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Die Natur sucht noch ein Preisschild

Land sieht Reformbedarf beim Ökokonto, mit dem Eingriffe in die Natur ausgeglichen werden, hält aber grundsätzlich daran fest

Umwelt - Wer mit Baumaßnahmen in die Natur eingreift, muss dies andernorts ausgleichen. So lautet die Vorschrift, und das Land setzt diese mit Ökopunkten um. Nun liegt eine erste Bilanz vor.

Stuttgart Die Idee ist bestechend, und seit acht Jahren wird sie von Städten, Gemeinden und Betrieben auch fleißig genutzt: Bei dem seit 2011 in Baden-Württemberg bestehenden Ökokonto können sie mit naturfreundlichen Maßnahmen bestimmte Eingriffe in die Natur wieder ausgleichen.

Und das sogar im Voraus, wenn der eines Tages geplante Bau einer Fabrikhalle, einer Straße, eines Weges oder eines Parkplatzes im Grünen noch gar nicht ansteht. Die Naturschutzbehörden vergeben die sogenannten Ökopunkte – und sie können angespart, verzinst (drei Prozent) und sogar verkauft werden.

Das baden-württembergische Umweltministerium hat jetzt in einer 300-Seiten-Studie eine Bewertung ihres Ökokontos vorgenommen und eine Art Bilanz mit Reformvorschlägen vorgelegt. André Baumann, Staatssekretär im baden-württembergischen Umweltministerium, zeigt sich vollauf zufrieden: „Die Evaluation hat gezeigt, dass sich das Ökokonto bewährt hat. Es ist ein taugliches Instrument für den Ausgleich von Eingriffen in Natur und Landschaft. Es ist allgemein anerkannt und etabliert.“ Zwar gebe es an einigen Stellen noch Regelungsbedarf, und eine Überarabeitung der Öko-Konto-Verordnung soll nun rasch angepackt werden. Der Grundsatz an sich werde aber von niemandem angezweifelt: frühzeitig durch freiwillige Maßnahmen Spielräume zu erhalten für geplante Vorhaben mit Eingriffen in die Natur.

Vor allem an drei Stellschrauben muss der Gesetzgeber drehen, wenn er den von 30 Experten – zumeist Behördenmitarbeiter sowie Vertreter aus Verbänden, Wissenschaft und Wirtschaft – erarbeiteten Bericht ernst nimmt. Erstens sollte das Antragsverfahren überarbeitet werden, denn oft stellen die Antragsteller ihre Vorhaben zur Aufwertung eines Biotops – beispielsweise wird ein Forst zum ökologisch wertvolleren Bannwald – nicht ausreichend dar.

Als dringend sehen die Fachleute zweitens an, dass der Wert von ökologischen Maßnahmen und der Ist-Zustand von Biotopen ­besser geschätzt werden kann. Auch wie die Ökopunkte ermittelt werden, sollte genauer geklärt werden.

Dafür gibt die Verordnung zwar eine Wertspanne an und nennt Faktoren. „Nach den Rückmeldungen aus der Praxis bestehen jedoch Unklarheiten bei der Bestimmung der Höhe der Ökopunkte“, sagt Baumann. „Die Natur hat ja noch kein Preisschild.“ Zum Beispiel gibt es 100 000 Ökopunkte für die Ansiedlung einer Population von Kreuzkröten, oder 400 000 Ökopunkte für die Gründung eines Kiebitz-Reviers – ist das zu viel? Oder es gibt 40 000 Punkte für die Umwandlung von einem Hektar Wirtschaftswald in einen Bannwald, der als der Urwald von morgen gilt – ist das zu wenig?

Über diese Fragen, so André Baumann, werde es wohl immer Streit und Diskussionen geben. Im Bericht wird daher angeregt, dass weitere Faktoren für die Bewertung entwickelt und vorhandene präzisiert ­werden, damit die Naturschutzbehörden ihre Entscheidungen dazu sicherer treffen können.

Schließlich – der dritte Punkt – sollte geklärt werden, ob der Katalog der ökologischen Maßnahmen nicht durch die Förderung von spezifischen Arten erweitert werden könnte. Wer für deren Entwicklung etwas tue, könnte auch Ökopunkte kassieren.

Baumann nennt das Beispiel des bedrohten Großen Brachvogels, der gerne auf feuchten Wiesen im Rheintal lebt und mit seinem langen Schnabel die Nahrung aus dem Erdreich pickt. Seit April 2011 sind rund 400 Maßnahmen gezählt worden, für die die Behörden Ökopunkte vergeben ­haben.

Von den elf Naturräumen in Baden-Württemberg – dies sind Teilgebiete mit ähnlicher Vegetation, Geologie und Wasservorkommen – haben drei die meisten Maßnahmen auf sich gezogen: das Oberrheinische Tiefland, die Neckar-Tauber-Gäuplatten – zu dem auch Kraichgau, Hohenlohe, Bauland und Baar gehören – sowie das sogenannte Schwäbische Keuper-Lias-Land, in dem auch die Landeshauptstadt Stuttgart liegt.

Für André Bauman ist die regionale Verteilung durchaus logisch: Dies seien halt Boom-Regionen, und in den liefen die meisten Bauprojekte. Schaut man auf die Antragsteller, liegen Städte und Gemeinde weit vorne mit 32,6 Prozent, gefolgt von allgemeinen Unternehmen (28,3 Prozent), wobei es sich lediglich um drei handelt. Welche Firmen dies sind, will das Ministerium aus Datenschutzgründen nicht sagen. Auch die nichtkommunale Verwaltung, die Baustoffindustrie, Forstbetriebe, Energieversorger und Immobilienfirmen beantragen in geringerem Umfang Ökopunkte.

Aber mitunter Vermengen sich Antragsteller und Nutzer. So schilderte der Naturschutzbund Baden-Württemberg das Beispiel von Mönsheim: Die Gemeinde legte weite Teile ihres Waldes naturnah an, kassierte dafür 680 000 Ökopunkte und verkaufte einen Teil an die Porsche AG. Die konnte damit den Bau von Parkplätzen ökologisch ausgleichen. Und Mönsheim erhielt 160 000 Euro in die Stadtkasse.

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Erstellt:
9. Februar 2019, 03:04 Uhr

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