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„Gendern“: „Placebo“ oder Beitrag zur Gleichstellung?

dpa/lsw Stuttgart. Soll die geschlechtergerechte Sprache an den Schulen eine größere Rolle spielen? Ja, denn Sprache schafft Realitäten, sagen die einen. Nein, denn das bringt die Gleichstellung nicht voran, sagen die anderen. Was sagen die Schüler - besser gesagt: die Lernenden?

Susanne Eisenmann, Kultusministerin von Baden-Württemberg, spricht während einer Pressekonferenz. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild

Susanne Eisenmann, Kultusministerin von Baden-Württemberg, spricht während einer Pressekonferenz. Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild

„Schülerinnen und Schüler“, „Schüler*innen“, „Schüler_innen“ oder einfach nur „Lernende“? Geschlechtergerechte Sprache kann kompliziert sein und erregt die Gemüter. Soll das „Gendern“ stärker im Unterricht thematisiert werden? Darüber gehen die Ansichten auseinander.

„Die gendergerechte Sprache allein ist ein Placebo“, findet Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). „Die Frage, ob ein Wort jetzt mit einem Sternchen oder einem Unterstrich geschrieben wird, bringt uns beim Thema Gleichstellung nicht weiter.“ Viel wichtiger sei ihr, dass die Menschen danach leben, als nur formal richtig zu schreiben. Diversität spiele in vielen Bereichen eine entscheidende Rolle, betont die Ministerin. Gerade bei Unternehmen seien unterschiedlich zusammengesetzte Gruppen immer wichtiger, „weil es eine Bereicherung ist“.

Christoph Alms vom Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg sieht dagegen Handlungsbedarf in Schule und Unterricht: Nicht nur Lernende, sondern auch Lehrkräfte und Schulleitungen sollten für vielfältige Lebensweisen und diskriminierungsarme Sprache sensibilisiert werden. „Sprache bildet nicht nur die gelebte Realität ab, sie schafft auch Realitäten.“

LSBTTIQ steht für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen. Das Netzwerk ist ein Dachverband von mehr als 110 queeren Gruppen im Südwesten. „Queer“ ist ein Überbegriff für Menschen, die in der Geschlechtsidentität von einer gesellschaftlich verbreiteten heterosexuellen Norm abweichen. Alms hält konkrete Regelungen für sinnvoll. Geschlechtergerechte Sprache berge durchaus Stolperfallen - wie Sprache allgemein mit ihren zahlreichen Regeln zu Rechtschreibung und Grammatik.

An den Schulen in Baden-Württemberg gibt es keine Vorgaben an die Lehrkräfte, wie mit Schreibweisen wie Genderstern oder -gap umzugehen ist. Laut Eisenmann braucht es die auch nicht: „Ich habe nie Problemanzeigen oder Rückmeldungen bekommen, wonach es da Handlungsbedarf gibt.“

Der Philologenverband Baden-Württemberg hält tendenziell wenig vom „Gendern“. Es gebe zwar bisher keine einheitliche Position des Verbandes dazu, sagt der Vorsitzende Ralf Scholl. Aber: „Es gibt bei vielen (insbesondere älteren) Mitgliedern ganz erhebliche Vorbehalte gegen ein "sprachentstellendes" Gendern, sei es mit Gender-Stern, oder -gap oder Binnen-I.“ Wichtiger als ein „rein formal-sprachliches Gendern“ sei es, gegen Geschlechterstereotype und Rollenzuschreibungen anzugehen.

Der Landesschülerbeirat wäre hingegen offen für Neuerungen. „Beim Thema gendergerechte Sprache im Unterricht ist uns extrem wichtig, dass das Behandeln von Sprache einen größeren Raum bekommt. Dabei geht es grundsätzlich darum, aufzuklären, was Sprache anrichten kann und wie Sprache verwendet werden kann“, sagt Pressesprecher Roman Jauch. Auch er hält Stereotype hinter nicht gendergerechten Ausdrücken für das Hauptproblem - etwa welche Vorurteile Ausdrücke wie „Krankenschwester“ oder „Putzfrau“ oder Sätze wie „fünf starke Jungs zum Tische tragen“ beinhalten.

„Wer immer nur von Ärzten, Politikern und Ingenieuren redet, erzeugt Bilder von Männern“, findet Grünen-Landtagsabgeordnete Brigitte Lösch. Frauen und alle anderen Geschlechter blieben so ausgeschlossen. „Sprache zementiert dadurch auch einen längst überholten gesellschaftlichen Status.“ Schule sei kein geschlechtsneutraler Raum. „Ob gewollt oder ungewollt, werden auch hier Geschlechterstereotype vermittelt und gelebt“, sagt Lösch. Es sei Genderkompetenz angesagt, etwa bei der Lehrerausbildung, aber auch in Unterrichtseinheiten zu dem Thema.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Daniel Born sagte, die Formen des Genderns mögen beim Schreiben nervig sein, Zeit kosten, Texte verlängern und für manche sogar hässlicher machen. „Aber sie spiegeln auch immer den Stand der Diskussion wider. Wer "„Schüler“, „Schülerinnen und Schüler“ oder „Schüler*innen“ schreibt, zeigt auch, wie sehr er oder sie oder divers sich mit der Welt auseinandersetzt.“ Ausschließlich männliche Schreibweisen würden den berechtigten Wunsch nach Sichtbarkeit aller anderen Geschlechter ignorieren. Gendern sei eine Kompetenz, die in der Schule gut aufgehoben sei. Sprache habe sehr wohl eine Wirkung, sogar eine ganz gewaltige. „Diese zu ignorieren, steht einer Kultusministerin gar nicht gut zu Gesicht“, sagte Born.

Die FDP-Fraktion unterstützt dagegen Eisenmann. „Es gibt keine schlimmere Sprachverhunzung als diese unsäglichen Gender-Sternchen“, sagte der Fraktionsvorsitzende Hans-Ulrich Rülke. Diversität sei ein inhaltliches Thema, kein sprachformales. „Als solches sollte es auch behandelt werden.“

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Erstellt:
18. Juni 2020, 06:12 Uhr

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