Die „Lebendige Bibliothek“ geht in die zweite Runde
Beim Treffen am 4. März in der Murrhardter Stadtbücherei erzählen Menschen von ihren Lebenswegen und Erfahrungen.
© Stefan Bossow
Die lebendige Bibliothek 2024. Archivfoto: Stefan Bossow
Von Christine Schick
Murrhardt. „Die erste Veranstaltung war so stimmig und toll. Alle waren glücklich, neue Impulse zu bekommen“, erzählt Jutta Brasch, Leiterin der Stadtbücherei Murrhardt. Im Jahr 2024 hat der Verein Pyramidea eine „Lebendige Bibliothek“ mit Projektleiter Thomas Smolarczyk in Kooperation mit der Bücherei auf die Beine gestellt. Das Format, bei dem sich Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenserfahrungen, Schicksalen und Hintergründen als „Bücher“ ausleihen lassen und mit denen ein Austausch in einem persönlichen Gespräch möglich ist, geht nun in die zweite Runde.
Weitere Themen
Ein besonderes Anliegen dabei war
auch, durch die Begegnung mit Menschen und ihren ungewöhnlichen Lebenswegen wie Fluchterfahrung, Leben mit HIV oder als Vater einer Regenbogenfamilie Vorurteile oder falsche Annahmen abzubauen und Mitmenschlichkeit im besten Sinne zu fördern. Für das Stadtbüchereiteam war schnell klar, dass es die Lebendige Bibliothek weiterführen möchte. Es hat sich mit der Volkshochschule zusammengetan; auch Pyramidea unterstützte. Einige „Bücher“ sollten wieder mit dabei sein, neue Themen kamen hinzu. Unter ihnen sind etwa der Umgang mit beziehungsweise die Begleitung bei Krankheit, Abschied und Tod.
Ärzte ohne Grenzen Thomas S. (alle Teilnehmenden treten mit dem Vornamen und dem ersten Initial des Nachnamens auf) wechselt von seiner Rolle als Projektleiter der ersten Auflage nun in die Rolle eines „Buchs“. „Ich hatte das Glück, bei Ärzte ohne Grenzen mitarbeiten zu dürfen“, erzählt der 67-Jährige. Nachdem er als Schulleiter in den Ruhestand ging, hat er sich nach einem möglichen Engagement erkundigt, denn neben Medizinern sind viele weitere Menschen dort aktiv. „Dann kam ein Anruf, dass ich nach Bangladesch gehen kann.“ Er unterstützte im Geflüchtetencamp Cox’s Bazar, das als das größte der Welt gilt.
Leben mit Gehbehinderung Elke T. lebt von Geburt an mit einer Gehbehinderung und war bereits in der ersten Ausgabe ein „Buch“. Zwei Besucher kamen extra zum Treffen, um sie kennenzulernen. „Sie haben mich schon vorher in Murrhardt gesehen und hätten mich gerne angesprochen, wussten aber nicht, ob es mir recht ist, und haben sich nicht getraut.“ Im Alltag trifft sie auch mal Menschen, die ihr erklären, dass sie ihre Gehhilfe falsch benutzt und wie sie einen Rollator einsetzen soll. „Ich versuch dann schon, sie aufzuklären. Mit Humor geht viel“, sagt sie mit Blick auf ihre Behinderung, und: „Jeder kann zur Inklusion etwas beitragen.“
Weitere Bücher Außerdem am Abend mit dabei: Die Kunsthistorikerin und Textilkünstlerin Julia M. (51) musste aufgrund des Ukrainekriegs ihre Universität verlassen und mit ihren zwei Kindern ein neues Leben in Deutschland beginnen. Heute realisiert sie Kunstwerke und Ausstellungen, hält Vorträge und engagiert sich in wissenschaftlichen und kulturellen Projekten. Somaia M. (41) studierte in Afghanistan, bevor sie die gefährliche Flucht vor den Taliban nach Deutschland auf sich nahm. Mit ihrem Mann und zwei Kindern wohnt sie erst seit 2023 in Murrhardt. Finn S. (26) ist transgender und lebt heute als Mann. Den größten Teil seines Lebens sind er und sein Umfeld jedoch davon ausgegangen, dass er ein Mädchen ist. Nach verschiedenen Herausforderungen und einer intensiven Auseinandersetzung mit Geschlechterrollenbildern sowie dem eigenen Erleben hat er nun zu sich selbst gefunden. Gerd R. (44) arbeitet nun seit 16 Jahren als Bestatter und sorgt dafür, dass jeder Verstorbene pietätvoll und wertschätzend behandelt wird. Den Angehörigen steht er helfend zur Seite und versucht bestmöglich, deren Wünsche oder die der Verstorbenen umzusetzen.
Für Christine S. (56) ist das Schreiben als Journalistin und Autorin ein Begleiter, der sich auf vielen Gebieten bezahlt macht: beim Durchdenken von Ereignissen, Erschaffen von Geschichten und beim Über-sich-Nachdenken. Es ist ein Geschenk für Kopf und Psyche und wird für sie immer ein geheimnisvoller Freund bleiben. Martin S. (69) war Krankenhausseelsorger und hat über zehn Jahre lang Menschen im Klinikum Winnenden begleitet. Er erkennt Ähnlichkeiten zu den Gesprächen in der Lebendigen Bibliothek: „Da ging es auch darum, zu fragen: ‚Wo kommen Sie her und wo geht es hin?‘“ Für viele sei es wichtig, ihr Leben zu begreifen. „Zu verstehen, was mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin, und was mir Halt gibt.“ Er ist gespannt auf die Fragen und – wenn es sich ergibt – auf die Geschichten des Gegenübers.
Veranstaltung Die zweite „Lebendige Bibliothek“ findet am Mittwoch, 4. März, in der Stadtbücherei Murrhardt statt. Um 17.30 Uhr wird der Abend von der „Birds Band“ eröffnet. Danach können die „Bücher“ für 20 Minuten ausgeliehen werden. In der Stadtbücherei und im Heinrich-von-Zügel-Saal werden Gesprächsecken für eine ungestörte Unterhaltung eingerichtet.
