Ein Meilenstein für den Hochwasserschutz

Das Rückhaltebecken Oppenweiler ist ein wichtiger Teil des Hochwasserschutzes im Murrtal. Doch das 20-Millionen-Euro-Projekt ist kompliziert. Nach über zehn Jahren Planungszeit sollen nun im August die ersten Arbeiten beginnen.

Etwa in dem Bereich soll der Damm für das Rückhaltebecken entstehen, das Bild zeigt nur einen kleinen Teil des Bereichs, in dem sich im Hochwasserfall das Wasser stauen soll. Die Rüflensmühle (rechts oben) wurde so in den Plan integriert, dass das Wasserwerk weiterbetrieben werden kann. Als erster Bauschritt ist die Umlegung des Wirtschafts- und Radwegs vom Fluss hin zu den Bahngleisen geplant. Foto: W. Kuhnle

Etwa in dem Bereich soll der Damm für das Rückhaltebecken entstehen, das Bild zeigt nur einen kleinen Teil des Bereichs, in dem sich im Hochwasserfall das Wasser stauen soll. Die Rüflensmühle (rechts oben) wurde so in den Plan integriert, dass das Wasserwerk weiterbetrieben werden kann. Als erster Bauschritt ist die Umlegung des Wirtschafts- und Radwegs vom Fluss hin zu den Bahngleisen geplant. Foto: W. Kuhnle

Von Kristin Doberer

OPPENWEILER. Ursprünglich sollten im April die ersten Arbeiten für das Hochwasserrückhaltebecken (HRB) in Oppenweiler erfolgen: die Umlegung eines Wegs, der für die Erschließung des Gebiets während der etwa zweieinhalb Jahre langen Bauzeit wichtig ist. „Wir waren eigentlich guter Hoffnung, dass es im April mit dem Beginn der Wegeumleitung klappen könnte. Wir hätten das gerne geschafft“, sagt Oppenweilers Bürgermeister Bernhard Bühler. Nun ist der Baubeginn für August geplant. „An diversen Dingen mussten noch Veränderungen vorgenommen werden. Jetzt wird es sich verzögern müssen.“ Die Verlegung des Wegs ist der erste Schritt zum Bau des Hochwasserrückhaltebeckens in Oppenweiler. Dieses ist mit einem Fassungsvolumen von 850000 Kubikmetern das größte Becken des Wasserverbands Murrtal, im Hochwasserfall soll es die Gemeinde Oppenweiler und die Stadt Backnang schützen. Im Fall eines Hochwassers wird die Wassermenge in einem Durchlassbauwerk so reguliert, dass das Wasser sich auf der etwa 495000 Quadratmeter großen Fläche sammelt und sich das Hochwasser für die Schutzanlagen unterhalb des Beckens reduziert.

Zu der zeitlichen Verzögerung an der Verlegung des Wegs weg vom Murrufer und hin zum Bahngleis komme es, obwohl sich an der Wegeplanung selbst nichts geändert hat. Aber man habe sich entschieden, den Bau des gesamten Werks komplett fertig zu planen und als Ganzes zur Genehmigung vorzulegen. Weil nun durch Veränderungen neue Grundstücke tangiert werden, die vorher nicht betroffen waren, dauert es länger bis zum Baubeginn. Der Grund für die neue Verzögerung: Eine Fischtreppe war zu steil geplant, sie muss flacher und dadurch eben auch länger werden und ragt, ebenso wie kleinere Dämme, in bisher nicht eingeplante Grundstücke rein. Mit den Eigentümern muss nun eine Einigung erzielt werden, „aber das sieht gerade sehr gut aus“, sagt Bühler. Auch wurde die Lage von sogenannten Geschiebestücken eher Richtung Sulzbach an der Murr verlegt, wodurch sich neue Grundstücksbetroffenheiten ergeben haben.

Kein Zeitverlust, viele Arbeiten laufen parallel weiter.

Von einem tatsächlichen Zeitverlust will Bühler aber nicht sprechen, auch wenn die Arbeiten am Wirtschaftsweg später beginnen als ursprünglich geplant. Denn parallel werde einiges geleistet. Zum Beispiel wird gerade die Ausführungsplanung für die technischen Anlagen und für das Hochwasserrückhaltebecken weiter ausgearbeitet, inklusive der Tragwerksplanung, der Elektroplanung sowie des Stahlwasserbaus samt Anfertigung der Schal- und Bewehrungspläne. Außerdem muss noch die Standsicherheit des Bahndamms nachgewiesen werden, wozu Erkundungsbohrungen erforderlich sind, die im Mai oder Juni durchgeführt werden sollen.

„Grundsätzlich sind bei Maßnahmen in dieser Größenordnung eine große Anzahl von Belangen zu berücksichtigen. In der Ausführungsplanung ergeben sich je nach Komplexität neue Fragestellungen, die mit den zuständigen Fachbehörden oder den betroffenen Grundstückseigentümern abgestimmt werden müssen“, erklärt Stefan Setzer, aktueller Vorsitzender des Wasserverbands Murrtal. Immer wieder kommt es zu neuen und manchmal auch unerwarteten Hürden, die zu Verzögerungen führen. So wurden im vergangenen Jahr im betroffenen Gebiet zum Beispiel zwei streng geschützte Tierarten gefunden, die Haselmaus und die Gelbbauchunke. Für die Tiere wurde durch die Pflanzung heimischer Wildsträucher an geeigneter Stelle ein neuer Lebensraum geschaffen.

Parallel muss außerdem noch eine neue Messstation für den Landespegel gebaut werden. Aktuell wird dieser unterhalb der Rüflensmühle gemessen, die Station spielt eine wichtige Rolle bei der Hochwasserwarnung. Die Messung an dem bisherigen Standort wird aber nicht mehr aussagekräftig sein, sobald der Durchlass steht und die Murr umgeleitet wird. Deshalb soll der Pegel nach dem Dammbau in Oppenweiler unterhalb der Fabrikstraße gemessen werden. Die Arbeiten für den Murrpegel sollen ab August ausgeführt werden, so Setzer.

Bereits seit 2009 ist das HRB ein Thema. Da hat der Wasserverband sich auf die Suche nach der besten Variante für ein Hochwasserbecken begeben. Wie wichtig die Lösung der Hochwasserproblematik in Oppenweiler und Backnang ist, zeigte sich dann bei dem schweren Hochwasser 2011. Bei der Planung mussten im Laufe der Jahre zahlreiche Aspekte wie beispielsweise Naturschutz, Gewässerökologie, Bau- und Betriebskosten, Planungssicherheit, Straßenbau bedacht werden. Das Variantenstudium ergab uneingeschränkt, dass eine Verlegung der Murr in ihr ursprüngliches Bett entlang des Talwegs sowohl für die Hochwasserschutzwirkung als auch für die Wirtschaftlichkeit die beste Lösung darstellt. Dabei gab es aber Einwände von Anliegern und vom Betreiber der Rüflensmühle, der die Wasserkraft für die Energieerzeugung nutzt und durch die Flussumlegung auf dem Trockenen sitzen würde. 2016 wurde eine Einigung erzielt, der Wasserverband Murrtal und der Mühlenbesitzer vereinbarten einen öffentlich-rechtlichen Vertrag. Mit Abschluss dieses Vertrags wurden alle Einwendungen des Mühlenbesitzers gegen das Hochwasserrückhaltebecken Oppenweiler zurückgezogen. „Die wesentlichen Problempunkte bei der Umsetzung der Maßnahme konnten ausgeräumt werden“, sagt Setzer. Nun wolle man alles daransetzen, dass die weiteren Planungsschritte schnellstmöglich umgesetzt werden und der Zeitplan eingehalten werden kann.

Fertigstellung für 2026 geplant

Geplant wird das Rückhaltebecken für ein 100-jährliches Hochwasser. Mit einem Rückhaltevolumen von 850000 Kubikmetern und einer Staufläche von 495000 Quadratmetern ist es das größte Becken des Wasserverbands Murrtal.

Die Kosten für das gesamte Bauwerk belaufen sich auf rund 20 Millionen Euro. Etwa 70 Prozent der Kosten wird das Land tragen.

Die Gesamtmaßnahme ist in vier Bauabschnitte aufgeteilt. Mit dem Abschluss des dritten Bauabschnitts im Frühjahr 2025 ist das Hochwasserrückhaltebecken Oppenweiler weitestgehend fertiggestellt. Der letzte Bauabschnitt umfasst Restarbeiten und die Schließung der dann noch vorhandenen „Dammlücke“ im Bereich der Murrquerung, sodass die Maßnahme im Frühjahr 2026 komplett abgeschlossen sein wird.

Die Arbeiten zum ersten Bauabschnitt sollen im August 2021 beginnen. Die nächsten Schritte sind dann die Erstellung des neuen Wirtschafts- und Radwegs, die Errichtung des Hochwasserdeichs entlang der Murr und der Rückbau des bestehenden Wegs.

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Erstellt:
20. April 2021, 06:00 Uhr

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