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Die Passion für Weinbau wird oft vererbt

Der Generationenwechsel im Weinberg hat viele Facetten. Gut ausgebildete, hoch motivierte Jungwinzer treten in die Fußstapfen ihrer Väter und Großväter. In anderen Betrieben ist die Nachfolge noch offen. Nebenerwerbswinzer sind mit hohem Einsatz dabei.

Eine Winzerfamilie mit einer langen Tradition (von links): Else, Silke, die fast fünfjährige Lisa, Andreas und Herbert Schwarz aus Allmersbach am Weinberg. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Eine Winzerfamilie mit einer langen Tradition (von links): Else, Silke, die fast fünfjährige Lisa, Andreas und Herbert Schwarz aus Allmersbach am Weinberg. Fotos: A. Becher

Von Ingrid Knack

ASPACH/KIRCHBERG AN DER MURR. Die Weinberge prägen die Landschaft rund um Aspach. Sowohl Einheimische als auch Touristen genießen den besonderen Anblick und die Möglichkeit, Wein direkt aus der Region trinken zu können. Doch vor dem Genuss von Trollinger, Lemberger, Spätburgunder, Riesling, Kerner oder Schillerwein steht viel Arbeit. Finden sich überhaupt noch genug Nachfolger, die bereit sind, das ganze Jahr über in den Weinbergen zu arbeiten, damit die Weinliebhaber später die edlen Tropfen genießen können?

Junge Menschen besinnen sich wieder auf alte Werte.

„Von Anfang an sind wir dabei gewesen“, sagt Günther Ferber (51), Vorsitzender der 62 Mitglieder starken Weingärtnergenossenschaft (WG) Aspach. Seine Passion für den Weinbau ist quasi vererbt worden, über mehrere Generationen. Auch seine Söhne arbeiten im Weinberg mit. Vorstandsmitglied Holger Hessel beteuert: „Wir machen es als Hobby, weil wir es gern machen. Wir sind damit aufgewachsen.“ Ebenso liegt der Weinbau bei Joachim Schöffler vom Vorstand in der Familie. Er hat mit vier Ar den kleinsten Wengert in der WG Aspach. Alle betreiben den Weinbau im Nebenerwerb. Alte Werte und Tradition seien bei den jungen Leuten allgemein im Kommen, meint Ferber, der sich um den Nachwuchs wenig Sorgen macht. Weinbau bleibt oft in der Familie. Die Helfer indes, die bei der Lese gerne die Wengerter unterstützen, gingen dann doch eher nicht so weit, selbst einen Weinberg zu kaufen oder zu pachten, ist die Erfahrung der Aspacher Wengerter. Weinbau sei ein gutes Hobby, bei dem man in der Natur sein und bei dem man sich das Fitnessstudio ersparen könne, findet Ferber. Aber manchmal wird die viele Arbeit nicht belohnt. So wie in diesem Jahr. Wegen einer Frostnacht Mitte Mai rechnet Ferber mit hohen Ertragseinbußen.

Familie Holzwarth aus Kleinaspach gehört zu den Selbstvermarktern. Schon seit mehreren Generationen spielt der Weinbau in ihrem Leben eine Hauptrolle. Inhaber der Firma Holzwarth-Weine ist heute der 48-jährige Matthias Holzwarth, der das Handwerk des Weinküfers in der Schlosskellerei Affaltrach von der Pike auf gelernt und den elterlichen Betrieb 2003 übernommen hat.

Sein Vater Martin (Jahrgang 1943), der immer noch im Unternehmen mitarbeitet, war 1997 mit seinen eigenen Erzeugnissen direkt an den Markt gegangen. Zuvor war er Mitglied in der Weingärtnergenossenschaft Aspach. Auch hatte er Milchkühe und betrieb Schweinezucht. Diese Geschäftszweige gibt es bei den Holzwarths aber nicht mehr. Neu hinzugekommen ist 2005 eine traditionelle Besenwirtschaft, die lediglich 16 Wochen im Jahr offen hat.

Die Holzwarths haben keine Sorgen, was die Zukunft ihres Unternehmens anbetrifft. Sohn Marco hat Winzer gelernt. Von klein auf sei Marco „mit Feuereifer“ dabei gewesen, freut sich der Vater. Die Ausbildung zum Winzer absolvierte der heute 19-Jährige in Weinsberg in der Schule und bei der Schlosskellerei Dr. Baumann in Affaltrach. „Eines der führenden Weingüter in Baden-Württemberg“, erklärt Matthias Holzwarth. Die Wein- und Sektkellerei in Affaltrach ist ein mittelständisches Unternehmen, das in dritter und vierter Generation betrieben wird. Und die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau, die 1868 als „Königliche Württembergische Weinbauschule“ gegründet wurde, ist die älteste Weinbauschule Deutschlands. „Marco möchte noch auf die Meisterschule“, so sein Vater. Neun Hektar groß ist die Rebfläche, die die Holzwarths in Kleinaspach und Allmersbach am Weinberg bewirtschaften, eine Hälfte befindet sich in Familienbesitz, die andere Hälfte ist gepachtet. „Es ist immer mehr geworden“, so Matthias Holzwarth. In seiner Anfangszeit als Chef des Familienunternehmens waren es nur vier Hektar Rebfläche. Zum Thema Generationenwechsel sagt der Weinbauer: „Mit den Betrieben, die noch da sind, geht es auch weiter. Sie haben neue Ideen, und die Jungwinzer sind sehr engagiert. Man muss sich immer etwas einfallen lassen. Das ist sehr wichtig in unserem Berufsstand.“ Seit Corona beobachtet er auch, dass mehr regional eingekauft werde. „Das sehe ich als Chance an.“

Auch Weinbau Gruber in Rietenau gehört zu den Selbstvermarktern und zu den Traditionsunternehmen im Weinbau. „Ich habe bereits als junger Bub mitgeholfen, mein Großvater hatte schon Weinberge. Seit rund 100 Jahren betreiben wir Weinbau“, gibt Kurt Gruber Auskunft. In seine Fußstapfen ist vor 15 Jahren Sohn Jürgen getreten. Bewirtschaftet wird in Rietenau eine Fläche von 60 Ar, auch hier gibt es eine Mischung aus Eigentum und gepachteten Flächen, die einen zusammenhängenden Weinberg ergeben. „Er ist gut zu bewirtschaften, also nicht so steil“, sagt Kurt Gruber. Doch wie es einmal weitergeht mit dem Familienbetrieb, weiß der 80-Jährige nicht. Die Nachfolge sei offen. Jürgen Gruber ist Nebenerwerbswengerter. „Es gibt viele Einschnitte“, sagt der 49-Jährige. Deshalb sei es schwer, langfristig zu planen.

Andreas Schwarz von Weinbau Schwarz in Allmersbach am Weinberg lässt wissen: „Wir waren schon immer ein Mischbetrieb. Mit Vieh, Ackerbau, Wiesen und Wengert.“ Auch schon früher sei der Weinbau ein zweites Standbein seiner Familie gewesen. Die Tradition wurde über viele Generationen aufrecht erhalten. Dann, im Jahr 1965, hat sein heute 83-jähriger Vater Herbert auch damit angefangen, den Wein selbst auszubauen. Der Senior hilft immer noch im Wengert mit.

Was die Rebflurbereinigung mit der Nachfolge zu tun hat

Andreas Schwarz machte in jungen Jahren in Weinsberg eine Ausbildung zum Techniker für Weinbau und Kellerwirtschaft und absolvierte zudem eine Ausbildung zum Wirtschafter für Landbau – er hat Milchvieh und ist Züchter von Fleckvieh. Dass sich auch der Weinbau lohnt, hängt mit der Rebflurbereinigung Ende der 1990er-Jahre zusammen. „Wenn wir das nicht gehabt hätten, wäre es vom Wirtschaftlichen her nicht machbar gewesen“, erklärt der 49-Jährige. So hat die Flurbereinigung durchaus etwas mit Zukunftsperspektiven im Weinbau zu tun. Andreas Schwarz kaufte und pachtete Weinberge hinzu. Insgesamt kommt er so auf rund zweieinhalb Hektar Rebfläche. Und baut den Wein nicht nur für seine Direktvermarktungszwecke, sondern auch für die Gemeinde Aspach und einen gastronomischen Betrieb aus – bei denen er darüber hinaus in Sachen Bewirtschaftung mit im Boot ist. Wie es mit der Familientradition weitergeht, wird sich noch zeigen. Tochter Lisa wird nächste Woche fünf.

Oliver Hütt, seit einem Jahr Vorsitzender des zirka 50 Mitglieder umfassenden Weingärtnervereins Kirchberg an der Murr, sagt: „Wir haben die bekannten Schwierigkeiten und schauen aktiv danach, dass wir junge Leute motivieren können.“ Dass dies nicht so einfach ist, hat auch mit der Topografie in Kirchberg zu tun. Dort finden sich nicht nur Direktzuglagen, die mit einem Schlepper oder einer Raupe ohne die Hilfe eines Seilzugs oder Ähnlichem befahren werden können, sondern vor allem Steillagen. Wer will sich schon die schwierige Bewirtschaftung derselben antun?

Die Winzer im nicht weit von Kirchberg entfernten Benningen im Kreis Ludwigsburg kennen das Problem mit den Steillagen und den Nachfolgeproblemen ebenso gut wie die Kirchberger. Vor einiger Zeit starteten sie das Projekt „Wengerter auf Probe“, was Hütt als „super Idee“ bezeichnet. Dort werden obendrein Pflanzenschutzeinsätze via Helikopter erledigt. Der 51-Jährige spricht darüber hinaus Spritzdrohnen an, die die Bewirtschaftung im Steillagenweinbau erleichtern könnten. Noch ist ihr Einsatz als Pflanzenschutzgerät hierzulande im Versuchsstadium. Das Zulassungsverfahren aber läuft. Hütt ist gespannt auf die Ergebnisse der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg, die in dieser Sache mit einer auf den professionellen Einsatz von Drohnen in Industrie und Forschung spezialisierten Firma aus Hessigheim kooperiert. Denn er selbst findet es auch nicht so prickelnd, mit der Spritze auf dem Rücken, Schutzkleidung und Mundschutz das Pflanzenschutzmittel in den Steillagen, wo kein Schlepper eingesetzt werden kann, auszubringen. Seine Frau Marion hat übrigens eine Winzerausbildung beim Landwirtschaftsamt Rems-Murr-Kreis absolviert. Die Hütts bewirtschaften eine Fläche von insgesamt 20 Ar. Oliver Hütt hat auch pilzresistente Sorten im Blick, als Antwort auf das Problem Pflanzenschutz als Eintrittsbarriere in den Weinbau in Steillagen.

Von rund neun Hektar Rebfläche in Kirchberg liegt etwa ein Drittel brach. Dabei gab es in der Murrgemeinde und Umgebung einmal goldene Weinbauzeiten. „Die Anbauflächen reichten früher von Burgstall bis Rielingshausen“, weiß Hütt. Was noch hier und dort an den alten Mauern zu erkennen sei. In der Hauptsache wegen der Reblaus gegen Ende des 19. Jahrhunderts seien die Anbaugebiete reduziert worden – ein allgemeines Problem dieser Zeit. Und wegen der „schwäbischen Erbteilung“ hätten viele Winzer in Kirchberg an der Murr nur schmale Streifen von durchschnittlich zehn Ar. Auch hier geht es dann vor allem um die Passion.

Betreiben Weinbau aus Leidenschaft: Martin, Matthias und Marco Holzwarth (von links).

© Alexander Becher

Betreiben Weinbau aus Leidenschaft: Martin, Matthias und Marco Holzwarth (von links).

Weinwanderung

Die Aspacher Weinvielfalt können Interessierte am morgigen Sonntag, 6. September, dort erleben, wo sie entsteht: in den Weinbergen. An der historischen Torkelkelter Kleinaspach gibt es für Wanderer ein Event mit einem vielfältigen Wein-, Sekt- und Speisenangebot. Mit dabei sind die Weingüter Holzwarth aus Kleinaspach, Schwarz aus Allmersbach im Tal, Gruber aus Rietenau und die WG Aspach. Beginn ist um 10 Uhr mit einem Gottesdienst an der Kelter. Ab 11 Uhr sind der Ausschank und der Weinwanderweg geöffnet.

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Erstellt:
5. September 2020, 06:00 Uhr

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