Ein wichtiger Teil der Jugendarbeit

Den Aktivspielplatz in Backnang gibt es seit über 40 Jahren. Kinder können mehrmals die Woche ohne Anmeldung vorbeikommen und unter Anleitung einer Erzieherin spielen, basteln und vor allem der Natur näher kommen.

Jana (links) und Emma machen riesige Seifenblasen bei einem Sommerferienprogramm Mitte September, der Aktivspielplatz hat aber das ganze Jahr über offen. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Jana (links) und Emma machen riesige Seifenblasen bei einem Sommerferienprogramm Mitte September, der Aktivspielplatz hat aber das ganze Jahr über offen. Fotos: A. Becher

Von Kristin Doberer

BACKNANG. Ganz konzentriert blickt der Junge auf die Nägel, die er nebeneinander in das Brett hämmert, um sich selbst eine Murmelbahn zu bauen. Er steht etwas abseits von den anderen Kindern, die in einem Eimer Spülmittel mit Wasser verrühren. Eigentlich lautet das Thema des Tages auf dem Aktivspielplatz in Backnang „Riesen-Seifenblasen“, doch nicht alle beteiligen sich daran. Ein anderer Junge gräbt stattdessen einen Tunnel im Sandkasten und zwei Mädchen machen sich ihre eigene Perlenkette. Das Programm, das auf dem Aktivspielplatz angeboten wird, ist kein Muss. Die Kinder können frei entscheiden, worauf sie Lust haben, die Erzieherin unterstützt lediglich mit Vorschlägen, Materialien, Tipps. Einzig beim Sommerferienprogramm wird ein spezielles Programm ausgeschrieben, doch auch hier sind die Kinder nicht festgelegt. „Wir bieten den Kindern einfach ein ganz offenes Angebot zur Freizeitgestaltung“, sagt Sibylle Spengler, die die Kinder betreut.

Kommen können Kinder ab etwa sechs Jahren, bei jüngeren sei doch etwas mehr Betreuung und Aufsicht nötig. Das bedeutet auch, dass die Kinder selbstständig kommen und gehen können. „Es ist entspannter als in Vereinen“, sagt Sibylle Spengler, die die Kinder auf dem Aktivspielplatz betreut. „Die Betreuung ist weniger streng als in der Musikschule oder dem Sportverein, es gibt keinen Leistungsdruck.“ Eine Altersgrenze nach oben gibt es nicht wirklich, meist kommen Kinder nur bis zur 4. Klasse. „Manchmal kommen auch ältere Geschwister, die mal Ruhe vor den kleineren brauchen“, erzählt sie.

Spengler ist in Teilzeit angestellt, sie ist gelernte Erzieherin und Floristin, was ihr nun viel bei der Arbeit mit den Kindern auf dem Aktivspielplatz hilft. Denn neben der kleinen Chillhütte gibt es mehrere Beete, auf denen gemeinsam verschiedene Gemüsesorten und Blumen gepflanzt und später auch geerntet werden. Und obwohl es auch die typischen Spielgeräte wie eine Schaukel, einen Basketballkorb oder einen Kicker gibt, biete der Aktivspielplatz doch mehr als ein gewöhnlicher Spielplatz, so Mathias Brischke, Sachgebietsleiter vom Amt für Familie, Jugend und Bildung. „Das ist ein sehr wichtiger Teil der Jugendarbeit.“ Und auch die Erzieherin sieht in dem freien Programm auf dem Aktivspielplatz einen großen Vorteil: „Die Kinder lernen Eigenständigkeit, Selbstbewusstsein, Mut – schließlich kommen sie ganz alleine hierher und kennen keinen – und Kommunikation mit anderen.“ Dabei komme es unter den Kindern auch zu Konflikten, die sie lösen müssen. Das falle aber in der Umgebung des Naturspielplatzes oft leichter: „Die Natur entspannt, das merkt man den Kindern auch an.“ Sie vermittle den Kindern, Konflikte auch ohne die Faust zu lösen. Da Kinder mit den unterschiedlichsten sozialen und kulturellen Hintergründen zusammenkommen und zusammen spielen, wird ihnen außerdem viel kulturelles Verständnis vermittelt. „Die Kinder lernen viel voneinander“, sagt Spengler.

Meist kommen eher Jungen zum Spielplatz, da es für sie viele Angebote gibt, die sie zu Hause nicht haben. „Arbeiten mit Holz, Sägen und Hämmern, viel Platz zum Austoben und Buddeln, das zieht vor allem Jungs an.“ Dabei ist immer schwer einzuschätzen, wer zu den Öffnungszeiten vor der Tür steht, das hänge immer viel am Wetter und an den Entwicklungen zu Hause und in der Schule. „Manchmal kommen Kinder über Monate lang immer zu uns. Und dann von jetzt auf gleich gar nicht mehr“, so Sprengler.

Dabei entwickelt sich der Spielplatz immer weiter: Zuletzt sind Gemüsebeete hinzugekommen und eine Holzliege zur Entspannung. Für die Verantwortlichen beim Jugendbereich der Stadt ist der Aktivspielplatz ein wichtiger Teil der Jugendarbeit. Natürlich hat Corona auch hier so einiges durcheinandergewirbelt. Wie viele andere Spielplätze war auch der in der Unteren Au für einige Wochen gesperrt, erst seit Ende Juni ist er wieder zu seinen regelmäßigen Zeiten geöffnet. Obwohl das Gelände sehr groß ist, haben sie die Zahl der Kinder, die gleichzeitig anwesend sein dürfen, etwas eingeschränkt. Denn da das Haus auf dem Gelände und die Toilettenanlagen nicht so groß sind, haben sie die Anzahl auf 15 Kinder reduziert. „Da es keine Voranmeldung gibt, ist es leider auch schon vorgekommen, dass wir ein Kind heimfahren mussten“, sagt die Erzieherin.

Dazu sei es aber bisher nur im Sommer gekommen, im Herbst und Winter seien die Teilnehmerzahlen viel geringer. In den kälteren Wintermonaten gibt es für die Kinder auch die Möglichkeit, sich in der Hütte zu beschäftigen. Dort stehen Werkbänke, viel Platz zum Basteln und eine ganze Wand mit Schränken voller verschiedenster Materialien zur Verfügung. „Ich glaube, viele Eltern und Kinder wissen gar nicht von dem Angebot.“ Dabei gibt es immer wieder organisierte Besuche von Vorschulklassen, damit diese die Möglichkeiten auf dem Aktivspielplatz kennenlernen können.

Ganz konzentriert auf sein eigenes Projekt, eine Murmelbahn aus kleinen Nägeln und Schnur.

© Alexander Becher

Ganz konzentriert auf sein eigenes Projekt, eine Murmelbahn aus kleinen Nägeln und Schnur.

Die Geschichte des Aktivspielplatzes in Backnang

Der Verein Aktivspielplatz wurde von 14 engagierten Bürgern im Jahr 1976 gegründet. Der Verein hatte es sich zum Ziel gesetzt, „Kindern und Jugendlichen, unabhängig von deren wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen, die Möglichkeit zu geben, unkonventionell und kreativ zu spielen“, so die Satzung. Als schwieriges Unterfangen gestaltete sich zunächst die Suche nach einem geeigneten Gelände in Stadtnähe, das gelang erst nach „zähen Verhandlungen“.

Im September 1977 schließlich begann der Spielbetrieb, nachdem zuvor in mühevoller Arbeit die Grundlagen wie Sandkasten oder Feuerstelle angelegt worden waren. Schnell erweiterte sich das Angebot: Hütten und weitere Spielgeräte wurden gebaut.

Bis 1985 trug sich der Spielplatz ohne fremde finanzielle Hilfe, die Betreuung erfolgte ehrenamtlich. Aufgrund der hohen Nachfrage wurde eine hauptamtliche Kraft eingestellt, mit der das Angebot um Schlittenfahrten, Wanderungen oder Kinder-Erste-Hilfe-Kurse erweitert werden konnte.

Im Jahr 1998 schließlich ging der Aktivspielplatz in die Trägerschaft der neu gegründeten Kinder- und Jugendförderung der Stadt Backnang über. Daran ist er bis heute angegliedert.

Neben dem Sommerferienprogramm ist der Aktivspielplatz an drei Wochentagen geöffnet, also montags, mittwochs und donnerstags jeweils von 15 bis 18 Uhr.

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Erstellt:
2. Oktober 2020, 11:30 Uhr

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