Die Schotten sind Fan-Europameister

Zwei Volunteers aus Maubach und Heiningen berichten von ihren Erfahrungen. Beide sind sich einig über die Fans in der Stuttgarter Arena. Vor allem die Schotten und ihre Fans haben es ihnen angetan.

Ein einmaliges Erlebnis und viele Erfahrungen liegen hinter den beiden Volunteers. Fiona Sachs und Silvio Kovac haben aufregende Tage hinter sich und sind zufrieden. Foto: Alexander Becher

© Alexander Becher

Ein einmaliges Erlebnis und viele Erfahrungen liegen hinter den beiden Volunteers. Fiona Sachs und Silvio Kovac haben aufregende Tage hinter sich und sind zufrieden. Foto: Alexander Becher

Von Andreas Ziegele

Backnang. Volle Ränge mit jubelnden Fans, zwei Mannschaften, die auf den Rasen einlaufen, und eine unglaubliche Stimmung im Stadion, nicht nur wenn ein Tor fällt. Das sind die Szenen, die den Zuschauern im Stadion oder zu Hause vor den Fernsehern von der Fußball-Europameisterschaft in Erinnerung bleiben werden. Was oft nicht gesehen wird, ist die Arbeit, die im Hintergrund geleistet wird, damit die Spiele und das Turnier reibungslos ablaufen können. Deutschlandweit waren und sind 16000 freiwillige Helfer, sogenannte Volunteers, im Einsatz. Unter den 1600 Volunteers in Stuttgart waren Fiona Sachs aus Maubach und Silvio Kovac aus Heiningen. Beide erlebten auch die Spiele der deutschen Nationalmannschaft bei den insgesamt fünf Spielen in der Stuttgarter Arena, zuletzt das dramatische Viertelfinale gegen Spanien, das das Aus für Deutschland und gleichzeitig den letzten Arbeitstag von Sachs bedeutete. Kovac hingegen verpasste das letzte Spiel krankheitsbedingt. „Wäre ich dabei gewesen, hätten die Deutschen das Spiel gewonnen“, ist er sich sicher.

Ausfall der Eintrittskarten-Scanner sorgt für Stress

Beide sind noch immer beeindruckt von den vergangenen Wochen. Silvio Kovac arbeitete im Bereich Ticketing und war für die Kartenkontrolle am Einlass zuständig. Sachs hingegen gehörte zu den sogenannten Stewards, die immer dann zum Einsatz kamen, wenn etwas nicht funktionierte. Obwohl beide am selben Eingang arbeiteten, sind sie sich bei den Spielen in Stuttgart nicht über den Weg gelaufen. „Manchmal habe ich mich wirklich wie eine Stewardess gefühlt“, erzählt Fiona Sachs. Wenn die Menschenmassen zum Eingang drängten und es dort extrem eng wurde, habe sie oft mit den klassischen Gesten einer Flugbegleiterin den Fans den richtigen Weg ins Stadion gezeigt. „Die Betrunkenen waren dann manchmal etwas schwierig zu händeln“, sagt die 21-Jährige. Besonders das erste Spiel zwischen Slowenien und Dänemark war für Silvio Kovac eine Herausforderung. „Da haben die Scanner für die Handys nicht richtig funktioniert und wir mussten erst eingewiesen werden, wie wir den Einlass manuell kontrollieren können“, erinnert er sich. „Das war schon ein kurzer Schockmoment“, sagt der 57-Jährige. Von Spiel zu Spiel wurde die Einlasskontrolle dann zur Routine und lief reibungslos ab. Besonders positiv bewerten beide, dass sie bei keinem der Spiele Gewalt oder Ausschreitungen in irgendeiner Form erlebt haben.

Fiona Sachs (erste von links) mit anderen Volunteers und schottischen Fans. Foto: privat

Fiona Sachs (erste von links) mit anderen Volunteers und schottischen Fans. Foto: privat

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Ein Kritikpunkt von Sachs und Kovac ist die mangelhafte Verpflegung der Volunteers. „Beim ersten Spiel waren die Lunchpakete schnell aufgebraucht und ich stand mit leeren Händen da“, so Kovac. Fiona Sachs störte sich eher an der Qualität der Produkte. „Die Nährwerte der Produkte ließen schon zu wünschen übrig“, sagt Sachs und kritisiert in diesem Zusammenhang auch den hohen Zuckergehalt der einzelnen Lebensmittel. Die Menge hingegen, wenn es denn ein Lunchpaket gab, empfanden beide übereinstimmend als ausreichend. Zudem waren die Wege zu den Verpflegungsstationen sehr weit und dauerten noch länger, da beim Verlassen und Betreten des Stadions jedes Mal ein kompletter Sicherheitscheck mit Taschen- und Personenkontrolle absolviert werden musste. Von Spiel zu Spiel verbesserten sich jedoch die Abläufe und die Organisation der Verpflegung. Keine Probleme gab es laut Sachs und Kovac mit gefälschten Screenshots auf den Mobiltelefonen. Dass es solche Fälle gegeben habe, hätten beide nur gehört und könnten es daher auch nicht beurteilen, obwohl es nach offiziellen Angaben zahlreiche Fälle von Ticketfälschungen gegeben habe.

Die Lieblingsfans der Volunteers kommen aus Schottland

Insgesamt aber überwogen für beide aber die positiven Erfahrungen. „Mich hat beeindruckt, wie unterschiedlich die Fankulturen der Länder sind und dass man das auch merkt“, erzählt Sachs. Der persönlich schönste und zugleich sentimentalste Moment: „Ich habe die deutsche Nationalhymne gehört und stand vor dem Stadion und nicht drinnen“, beschreibt sie die Situation immer noch ein wenig gerührt. Silvio Kovac hingegen hat die schottischen Fans in bleibender Erinnerung: „Wie die mit ihren Röcken, Dudelsäcken und Gesängen am Eingang ankamen, hat mir am besten gefallen.“ Eine Szene aus dem Spiel Schottland gegen Ungarn ist ihm dabei besonders in Erinnerung geblieben: „Nachdem die Ungarn in den letzten Sekunden des Spiels das 1:0 erzielt hatten, sind die schottischen Fans im Stadion spontan zu den Ungarn gegangen und haben ihnen gratuliert“, erzählt Kovac.Genau diese schottischen Fans haben auch Sachs nachhaltig beeindruckt: „Die Schotten waren einfach grandios, superoffen und haben uns an ihrer Begeisterung teilhaben lassen.“ Auch von den Dänen waren die Volunteers sehr angetan, da die Fans sehr offen und freundlich waren. Als besonders zurückhaltend beschreibt Fiona Sachs die ungarischen Fans, was sie vor allem auf die Sprachkenntnisse der Osteuropäer zurückführt. Die deutschen Fans hingegen seien in Stuttgart erst beim Viertelfinale so richtig in Feierlaune gekommen. „Beim ersten Spiel war noch eine große Zurückhaltung zu spüren, vor allem bei den Gesängen“, so Sachs. Wenn es so etwas wie den Titel des Fan-Europameisters gäbe, würden sich die beiden schon vor Ende des Turniers festlegen. In den Augen des Heiningers und der Maubacherin sind das auf jeden Fall die Schotten, auch wenn sie sich schon nach der Gruppenphase verabschiedet haben.

Grundsätzlich war es beiden untersagt, das Stadioninnere zu betreten. „Im ersten Spiel habe ich mich nur in die Nähe der Eingänge getraut. Beim Spiel Deutschland gegen Ungarn habe ich mich dann 20 Minuten nach Spielbeginn ins Stadion geschmuggelt und es komplett angeschaut“, erzählt Kovac mit einem schelmischen Grinsen. Nicht ganz so mutig war Fiona Sachs: „Ich habe mich nur ab und zu und dann für höchstens fünf Minuten getraut, ins Stadion zu spicken.“ Die Frage nach der Atmosphäre im Stadion bei den einzelnen Spielen beantworten beide wie aus einem Mund und mit nur einem Wort: „Super!“

Oberbürgermeister im Stadion

Ehrenkarten Alle Oberbürgermeister der Region Stuttgart haben von der Stadt Stuttgart eine Einladung zu einem Spiel in der Stuttgarter Arena erhalten, so auch Maximilian Friedrich. Er konnte sich für eines der vier Gruppenspiele oder das Viertelfinale anmelden. Optimistisch entschied sich Friedrich für das Viertelfinale, ohne zu wissen, welche Mannschaften gegeneinander antreten. „Da bei einem Gruppensieg der deutschen Mannschaft und einem anschließenden Sieg im Achtelfinale das Viertelfinale in Stuttgart im Bereich des Möglichen lag, habe ich mich optimistisch für dieses Spiel entschieden“, so der Backnanger Oberbürgermeister.

Länderspielpremiere Für Friedrich hat sich das Zocken beziehungsweise sein Expertenwissen gelohnt. Sein erstes Länderspiel überhaupt in einem Stadion war das Duell zwischen Deutschland und Spanien. Die Atmosphäre beschreibt Friedrich als „sensationell“. Der Siegtreffer der Spanier in der Verlängerung war nicht nur für ihn eine herbe Enttäuschung. Nicht einverstanden war er mit dem nicht gegebenen Elfmeter. „Das war aus meiner Sicht ein klarer Handelfmeter“, so Friedrich zu der umstrittenen und viel diskutierten Szene in der Verlängerung.

Nachhaltige Eindrücke Am Ende überwogen für den Oberbürgermeister aber ganz klar der positive Eindruck und der Beitrag, den die deutsche Nationalmannschaft geleistet hat: „Das war ein wertvoller Impuls für unser Land.“ Noch lange nach Spielende war Maximilian Friedrich im Stuttgarter Stadion und ließ die Stimmung und Eindrücke auf sich wirken.

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Erstellt:
11. Juli 2024, 06:00 Uhr

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