Die Hühner sind los

Es gackert. Nicht nur auf dem Land, das wäre ja nicht so ungewöhnlich, auch in der Stadt haben immer mehr Menschen ihre Liebe zum Federvieh entdeckt. Hühnerparadiese gibt es mittlerweile auch mitten in Backnang.

Ganz schön neugierig sind die Hühner von Kristin und Isabel. Sie leben auf einer Wiese in Backnang, denn auch in der Stadt wird die Hühnerhaltung immer beliebter. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Ganz schön neugierig sind die Hühner von Kristin und Isabel. Sie leben auf einer Wiese in Backnang, denn auch in der Stadt wird die Hühnerhaltung immer beliebter. Foto: A. Becher

Von Simone Schneider-Seebeck

BACKNANG/KIRCHBERG AN DER MURR/OPPENWEILER. Mitten in Backnang befindet sich ein Hühnerparadies. Eine weitläufige Wiese, umgeben von hohen Büschen und Hecken, ein umgebautes großes Trampolin dient als Schattenspender und Auslauf. Ein weißes, ein braunes und ein schwarzes Huhn picken friedlich vor sich hin. Die schwarze Prinz, man möge sich vom Namen nicht täuschen lassen, versucht gerade, ein Ei auszubrüten und ist daher den Menschen gegenüber etwas zurückhaltend. Doch Walli und Amy kommen auf die beiden Mädchen zu und lassen sich bereitwillig auf den Arm nehmen. Wie die Familie auf das Huhn gekommen ist? Marion Rzymann lacht. Sie ist selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen. Mittlerweile haben ihre Eltern nur noch Hühner und im vergangenen Jahr hat der Großvater für die beiden Töchter Kristin (7) und Isabel (8) und für die Nachbarstochter Carlotta (11) im Brutapparat je ein Ei ausbrüten lassen. Zwei der drei Küken waren kleine Hähne. In der Stadt wäre ein Hahn schwierig, ganz zu schweigen von zweien, daher wurden die beiden Hähnchen gut anderweitig untergebracht, wie Rzymann betont, und gegen zwei Hennen ausgetauscht.

Das Trio ist nun 13 Monate alt und sie sind „echte Kuschelhühner“. Doch sie sind nicht nur neue Familienmitglieder geworden: „Sie legen sehr zuverlässig Eier.“ Die achtjährige Isabel erinnert sich an ein besonderes Erlebnis: „Da hat Prinz mir ein Ei direkt in die Hand hineingelegt.“ Damals, als Kind auf dem Bauernhof, waren Hühner für die zweifache Mutter Nutztiere: „Dass sie richtig Charakter haben, hätte ich vorher nie gedacht.“ Ihre eigene Mutter würde sich heute sehr darüber amüsieren, wie man sich bei Familie Rzymann um Walli, Amy und Prinz kümmert. Regelmäßiger Auslauf auf der großen Wiese gehört dazu, allerdings nur unter Aufsicht. Selbst die Nachbarn haben die drei richtig ins Herz geschlossen, wie die großzügigen Futtergaben zeigen. Ob man sich schon Gedanken gemacht habe, wie es mit der Zukunft der etwas ungewöhnlichen Haustiere aussieht? Marions Mann Thilo winkt fast entsetzt ab. Noch gebe es keine Pläne, aber dass sie im Kochtopf landen, ist schon einmal ausgeschlossen. Höchstwahrscheinlich dürfen sie ihr Leben auf ganz natürliche Weise bei der Backnanger Familie beenden.

Besonders beliebt ist das Fütternmit Mehlwürmern

Aber wie kam man überhaupt auf die Idee, sich Hühner als Haustiere zu halten? Bei einer Brütung im vergangenen Jahr war ein verletztes Küken dabei gewesen, erzählt Marion Rzymann. Dieses zu retten und aufzupäppeln war der Auslöser für die Hühnerleidenschaft. Leider verstarb es, doch die Idee, eigene Hühner zu halten, hatte sich vor allem bei den Kindern festgesetzt. Und nun gehören Amy, Walli und Prinz fest zu den beiden Familien. Eine tolle nachbarschaftliche Gemeinschaftsaktion, wie Rzymann betont. Denn ohne das Grundstück der einen Familie und den Großvater, der die Eier gewissermaßen gestiftet hatte, wäre die Hühnerhaltung gar nicht möglich gewesen.
Im Kirchberg an der Murr lebt bereits die zweite Generation Hühner bei Familie Rückert. Fünf sind es seit Ostern 2020: Luise, Cleo, Eva, Frieda und Luisa. Sie haben im Garten am Haus ihr eigenes Reich, ein großzügiges Gehege und ihr Schlafhaus. Auch sie dürfen immer wieder in den Garten hinaus, der ist jedoch durch einen Zaun abgesichert, damit sie nicht mal auf die Straße hüpfen. Die beiden Töchter im Grundschulalter spielen gern mit den Tieren, besonders beliebt ist das Füttern mit Mehlwürmern. Und wenn dabei mal ein paar Würmer auf ihre Füße fallen: macht nix. „Es ist eine gute Massage, wenn sie zwischen den Zehen picken“, lacht Charlotte. Dass die Hühner ihren geliebten Sauerampfer niedergemacht haben – geschenkt. Sie kuschelt viel zu gern mit den gutmütigen Tieren, als dass sie ihnen lange böse sein könnte. Und versucht lieber, ihnen Kunststücke beizubringen.

Schon als Kind hat sich Silja Knieriem für das Federvieh interessiert. Als Jugendliche hat sie sich daher einen Brutapparat ausgeliehen und versucht, selbst Eier auszubrüten. Leider mit mäßigem Erfolg. Doch sie und ihre ebenfalls hühnerbegeisterte Freundin ließen sich davon nicht entmutigen – Küken mussten her. Kiki und Mimi seien so zahm gewesen, dass sie sogar auf der Schulter gesessen seien, erinnert sich die mittlerweile dreifache Mutter aus Kirchberg. Seit 2016 gehören Hühner fest zur Familie dazu. Auf dem „Stückle“, etwas außerhalb des Orts, haben sie und ihr Mann den aktuell sieben Hühnern und einem Hahn ein wahres Paradies geschaffen, mit Hühnerhaus und großzügigem Gehege. Eine bunte Mischung tummelt sich mittlerweile draußen im Hühnerreich, immer wieder kommen neue Hühner dazu, entweder aus eigener Brut oder durch Zukauf. Leider haben das auch Fuchs und Marder schon schätzen gelernt. Das Ausbrüten der Küken ist jedes Jahr wieder spannend, vor allem auch für die Kinder. Der Brutapparat steht im heimischen Keller, sobald die Küken geschlüpft und einige Tage alt sind, dürfen sie ins Freigehege im Garten. Dieses Jahr sind auch kleine Wachteln dazugekommen. Fünf Wachteln, fünf Hühner und zwei Hähne picken nun im „Hühnerkindergarten“, bis sie zu den Großen raus aufs Stückle dürfen.

Vor neun Jahren haben Geli Burr und ihr Mann ein Haus mit einem sehr großen Grundstück in Oppenweiler gekauft. Und mit einem alten Hühnerstall darauf. Platz und Stall vorhanden – was spricht also dagegen, selbst zum Hühnerhalter zu werden? Die ersten Hühner bekam sie von einer Freundin geschenkt, mittlerweile sind es elf Hennen, zwei Hähne und sechs Küken – bereits die vierte Generation, die im heimischen Brutapparat das Licht der Welt erblickt hat. „Das macht mir wirklich Spaß“, so Geli Burr, und auch beide Söhne sind begeistert von der bunten Hühnertruppe. Einmal sind ein paar ganz vorwitzige Exemplare in die Küche eingedrungen, die sah dann ziemlich wild aus. Doch in den Kochtopf? Das kann sich Burr nicht vorstellen: „Sie dürfen so alt werden, wie sie wollen.“

Isabel (links) und Kristin haben viel Spaß mit ihren gefiederten Spielgefährten.

© Alexander Becher

Isabel (links) und Kristin haben viel Spaß mit ihren gefiederten Spielgefährten.

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Erstellt:
22. Juli 2021, 16:00 Uhr

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