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Die Rückkehr der nackten Gurke

EU verbannt Einwegplastik: Doch Konsumenten sollte nicht das Denken abgenommen werden

Morgens ein süßer Joghurt, mittags schnell mit dem Röhrchen eine Limo geschlürft, und am Abend gibt’s noch eine Pizza aus der Tiefkühltruhe. Die Plastikfolie landet genau wie der Joghurtbecher und das Röhrchen samt Limoflasche im Abfalleimer. Zu viel Müll, zu viel Ungesundes – der Verbraucher verhält sich leider nur allzu oft menschlich und nicht wirklich rational.

Die EU hat sich jetzt auf ein Verbot von Einwegplastik verständigt und verbannt Besteck, Teller und Trinkhalme aus Kunststoff. Und Bundesernährungsministerin Julia Klöckner will mit einer „Reduktions- und Innovationsstrategie“ dafür sorgen, dass Fertigprodukte wie Tiefkühlpizza oder Müsli schrittweise mit weniger Zucker, Salz und Fett auskommen.

Das klingt alles gut. Denn wer will EU-Umweltkommissar Karmenu Vella widersprechen, wenn er sagt: „Wenn es so ist, dass du in einem Jahr deinen Fisch in einer Plastiktüte nach Hause bringst und im nächsten Jahr bringst du dann die Tüte im Fisch mit, dann müssen wir hart arbeiten und schnell arbeiten.“ Recht hat er – Müll gehört nicht ins Meer. Und doch sind solche Verbote höchstens Kosmetik, die im Zweifelsfall sogar das Gegenteil bewirken kann.

Fakt ist: Die Menschen produzieren zu viel Müll. Zur Wahrheit gehört aber auch: Ändern wird sich daran vermutlich erst einmal wenig. So erstrebenswert ein abfallfreies Leben ist, auf Online-Versandhandel und Supermarktprodukte können und wollen die meisten nicht verzichten. Dieses Rad lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Zu Selbstversorgern, wie es früher normal war, werden maximal einzelne Personen. Ein gesellschaftliches Phänomen wird das nicht.

Zudem bleibt die Frage offen, ob die Verbote tatsächlich einen großen Beitrag zum Umweltschutz leisten können. Denn auch Ersatzprodukte sind oft nicht umweltfreundlicher. Zwar sind Trinkhalme aus Papier zweifelsohne besser als die aus Plastik, doch wenn sie nur einmal benutzt werden und dann in der Tonne landen, ist das Problem nur verschoben. Denn auch zur Produktion von Papier braucht es Wasser, Energie und Chemie.

Die Gefahr ist, dass solche Verbote dem Menschen Sicherheit vermitteln. Die Alternativen aus Papier, Glas oder Metall werden dann pauschal als umweltfreundlicher angesehen und deshalb noch leichtfertiger weggeworfen. Wenn die Politik dem Konsumenten das Denken abnimmt, wird er noch bequemer. Nicht viel anders verhält es sich mit gesunder Ernährung. Klöckners Vorstoß, Lebensmittel gesünder zu machen, ist gut – und dennoch nur Schaupolitik. Denn gesund werden dadurch weder Limo noch Pizza.

Wer ernsthaft etwas ändern will, sollte nicht falsche Wahrheiten verkaufen. Den Kunden Wissen über die Auswirkungen zu vermitteln ist ein Anfang. Im zweiten Schritt müssen verbrauchernahe Alternativen gefunden werden. Gerade beim Müll. Europa und Deutschland sind stolz auf ihre klugen Köpfe. Diese sind jetzt gefragt, denn fürs Recycling braucht es einfache und bezahlbare Lösungen. Es ist Zeit, bei der Wiederverwertung von Verpackungsrohstoffen zuzulegen. Noch besser wäre es, mehr biologisch abbaubare Materialien zu entwickeln.

Allein schon bei der Verpackungswut müssen intelligentere Lösungen her. Wer im Supermarkt einkauft, findet Orangen im Plastiksack, Trauben in der Schale und Salatgurken, die in Folien eingewickelt sind. Bio sieht anders aus. Umweltschutz auch. Ein kleiner Anfang wäre deshalb schon die Rückkehr zur nackten Gurke im Supermarkt.

eva.hammel@stuttgarter-nachrichten.de

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Erstellt:
21. Dezember 2018, 11:42 Uhr

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