773.000 Jahre alte Relikte

Direkter Vorfahre des Homo sapiens lebte in Nordafrika

In Marokko entdeckte Fossilien werfen ein neues Licht auf den gemeinsamen Vorfahren von Homo sapiens, Neandertalern und Denisova-Menschen. Die 773.00 Jahre alten Relikte zeigen eine Mischung archaischer und moderner Merkmale, die diese Frühmenschen an der Wurzel unserer Art ansiedeln.

Der Homo sapiens dürfte sich in einem komplexen Prozess aus dem Homo erectus entwickelt haben, der vermutlich so ähnlich aussah wie diese Rekonstruktion. Eine „modernere“ Form dieser Spezies lebte vor 770.000 Jahren in Nordafrika, wie neue Funde belegen.

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Der Homo sapiens dürfte sich in einem komplexen Prozess aus dem Homo erectus entwickelt haben, der vermutlich so ähnlich aussah wie diese Rekonstruktion. Eine „modernere“ Form dieser Spezies lebte vor 770.000 Jahren in Nordafrika, wie neue Funde belegen.

Von Markus Brauer

Wann und wo entstand der Homo sapiens? Welcher Frühmensch war der gemeinsame Vorfahre unserer Art und der Neandertaler und Denisova-Menschen? Bisher sind diese Fragen ungeklärt.

Homo antecessor als afrikanischer Vorfahre?

 Genetische Stammbaum-Rekonstruktionen legen nahe, dass sich diese Arten vor etwa 765.000 bis 550.000 Jahren voneinander trennten. Als möglicher Stammvater der Neandertaler und Denisova gilt der damals in Europa vorkommende Homo heidelbergensis.

Als potenzieller Urahn aller drei Arten käme hingegen der Homo antecessor in Frage. Von dieser Frühmenschenart wurden in Spanien bis zu 950.000 Jahre alte Fossilien gefunden.

Allerdings passt dazu nicht, dass die mit 300.000 Jahren ältesten Relikte des Homo sapiens aus Afrika stammen und nicht aus Europa. Um das Ganze noch verwirrender zu machen, gibt es auch genetische Hinweise auf einen Ursprung des Homo sapiens im Süden Afrikas.

Grotte à Hominidés in Marokko

Jetzt liefert ein Fossilfund in einem Steinbruch nahe Casablanca neue Anhaltspunkte. Dort wurden schon vor Jahrzehnten bis zu 1,5 Millionen Jahre alte Steinwerkzeuge sowie ein Kieferfragment unklarer Herkunft gefunden. Ein Team um Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat dort nun weitere Fossilien entdeckt.

„Diese Homininen aus der Grotte à Hominidés sind die einzigen in Nordafrika, die sich unzweifelhaft einer stratigrafischen Schicht zuordnen und sicher auf ein Alter von 773.000 Jahren datieren lassen“, schreiben Hublin und sein Team im Fachjpurnal „Nature“.

Schatzkammer des Pleistozäns

Damit stammen diese Frühmenschen-Fossilien genau aus dem Zeitfenster, in dem sich die Stammbaumlinien der drei Menschenarten trennten.Eine einzigartige geologische Kulisse: Die marokkanische Atlantikküste als Schatzkammer des Pleistozäns.

Die Region um Casablanca gehört zu einem der reichsten Fundorte Afrikas für paläontologische und archäologische Funde. Sie dokumentieren vielfältige Faunen als Ausdruck von Umweltveränderungen sowie mehrere Phasen der Besiedlung durch Homininen.

Mitautor David Lefèvre erklärt: „Innerhalb dieses größeren Komplexes bildet die ‚Grotte à Hominidés‘ ein einzigartiges Höhlensystem. Es wurde durch einen Hochstand des Meeresspiegels in frühere Küstenformationen geschlagen und später mit Sedimenten gefüllt, welche die Fossilien der Homininen in einem sicheren, ungestörten und unwiderlegbaren stratigraphischen Kontext konservierten.“

Einzigartige Homininen-Fundstätte in Afrika

Die Datierung von Fossilien aus dem frühen und mittleren Pleistozän (es begann vor etwa 2,588 Millionen Jahren und endete vor 11.650 Jahren mit dem Beginn des Holozäns, der Jetztzeit) ist besonders schwierig. Die Grotte à Hominidés ist insofern außergewöhnlich, als schnelle Sedimentation und kontinuierliche Ablagerung ein hochauflösendes magnetisches Signal ermöglichten, das mit bemerkenswerter Detailgenauigkeit in den Sedimenten aufgezeichnet wurde.

Die Überreste der Homininen stammen aus einer Höhle, die offenbar von Raubtieren bewohnt war. Ein Homininen-Oberschenkelknochen mit deutlichen Kau- und Fraß-Spuren legt dies nahe. Zu den Funden zählen ein nahezu vollständiger Unterkiefer eines Erwachsenen, ein weiterer halber Unterkiefer eines Erwachsenen, ein Unterkiefer eines Kindes, mehrere Wirbel und einzelne Zähne.

Korridore durch die Sahara

Die Analyse der Zähne zeige durchweg, so die Forscher, dass sich die Homininen aus der Grotte à Hominidés sowohl vom Homo erectus als auch vom Homo antecessor unterscheiden und dass sie repräsentativ für Populationen seien, die als Vorläufer des Homo sapiens und archaischer eurasischer Linien angesehen werden können.

Diese Entdeckung unterstreicht, dass Nordwestafrika in der menschlichen Evolutionsgeschichte eine wichtige Rolle spielte, als klimatische Schwankungen regelmäßig ökologische Korridore durch das heutige Sahara-Gebiet öffneten.

Mitautor Denis Geraads merkt dazu an: „Die Vorstellung, dass die Sahara eine permanente biogeografische Barriere darstellte, trifft für diesen Zeitraum nicht zu. Paläontologische Funde belegen wiederholte Verbindungen zwischen Nordwestafrika und den Savannen im Osten und Süden.“

Eurasische und afrikanische Merkmale

Die Homininen aus der Grotte à Hominidés lebten fast zeitgleich mit den Homininen aus Gran Dolina, einer archäologischen und paläoanthropologischen Fundstelle in der Sierra de Atapuerca (Provinz Burgos) im Norden von Spanien.

Sie sind zudem älter als die Fossilien aus dem mittleren Pleistozän, die als die Vorfahren der Neandertaler und Denisova-Menschen gelten, und fast 500.000 Jahre älter als die frühesten Überreste des Homo sapiens aus Jebel Irhoud (einer archäologischen und paläoanthropologischen Höhlenfundstelle in Marokko, datiert auf etwa 300.000 Jahre).

Durch ihre Kombination aus archaischen afrikanischen Merkmalen und solchen, die sich den späteren eurasischen und afrikanischen Abstammungslinien des mittleren Pleistozäns annähern, liefern die Homininen aus der Grotte à Hominidés wichtige Hinweise auf den letzten gemeinsamen Vorfahren von Homo sapiens, Neandertalern und Denisova-Menschen.

Belege für afrikanische Populationen

Dieser soll nach genetischen Erkenntnissen vor 765.000 bis 550.000 Jahren gelebt haben. Die paläontologischen Funde aus der Grotte à Hominidés stimmen am ehesten mit dem früheren Teil dieses Zeitraums überein.

Jean-Jacques Hublin unterstreicht: „Die Fossilien aus der Grotte à Hominidés sind die derzeit wohl besten Belege für afrikanische Populationen, die nahe an der Wurzel dieser gemeinsamen Abstammung liegen, und stützen damit die Sicht eines tiefen afrikanischen Ursprungs unserer Spezies.“

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Erstellt:
8. Januar 2026, 13:04 Uhr

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