Digitales Werben ist die einzige Option

Wollen sich die weiterführenden Schulen den Viertklässlern und deren Eltern präsentieren, gilt eigentlich ein Tag der offenen Tür als Mittel der Wahl. Dieses Gewusel verbietet sich in Coronazeiten aber von selbst, daher gibt es die Infos vor allem via Bildschirm.

Kamera läuft: Beim Info-Abend am Gymnasium in der Taus stellte Daniel Brenner (Mitte) den Musikzug vor, für alle Fragen rund um Profile und Züge standen unter anderem auch die stellvertretende Schulleiterin Jutta Ernst und Schulleiter Udo Weisshaar zur Verfügung.Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Kamera läuft: Beim Info-Abend am Gymnasium in der Taus stellte Daniel Brenner (Mitte) den Musikzug vor, für alle Fragen rund um Profile und Züge standen unter anderem auch die stellvertretende Schulleiterin Jutta Ernst und Schulleiter Udo Weisshaar zur Verfügung.Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

BACKNANG. Keinem Kind ist der Weg zum Abitur bereits verbaut, nur weil es nach der vierten Klasse nicht aufs Gymnasium geht. Spätere Wechsel sind möglich, aber klar ist: Die Entscheidung, welche weiterführende Schule es nach der Grundschule sein soll, ist erst einmal richtungsweisend. Die Eltern tragen hierbei eine noch größere Verantwortung, seit im Ländle vor neun Jahren die verbindliche Grundschulempfehlung abgeschafft wurde. Sie treffen letztlich die Wahl, deshalb ist das Informationsbedürfnis im Vorfeld gewaltig. Auch die Kinder wollen wissen, was auf sie zukommt, weshalb ein Tag der offenen Tür in normalen Zeiten die ideale Veranstaltung ist, um sich ein umfassendes Bild zu verschaffen.

Da die Anmeldung an der auserkorenen Schule bis 11. März vollendet sein muss, wären zuletzt wieder viele Familien durch die Bildungsstätten gestreift. Eltern hätten mit Lehrern über die Profile und Züge diskutiert, die dem sportlichen, naturwissenschaftlichen, sprachlichen oder musikalisch-kulturellen Bereich einen besonderen Stellenwert einräumen. Wann wird welche Fremdsprache unterrichtet, wo ist bilingualer Unterricht dabei – die Themen wären vielfältig gewesen. Die Kinder hätten ihr potenzielles Klassenzimmer in Augenschein genommen, einen Blick in die Fachräume oder die Sporthalle geworfen und hätten probeweise die Schulbank gedrückt. Sie hätten die Aufenthaltsräume inspiziert und wären auf den Pausenhof gestürmt. All dies entfiel dieses Jahr, allerorten wurde der Tag der offenen Tür im Sinne der Kontaktvermeidung gecancelt.

Das war 2020 noch anders, erinnert sich Henning Zimmermann vom Heinrich-von- Zügel-Gymnasium in Murrhardt. Zwar habe die Coronakrise damals bereits an Dynamik gewonnen, „aber wir konnten alles noch ganz normal durchziehen“, berichtet der Schulleiter. Nur eine gute Woche nach dem Tag der offenen Tür und den Vor-Ort- Anmeldungen verhängte die Politik den ersten Lockdown. Derzeit ist das Land erneut in weiten Teilen heruntergefahren – und auch wenn es für Schulen schon erste Lockerungsschritte gab, sind Präsenzveranstaltungen mit hunderten Besuchern noch nicht drin. Daher mussten die weiterführenden Schulen dringend über Alternativen nachdenken, um mit den potenziellen Neuen in Kontakt zu kommen.

Heinrich-von-Zügel-Gymnasium ist mit der Resonanz ganz zufrieden.

„Wir haben Flyer über die Grundschulen verteilen lassen“, verrät Zimmermann. Dieses Schriftstück wurde den Lernpaketen beigelegt, die von den Eltern im Lockdown abzuholen waren. Das Murrhardter Gymnasium bot zudem einen Online-Infoabend an. „Herzstück war die Präsentation, welche Profile wir anbieten und welche pädagogischen Konzepte wir verfolgen“, berichtet der Schulleiter, der mit der Resonanz ganz zufrieden war, „bei einem Kollegen in Esslingen war es ähnlich“. Etwa 20 Prozent der Eltern aller Viertklässler im Einzugsgebiet und damit vielleicht die Hälfte aller Mütter und Väter, deren Kinder am Ende aufs Gymnasium gehen, waren über das Webkonferenzsystem „Big Blue Button“ dabei. Ihr Interesse galt zum Beispiel der Frage, ob Freundschaften bei der Klasseneinteilung berücksichtigt werden. Weitere Themen waren die Häufigkeit der Mittagsschule oder der Umgang mit coronabedingten Rückständen. Insgesamt gab’s aber „nicht so viele Fragen, das spricht für die Qualität der Präsentation“, erzählt Zimmermann mit einem Augenzwinkern. Die Anmeldung kann unter den geltenden Hygieneregeln und nach telefonischer Terminabsprache vor Ort erledigt werden, pro Familie sind 20 Minuten eingeplant. Der Schulleiter vermutet aber, dass viele den elektronischen Weg wählen

In Backnang läuft es etwas anders. Die Unterlagen müssen spätestens am Montag per Post bei der Schule eingegangen sein oder in den Briefkasten geworfen werden, bis Donnerstag finden am Telefon oder mittels Videokonferenz die Aufnahmegespräche statt. Zum Beispiel gilt dies fürs Gymnasium in der Taus, das sich den Viertklässlern sowie deren Eltern ebenfalls mit einem Online-Infoabend vorstellte. „Dafür, dass wir das Format zum ersten Mal hatten, waren wir ganz zufrieden“, sagt Udo Weisshaar. Der Schulleiter erhielt 94 Anmeldungen, die große Mehrheit habe auch auf den zugeschickten Link geklickt. Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet, um sie danach in Sequenzen zu unterteilen, „die jetzt ins Netz gestellt werden, um sie dann abrufen zu können. Dadurch haben wir einen Mehrwert“, unterstreicht Weisshaar. Es geht um die Elemente, die seine Schule von anderen abheben, wie etwa Spanisch als dritte Fremdsprache, das Musikprofil oder das neue IMP-Profil (Informatik, Mathematik, Physik). Zudem ist „das Taus“ das einzige G-9-Gymnasium im gesamten Rems-Murr-Kreis, „das interessiert die Eltern mit am meisten“, weiß der Schulleiter: „Es ist derselbe Stoff, wir haben aber mehr Zeit.“ Das bedeutet weniger Mittagsschule in den Klassen sieben bis elf und dafür mehr Zeit für Hobbys.

Auf die Online-Variante eines Tages der offenen Tür setzten neben dem Gymnasium in Murrhardt und dem einen Pendant in Backnang auch andere Lehranstalten – wie etwa die Conrad-Weiser-Schule, eine Gemeinschaftsschule in Großaspach. Die virtuellen Gäste mussten „Alfaview“ herunterladen, um dann im Begrüßungsraum zu landen und die Unterräume besuchen zu können. Die Videos hätten „einen sehr guten Einblick in die Schule erlaubt“, findet Rektorin Heidi Ahlers und kündigt an, dass sie auf der Homepage künftig an anderer Stelle platziert werden. „Es wäre ja schade drum“, die Einspieler nur für den einen Anlass produziert zu haben. Die Resonanz sei mit einer Präsenzveranstaltung natürlich nicht zu vergleichen, aber 20 bis 25 interessierte Familien sind bei 40 bis 50 zu erwartenden Anmeldungen doch ganz ordentlich. Zumal Eltern, die schon ein Kind auf der Schule haben, keinen Bedarf sehen. Die Anmeldung soll hauptsächlich per Post oder Einwurf geschehen, statt der sonst üblichen Kennenlerngespräche gibt es dieses Jahr nur Einzeltermine. Nächstes Jahr wünscht sich Ahlers die Rückkehr zur Normalität mitsamt einem Tag der offenen Tür, denn „das Zusammensitzen bei Kaffee und Kuchen fehlt einfach“. Das sieht Udo Weisshaar vom Tausgymnasium genauso, für ihn ist „die persönliche Begegnung durch nichts zu ersetzen“.

Dieses Jahr sind es 3474 Viertklässler an Rems und Murr.

In Backnang gibt’s für die Viertklässler sechs weiterführende staatliche Schulen: Die Gemeinschaftsschule in der Taus, die Mörike-Gemeinschaftsschule, die Max-Eyth- und die Schickhardt-Realschule, das Max-Born-Gymnasium und das Gymnasium in der Taus.

Das Bildungszentrum Weissacher Tal vereint alle drei Schularten unter einem Dach. Murrhardt hat neben der Walterichschule, die eine Gemeinschaftsschule ist, das Heinrich-von-Zügel-Gymnasium zu bieten. Eine Gemeinschaftsschule und die Lautereck-Realschule sind in Sulzbach an der Murr beheimatet, in Aspach existiert mit der Conrad-Weiser-Schule eine Gemeinschaftsschule.

Für die Schulaufsicht über die Gymnasien ist das Regierungspräsidium Stuttgart zuständig, aber das den ganzen Rems-Murr-Kreis abdeckende Staatliche Schulamt Backnang kann Zahlen für alle Schularten nennen. Von 3535 Viertklässlern, die es 2019/2020 an Murr und Rems gab, wechselten 22,3 Prozent auf Gemeinschafts- und 36,5 Prozent auf Realschulen. Mit 40,5 Prozent zog es die meisten Mädchen und Jungen an die Gymnasien. Kaum noch ins Gewicht fielen die drei verbliebenen Werkrealschulen in Alfdorf, Plüderhausen und Rudersberg, die nur 0,7 Prozent der Viertklässler anlockten.

Roland Jeck, der stellvertretende Leiter des Staatlichen Schulamts in Backnang, rechnet nicht damit, dass sich die Verteilung dieses Jahr stark verändert: „Wir gehen davon aus, dass sich die Zahlen etwa auf diesem Niveau stabilisieren werden.“ 3474 Viertklässler und damit etwas weniger als 2020 entscheiden sich in diesen Tagen, ob sie eine Werkrealschule, eine Gemeinschaftsschule, eine Realschule oder ein Gymnasium besuchen.

Schüler und Eltern sind in ihrer Wahl frei, seit die damalige grün-rote Landesregierung die verbindliche Grundschulempfehlung in Baden-Württemberg zum Schuljahr 2012/2013 gekippt hat. Eine Aufnahmeprüfung oder Probezeit gibt es nicht. Abzuwarten bleibt laut Jeck, wie viele Viertklässler das aktuelle Schuljahr als Folge der Coronapandemie freiwillig wiederholen werden.

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Erstellt:
4. März 2021, 06:00 Uhr

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