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Dorfladen mit Selbstbedienung und Eigenverantwortung

Regional, saisonal und unverpackt: In Burgstetten soll Mitte Juni ein Dorfladen eröffnen. Es gibt keine Angestellten und nur Mitglieder können dort einkaufen – sie kassieren die Ware selbst.

Malin Ludwig, Jasmin Schwarz und Thomas Ludwig (von links) legen derzeit letzte Hand an, damit der Laden demnächst eröffnen kann. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Malin Ludwig, Jasmin Schwarz und Thomas Ludwig (von links) legen derzeit letzte Hand an, damit der Laden demnächst eröffnen kann. Foto: A. Becher

Von Kristin Doberer

BURGSTETTEN. Einkaufen ohne Kassierer, ein Laden ohne Angestellten, bezahlen der Lebensmittel auf Vertrauensbasis. Das ist der Plan eines ganz neu gegründeten Vereins in Burgstetten. Der Dorfladen funktioniert ganz anders als ein normaler Supermarkt. Nicht nur ist der Laden als Unverpacktladen mit vor allem regionalen Bioprodukten gedacht, auch soll er auf Vertrauensbasis funktionieren. Denn die anfallenden Arbeiten, wie Lieferungen bestellen, Regale auffüllen und Saubermachen, werden Mitglieder des Vereins übernehmen. Gabi Ludwig: „Es hat sich schon ein großer Helferkreis gebildet, der sich um diese Dinge kümmern will und die bereits jetzt beim Streichen und Aufbauen helfen.“

Die Fixkosten belaufen sich nur auf Wasser und Strom.

Fest angestellte Mitarbeiter soll es keine geben. Stattdessen bezahlen die Einkäufer selbst ihre Ware. Das soll ausschließlich mit EC-Karte gehen, damit kein Bargeld im Laden ist. Dass jemand seine Einkäufe ohne Bezahlung mitnimmt, glauben die Verantwortlichen nicht. Denn man braucht einen Chip, um den Laden überhaupt betreten zu können, diesen bekommen nur die Mitglieder des Vereins. „Wir vertrauen darauf, dass da jeder ehrlich ist“, sagt Gabi Ludwig. Schließlich gehöre der Laden keiner Privatperson, sondern allen gemeinsam. „Man würde sich ja ins eigene Fleisch schneiden. Das Motto ist miteinander und füreinander.“ Trotzdem sei das Thema bei den Gründungsmitgliedern immer wieder aufgekommen. „Wir werden jetzt erst mal schauen, wie es läuft“, sagt die zweite Vorsitzende Malin Ludwig. Sie wollen ihren Mitgliedern zunächst einen Vertrauensvorschuss geben und erst reagieren, wenn tatsächlich jemand unbezahlte Ware mitnimmt. „Wir glauben an das Gute. Und wenn es nicht funktioniert, müssen wir uns eben Gedanken machen, zum Beispiel über eine Sicherheitskamera oder Ähnliches.“

Die Idee ist deshalb durch die Beiträge der Vereinsmitglieder finanzierbar, weil die Fixkosten auf Wasser und Strom beschränkt sind. Denn die Miete für den Dorfladen erlässt die Gemeinde dem Verein auf unbegrenzte Zeit. „Wir finden es super, dass sich die Bürger so engagieren und wollen das unterstützen“, sagt Bürgermeisterin Irmtraud Wiedersatz. Sie sehe es vor allem vorteilhaft, da es sich um regional und fair gehandelte Produkte dreht. „Und auch die Nahversorgung der Bevölkerung wird dadurch ausgebaut.“

Durch die Unterstützung muss der Umschlag des Ladens gar nicht so groß sein. „Wir gehen davon aus, dass etwa 150 bis 200 Leute das Angebot nutzen werden“, meint Gabi Ludwig. Bereits bei den Renovierungsarbeiten in den vergangenen Wochen seien immer wieder Interessierte stehen geblieben und wollten am liebsten sofort Mitglied werden, so Ludwig. Bisher gibt es in dem Dorf keine Einkaufsmöglichkeit. Obwohl gerade ein großer Supermarkt in Burgstall gebaut wird, der wohl nächstes Jahr eröffnet, glaubt sie an den Erfolg des kleinen Dorfladens. „Die Leute wollen auch wieder etwas Leben im Ortskern haben. Und zu dem neuen Supermarkt kommt man doch wieder nur mit dem Auto.“

Der neue Dorfladen soll in das Backhäusle mitten in Burgstall kommen. Wo früher Brot gebacken wurde und in den letzten Jahren Kunstwerke ausgestellt wurden oder Ferienprogramm stattfand, wird jetzt renoviert, gestrichen und Regale aufgebaut. Die ersten Nahrungsmittellieferungen sind für die kommende Woche geplant. Das alles sei nur durch das große Engagement der Gründungsmitglieder möglich gewesen, so Gabi Ludwig. Auch ihre Tochter Malin Ludwig ist ein Gründungsmitglied. „Es ist eine gute Gruppe, alle sind mit viel Überzeugung dabei“, sagt Malin Ludwig. Die sei vor allem von der Zusammensetzung begeistert, denn es gebe sowohl ältere Mitglieder mit viel Erfahrung als auch sehr junge, die noch viel genauer auf Umweltschutz und Regionalität achten. „Jeder konnte sich sehr gut einbringen: die einen eher kreativ im Design, die anderen eher wirtschaftlich.“ Dadurch sei die Umsetzung von der Idee in nur wenigen Monaten möglich gewesen.

Denn ursprünglich stammt die Idee aus der Arbeitsgruppe Nahversorgung, die sich im November 2019 mit dem Thema zukunftsfähiges Burgstetten auseinandergesetzt hat. „In der Gruppe haben wir sehr schnell beschlossen, dass wir so was brauchen“, sagt Gabi Ludwig, die sich um die Kasse und die Öffentlichkeitsarbeit des neuen Vereins kümmern will. „Danach ist dann alles sehr schnell gegangen.“ Schnell wurde die Gemeinde mit einbezogen und ein Standort gefunden. Sieben Gründungsmitglieder hat der Verein „Nahturladen“ bisher, aber zahlreiche Anfragen zur Mitgliedschaft sind bei den Verantwortlichen schon eingegangen.

Eigentlich sollte die Vereinsgründung und die ersten organisatorischen Arbeiten schon früher starten, doch die Coronakrise hat auch den Bürgern von Burgstetten das Leben etwas erschwert. Über Telefon- und Videokonferenzen haben sie in den vergangenen Monaten so viel wie möglich organisiert. „Das war natürlich alles zäher als geplant, aber durch eine neue Regelung konnten wir den Verein sogar online gründen“, sagt Ludwig. Eigentlich muss eine Vereinsgründung in Person stattfinden.

Mehr Aufwand und Eigenverantwortung beim Einkauf.

Doch das Einkaufen in dem Laden im Backhäusle erfordert auch mehr Aufwand und Eigenverantwortung der Kunden. „Dort einkaufen kann etwas unbequem sein“, sagt zweite Vorsitzende Malin Ludwig. Man müsse die unverpackte Ware zum Beispiel selbst abwiegen und eben auch kassieren. Durch die Regionalität seien auch nicht immer alle Produkte zur gleichen Zeit vorhanden. „Wenn zum Beispiel gerade keine Apfelsaison ist, dann gibt es eben keine Äpfel. Stattdessen aber viele Beeren“, sagt die Vorsitzenden zur Saisonalität des Dorfladens. Auch wird es keine Produkte geben, die aus dem Ausland kommen, wie zum Beispiel Reis, da dieser nicht in Deutschland angebaut wird. „Wir wollen auch gar keine Konkurrenz für einen Discounter sein. Sondern bieten eine Einkaufsmöglichkeit für Leute, die sich bewusst dazu entscheiden, etwas Gutes zu tun, die Umwelt zu unterstützen und die regionale Wirtschaft zu unterstützen“, sagt Malin Ludwig.

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Erstellt:
12. Juni 2020, 11:30 Uhr

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