Ein Start mit Hindernissen

Ein gebrochener Fuß und sechs Wochen Sommerferien haben die ersten 100 Tage im Amt von Maximilian Friedrich bestimmt. Manchem in der Stadt ist deshalb noch nicht so ganz klar, wofür der neue Backnanger Oberbürgermeister eigentlich steht.

Backnangs Oberbürgermeister Maximilian Friedrich ist mittlerweile seit mehr als 100 Tagen im Amt.Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Backnangs Oberbürgermeister Maximilian Friedrich ist mittlerweile seit mehr als 100 Tagen im Amt.Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

Backnang. Maximilian Friedrich war wirklich nicht zu beneiden an diesem 24. Juli. Mehr als 200 Menschen waren ins Bürgerhaus gekommen, um den Backnanger Oberbürgermeister zu feiern – allerdings nicht den aktuellen, sondern den ehemaligen. Weil Corona einen Festakt im Frühjahr verhindert hatte, fiel Frank Noppers Verabschiedung in die Amtszeit seines Nachfolgers. Und während Nopper als frisch gebackener Ehrenbürger das Publikum mit einer Rede voller Witz begeisterte und am Ende mit stehenden Ovationen gefeiert wurde, stand sein Nachfolger wie ein Schulbub daneben und klatschte artig mit. Hinterher versicherte Friedrich zwar, er habe das gerne getan, allerdings hat der Abend dem 34-Jährigen auch deutlich gezeigt: Er ist nun zwar Backnanger Oberbürgermeister, doch vom Auftreten und der Beliebtheit seines Vorgängers trennen ihn noch Welten.

Das ist kein Wunder: Friedrich ist nicht nur viel jünger, sondern auch ein völlig anderer Typ als Nopper. Er ist weder Sprücheklopfer noch Showman, dafür ein guter Zuhörer und akribischer Arbeiter. Mit diesen Eigenschaften konnte er im Wahlkampf punkten. 81,5 Prozent der Stimmen machten ihn Ende März zum neuen Oberbürgermeister. Der eloquentere CDU-Kandidat Stefan Neumann hatte schon nach dem ersten Wahlgang das Handtuch geworfen.

In den ersten drei Monaten hatder OB 1500 E-Mails beantwortet

Der Start ins neue Amt war für Maximilian Friedrich trotzdem nicht ganz einfach: Kaum drei Wochen im Amt, trat er bei einem Spaziergang mit seiner kleinen Tochter in ein Erdloch und brach sich den Knöchel. Das durchkreuzte seinen Plan, sich gleich zu Beginn bei möglichst vielen Einrichtungen in der Stadt persönlich vorzustellen. Aber Friedrich biss auf die Zähne und arbeitete weiter. Von seiner Frau oder von Kollegen ließ er sich ins Rathaus und wieder nach Hause fahren, Sitzungen leitete er mit Eisbeuteln auf dem Fuß. Der neue OB ist hart im Nehmen – zumindest diesen Beweis hat er bereits erbracht.

Als Friedrich wieder halbwegs fit war, begannen auch schon die Sommerferien und das öffentliche Leben machte erst mal Pause. Für eine Beurteilung sei es deshalb eigentlich noch zu früh, findet Heinz Franke. „Man muss ihm noch etwas Zeit geben“, sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat. Friedrich selbst zieht trotz der Hindernisse eine positive 100-Tage-Bilanz: „Ich fühle mich hier sehr angekommen und fahre jeden Tag gerne ins Rathaus.“ Als „Herzenssache“ hatte Friedrich seine Kandidatur im Wahlkampf immer wieder bezeichnet und das habe sich bestätigt: „An vielen Stellen in der Stadt kommen Erinnerungen hoch“, sagt der 34-Jährige, der in Backnang geboren und in Auenwald aufgewachsen ist.

Die Arbeit im Rathaus ist dem parteilosen OB nicht fremd, immerhin hat er in der 6000-Einwohner-Gemeinde Berglen schon neun Jahre lang eine Verwaltung geleitet. Diese Erfahrung helfe ihm jetzt, auch wenn in der Stadt vieles anders laufe. In Berglen war er viel stärker in die operative Arbeit eingebunden, die Vorlagen für die Gemeinderatssitzungen schrieb der Bürgermeister oft persönlich. „Jetzt muss ich mich stärker auf die großen Themen konzentrieren.“

Beim Kontakt mit der Bürgerschaft geht Maximilian Friedrich neue Wege. Wie sein Vorgänger bietet er zwar eine Bürgersprechstunde an, man kann den neuen OB aber auch per E-Mail, über Facebook und Instagram erreichen, was auch viele tun. Bisher hat Friedrich den Anspruch, diese Anfragen auch alle persönlich zu beantworten. Das könnte ihn im neuen Job aber an Grenzen bringen: „In den ersten drei Monaten habe ich etwa 1500 Mails beantwortet“, rechnet er vor. Öffentlich ist Maximilian Friedrich in den ersten 100 Tagen sehr zurückhaltend aufgetreten: Große Ankündigungen waren von ihm bisher nicht zu hören, in den Gemeinderatssitzungen überließ er oft den Dezernenten und Amtsleitern das Wort. Wurde das anfangs noch als Bescheidenheit goutiert, fragt sich manches Mitglied des Gemeinderats mittlerweile allerdings, wann die Impulse, die man sich vom neuen OB erhofft hat, denn nun endlich kommen.

Friedrich selbst nimmt es etwas anders wahr: „Ich denke, dass erste Zeichen meiner Handschrift schon erkennbar sind“, sagt er. Als Beleg bringt er zum Termin mit der Presse eine lange Liste von Dingen mit, die er in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit bereits umgesetzt oder angestoßen habe. Die Aufzählung reicht von der neuen städtischen Homepage bis zur Organisation eines Kameradschaftsabends für die Feuerwehr. Der wichtigste Punkt ist aber zweifellos der Beschluss, im Rathaus eine Stabstelle Klimaschutz einzurichten. Dafür hatte sich Maximilian Friedrich im Wahlkampf eingesetzt, die Weichen dafür wurden schon vor seinem Amtsantritt gestellt.

Stunde der Wahrheit im Herbst:„Dann muss er Farbe bekennen“

Für die nächsten Monate hat sich der OB einiges vorgenommen: Er will die Verwaltung digitaler machen und die Wartezeiten im Bürgeramt verkürzen. „Wir wollen die Stadt stärker als Dienstleister aufstellen.“ Außerdem wolle er die Radwege weiter ausbauen und mehr Barrierefreiheit schaffen, zum Beispiel an den Bushaltestellen.

Die Stunde der Wahrheit kommt bei den Haushaltsberatungen im Herbst. Dann wird der OB erklären müssen, wo seine Prioritäten liegen. „Wir sind gespannt, ob er das Heft dann stärker in die Hand nimmt“, sagt die CDU-Fraktionsvorsitzende Ute Ulfert. „Dann muss er Farbe bekennen“, fordert auch Willy Härtner von den Grünen, die Friedrichs Kandidatur unterstützt hatten.

An dessen Eignung für das höchste Amt der Stadt zweifelt kaum jemand. „Mir gefällt seine Art. Ich denke, er ist auf einem guten Weg“, sagt Willy Härtner. Heinz Franke rät dem OB, nicht zu sehr auf andere zu schauen, sondern seinen eigenen Friedrich-Stil zu entwickeln. Und Ute Ulfert erinnert daran, dass selbst der beliebte Vorgänger nicht vom ersten Tag an die gefeierte Lichtgestalt war: „Auch Frank Nopper ist mit seiner Aufgabe gewachsen.“

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Erstellt:
10. September 2021, 06:00 Uhr

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