geschichte. Denn eine solche Kirche wäre von den Backnanger Katholiken alleine nicht finanzierbar gewesen.

Nach der Reformation war Backnang evangelisch geprägt. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts kamen wieder Katholiken in die Stadt. Wollten sie einen katholischen Gottesdienst besuchen, mussten sie in Oppenweiler in die katholische Kirche gehen. Von einer eigenen Kirche wagten die Backnanger Katholiken noch gar nicht zu träumen, aber wenigstens von einem Betsaal. Immerhin war eine Persönlichkeit der Backnanger Lokalprominenz katholisch, nämlich der Oberamtmann (entspricht heute dem Landrat).

Katholiken hofften auf finanzielle Unterstützung aus Rottenburg

1886 wandten sich die Backnanger Katholiken hoffnungsvoll an das bischöfliche Ordinariat in Rottenburg. Man hatte ein zum Verkauf stehendes Haus in der Oberen Bahnhofstraße in Aussicht, in dem man Gottesdienste abhalten wollte. Das Haus wurde aber erst einmal nur gemietet. Nach Herausnahme der Zwischenwände im Erdgeschoss entstand das kleine Oratorium St. Josef. Am 17. Juli 1887 erfolgte die Benediktion durch den Oppenweiler Pfarrer Johann Baptist Geiger, der ab nun an zwei Sonntagen im Monat Gottesdienst hielt. Noch hatte Backnang keine eigene katholische Kirchengemeinde, man gehörte zu Oppenweiler. Der katholische Pfarrer von Oppenweiler musste das riesige Gebiet zwischen Oberstenfeld, Kirchberg an der Murr, Weiler zum Stein und Murrhardt betreuen. Es war eine Diaspora-Situation.

Schon bald suchte Pfarrer Geiger in Rottenburg noch einmal nach, ob man das Haus nicht doch kaufen könnte. Das wurde zuerst abgelehnt, dann schickte man einen Architekten, der eine Erweiterung des Oratoriums plante. Geiger wollte aber nicht ein verbessertes Provisorium. Er träumte von einer Kirche. So machte man sich daran, neben dem Oratorium weitere Flächen für einen eventuellen Kirchenbau zu erwerben. Der Stuttgarter Architekt Josef Morlok schlug einen Kirchenstandort westlich des Oratoriums vor. Dort baute die Stadt Backnang aber gerade das Zentralschulhaus und war nicht bereit, eine Fläche abzutreten.

So ging ein Grundstückskauf nur östlich. Das wurde letztlich der Standort der neuen Kirche. Doch erst einmal musste Pfarrer Geiger Geld sammeln. Das tat er fleißig, und er fragte penetrant bei der Kirchenbehörde wegen Geldern nach. Immer wieder wurde er vertröstet, bis 1893 endlich das entscheidende Ja des Königlich katholischen Kirchenrats und des Bischofs kam. Der leitete dann auch gleich eine Großspende nach Backnang um. Auch wenn der Baufonds inzwischen auf 45000 Mark angewachsen war, reichte das Geld zunächst nur für den Rohbau. Der Entwurf stammte von einem renommierten Kirchenarchitekten, Josef Pohlhammer. Er tat sich etwas schwer mit der Platzierung der Kirche auf dem knappen Platz. Die Kirche ist ja auffälligerweise nicht geostet.

Im Sommer 1893 begann man mit dem Bau. Aber es war äußerste Sparsamkeit notwendig. So ist der neugotische Bau schlicht gehalten und größtenteils aus preiswerten sogenannten Dopfer-Steinen aus Hochofenschlacke gemauert. Für den Innenausbau gab es dann noch einen Zuschuss des württembergischen Königs Wilhelm II., die Orgel stiftete die Diözese, einer der Altäre war ein Geschenk des Bischofs. Nach einem Jahr Bauzeit war die Kirche 1894 fertig.

Die Glasfenster im Chor wurden von dem renommierten Glaskünstler Gustav van Treeck in München geschaffen. Die Orgel stammte von den Gebrüdern Link in Giengen an der Brenz. Das Patrozinium auf Johannes den Täufer passt übrigens gut zur Lederstadt, ist das doch der Patron der Gerber. In den Hochaltar wurden Reliquien des heiligen Urban und der heiligen Jucunda von Nikomedia eingesetzt.

1895 wurde Backnang eine selbstständige katholische Kirchengemeinde. Aus dem Oratorium wurde das Pfarrhaus. Am 23. April 1896 wurde mit Franz Müller ein erster Stadtpfarrer eingesetzt. Er richtete schon bald eine Pfarrbibliothek ein. 1907 erhielt die katholische Schule ein eigenes Haus. 1912 kam aus einer Stiftung des Schuhfabrikanten Moriz Honer der St.-Josefs-Altar in die Kirche. Im Ersten Weltkrieg musste man zwei der drei Glocken und die Pfeifen der Orgel abliefern. In den wirtschaftlich schwierigen 20er-Jahren dauerte es einige Zeit, bis man Glocken und Orgelpfeifen wieder neu beschaffen konnte.

Pfarrer Max Hanser hatte 1938 die Idee einer Neugestaltung des Chors. Tatsächlich ging er diesen Umbau mitten im Zweiten Weltkrieg mit dem Stuttgarter Architekten Alfred Schmidt an. Die Beschaffung von Material und Arbeitskräften war nicht einfach, so konnte der Chor nicht fertiggestellt werden. Aber sofort nach Ende des Kriegs machte sich Hanser an eine Vollendung des Chors.

Originale Innenausstattung macht einer neuen Raumfassung Platz

So wurde der neue Altar am 1. Dezember 1946 von Weihbischof Franz Josef Fischer geweiht. Es war eine damals sehr moderne Idee, den Altar frei in die Mitte des Chors zu stellen. Gleichzeitig ist aber durch diesen Umbau die originale Innenausstattung von 1894 entsorgt worden. Die drei Altäre verschwanden. Das Erscheinungsbild wandelte sich innen völlig von einer neugotischen Ausstattung zu einer helleren Raumfassung. Auch die originalen Fenster entfernte man. Der Einbau der neuen, von Maximilian Bartosz gestalteten Fenster zog sich dann allerdings bis 1951 hin. 1953 kam dann auch Ersatz für die im Zweiten Weltkrieg abgelieferten Glocken.

Anfang der 50er-Jahre war eine Vergrößerung der Kirche geplant. Statt dieser entstand aber dann mit der Christkönigskirche eine zweite katholische Kirche in Backnang. 1963 erhielt die Kirche eine neue Orgel. 1968 wurde der Innenraum noch einmal umgestaltet. Die große Mühleisen-Orgel wurde 1988 eingebaut, sie ist eine wichtige Basis der qualitätvollen Kirchenmusik. Derzeit ist man mit der Sanierung des Ostportals beschäftigt.

Viele Backnanger sind mit der Kirche verbunden, als Ort der Taufe oder der Trauung. Auch für die portugiesische und die kroatische katholische Gemeinde wurde sie eine Heimatstätte. Ein reges Leben entfaltet die Kirchengemeinde heute.

Der neugotische Kirchenbau mit Pfarrhaus entstand auf einem kleinen Platz an der Bahnhofstraße.

Der neugotische Kirchenbau mit Pfarrhaus entstand auf einem kleinen Platz an der Bahnhofstraße.

Kirche St. Johannes nach dem Umbau von 1968, als der Innenraum nochmals umgestaltet wurde.

Kirche St. Johannes nach dem Umbau von 1968, als der Innenraum nochmals umgestaltet wurde.

Die Aufnahme von etwa 1940 zeigte den Innenraum der Kirche mit der originalen Ausstattung.

Die Aufnahme von etwa 1940 zeigte den Innenraum der Kirche mit der originalen Ausstattung.

Info
Die Gemeinde feiert

Das Festprogramm zum Jubiläum hat bereits mit einem Vortrag zur Geschichte begonnen. Weitere Programmpunkte:

Freitag, 28. Juni, 20 Uhr (Saalöffnung: 19.30 Uhr) Gemeindehaus St. Johannes, Lerchenstraße 18: Tanz in den Sommer. Eintritt sieben Euro. Kartenreservierung unter a.reim@katholisch-backnang.de.

Samstag, 29. Juni, 10 bis 11 Uhr: Szenische Kirchenführung in St. Johannes mit Nicole Huber

19.30 Uhr Festabend im Gemeindehaus – Johannes für alle Sinne mit den „Vätern Stuttgarts“, Quiz, Tombola und Buffet

Sonntag, 30. Juni, 10.30 Uhr: Festgottesdienst. Predigt: Dr. Meinrad Limbeck. Katholische Singschule Backnang, Chorgemeinschaft. Danach ab 12 Uhr Fest im Gemeindehaus mit Programm: 14 Uhr Kindergarten, 14.30 Uhr Elefantis. Hüpfburg, Spielstraße, Preisverleihung Malwettbewerb.

In der neu erschienenen Festschrift kann man sich noch weiter über die Baugeschichte der Kirche und das aktuelle Gemeindeleben informieren. Sie kostet fünf Euro und ist nach den Gottesdiensten und im Pfarrbüro St. Johannes zu haben.

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Erstellt:
26. Juni 2019, 11:30 Uhr

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