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E-Learning-Spezialist verlässt Althütte

Die Firma Vimotion, Anbieter von internetbasierten Lernsystemen, verzeichnet seit Beginn der Coronapandemie eine Zunahme der Nutzer auf das 800-Fache. Firmenchef Grübele sieht am jetzigen Standort keine Wachstumsmöglichkeiten und geht nach Crailsheim.

Sitzt in Althütte auf gepackten Kisten: Vimotion-Geschäftsführer Harald Grübele. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Sitzt in Althütte auf gepackten Kisten: Vimotion-Geschäftsführer Harald Grübele. Foto: A. Becher

Von Annette Hohnerlein

ALTHÜTTE. „Althütte wird es spüren“, ist sich Harald Grübele sicher. Der 51-jährige Mathematiker ist Geschäftsführer der Firma Vimotion, die beim Thema E-Learning ganz vorne mitspielt. Der Spezialist für Schulung und Weiterbildung zählt unter anderem die Lufthansa, Airbus, die Agentur für Arbeit, Handwerkskammern, Hochschulen, Krankenhäuser und Volkshochschulen zu seinen Kunden. Und weil die Nachfrage und damit auch die Firma wächst, machte man sich auf die Suche nach neuen, größeren Räumen.

„Wir haben mehrere Anläufe in Althütte gemacht“, sagt Grübele, „wir hätten auch gebaut oder umgenutzt.“ Im Gespräch waren ein Bauernhof in Lutzenberg und das ehemalige EC-Freizeitzentrum in Sechselberg. Aber letztlich kamen er und die Gemeinde nicht zusammen. „Die Vorstellung von Harald Grübele, ein großes Gebäude mit Grün drum herum, war auf unseren Flächen nicht möglich“, lässt Bürgermeister Reinhold Sczuka wissen. Über einen Makler bekam Grübele dann eine 1000 Quadratmeter große Immobilie in Crailsheim vermittelt, die auch genügend Platz für das geplante Film- und Tonstudio bietet, in dem in Zukunft Lerninhalte selbst produziert werden sollen. Der Standortwechsel ist kein Problem für die Firma, denn ihre Mitarbeiter arbeiten oft vom Homeoffice aus. Im Lauf der nächsten Wochen soll der Umzug nach und nach über die Bühne gehen – bei laufendem Betrieb.

„Ein Stück Kreide in die Hand nehmen und etwas an die Tafel schreiben, das ist nicht clever.“

Mit zwölf Voll- und Teilzeitmitarbeitern betreibt Vimotion den Digitalen Weiterbildungscampus Baden-Württemberg in Kooperation mit dem Kultusministerium. 2017 wurde die Lernplattform mit dem „eLearning-Journal-Award“ ausgezeichnet. Sie wird derzeit von über 100 Firmen und Institutionen für die Aus- und Weiterbildung von rund 100000 Nutzern eingesetzt und beschert Vimotion eine jährliche Steigerungsrate von 92 Prozent.

Wie wichtig digital gestütztes Lehren und Lernen ist, haben die vergangenen Wochen gezeigt. Durch die Schließung der Schulen im Zug des Corona-Lockdowns standen viele Lehrer plötzlich vor der Aufgabe, ihre Schüler online unterrichten zu müssen. „Da ist zutage getreten, dass man die Digitalisierung in den letzten 15 Jahren verschlafen hat“, stellt Grübele fest. Einige Lehrer wandten sich in ihrer Not direkt an ihn, einer stand sogar weinend vor seiner Tür, weil er nicht wusste, wie er seine Schüler in dieser Situation weiter unterrichten sollte.

Einigen Schulen konnte Grübele helfen, obwohl die allgemeinbildenden Schulen genau genommen nicht zu den Kunden von Vimotion gehören. Auch in vielen Weiterbildungsstätten kam man plötzlich auf die Idee, die Plattform des Digitalen Weiterbildungscampus zu nutzen. Das führte dazu, dass sich seit dem 17. März die Zahl der Nutzer auf das 800-Fache erhöht hat. Grübele und seine Mitarbeiter stemmten den Ansturm und brachten das System zum Laufen – mit einem riesigen Kraftakt, inklusive Nachtschichten.

Beim Lernen der Zukunft wird vieles anders werden, das müssten die Bildungsträger begreifen, sagt Grübele. „Ein Stück Kreide in die Hand nehmen und etwas an die Tafel schreiben, das ist nicht clever.“ Die Technik sei verfügbar, betont der Experte, jetzt müsse man den Menschen vermitteln, wie man mit den Werkzeugen professionell arbeitet. Dazu gehöre auch, die Lerninhalte so zu gestalten, dass die Schüler motiviert werden. Erlebnispädagogik zum Beispiel gebe es auch in digitalen Welten. Und ein gut gemachter Dokumentarfilm könne mehr bewirken als ein trockener Tafelaufschrieb. Durch die Digitalisierung der Bildung werde es auch einfacher, jeden Schüler bei seinem aktuellen Wissensstand abzuholen und ihm sein individuelles Lernprogramm auf den Leib zu schneidern. Im Übrigen sei diese Art des Lernens keineswegs eine einsame Angelegenheit. Teamarbeit sei auch hier möglich und gewollt, der Austausch der Schüler untereinander erfolge über Videokonferenzen und soziale Medien.

Bei allem Enthusiasmus sieht Grübele aber auch die Grenzen des digitalen Lernens. „E-Learning ist nicht haptisch“, räumt er ein und fügt hinzu: „E-Learning kann den persönlichen Kontakt nicht ersetzen.“ Wie sich digitales Lernen mit Erfahrungen zum Anfassen und einem Gruppenerlebnis kombinieren lässt, wird in einer Ideenskizze von Vimotion an einem Beispiel verdeutlicht. Die Aufgabe lautet: Finde in einem naturgeschützten Wald essbare Pilze. Zunächst bewegen sich die Teilnehmer in einem virtuellen 3-D-Wald und lernen dort, an welchen Stellen und zu welcher Jahreszeit Pilze wachsen, welche von ihnen essbar sind und woran man sie erkennt.

Das erworbene Wissen wird in einem Test abgefragt, anschließend treten mehrere Gruppen in einem Spiel online gegeneinander an. Wer hat die meisten Pilze gesammelt? Wer konnte sie richtig bestimmen? Verloren hat, wer einen tödlich giftigen Pilz gepflückt und nicht erkannt hat. Den Abschluss bildet eine gemeinsame Exkursion in den ganz realen Wald, bei der echte Pilze gesammelt und danach zubereitet und gegessen werden.

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Erstellt:
26. Mai 2020, 06:00 Uhr

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