Enges Zeitfenster für die Landwirte

Bedingt durch die feuchte und kalte Phase zu Beginn des Jahres fällt der Ertrag der diesjährigen Ernte unterdurchschnittlich aus, wie uns Akteure der Agrarbranche mitteilen. Auch die kurze Hitzephase im Juli konnte die Ertragseinbußen der Landwirte nicht mehr wettmachen.

Unser Foto zeigt Werner Pretzel aus Unterweissach beim Ernteeinsatz mit seinem Mähdrescher im vergangenen Jahr.  Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Unser Foto zeigt Werner Pretzel aus Unterweissach beim Ernteeinsatz mit seinem Mähdrescher im vergangenen Jahr. Foto: A. Becher

Von Bernhard Romanowski

Backnang. Laut Werner Pretzel fällt die Erntebilanz ernüchternd aus. „Man denkt immer, wenn es nicht zu heiß ist, seien die Erträge besser. Aber nachdem ich mit vielen Landwirten gesprochen habe, wird klar: Es waren zu wenig Sonnenstunden dieses Jahr. Und ohne Sonne ist kein Leben“, erklärt der Landwirt aus Unterweissach. Im Februar sei es einfach zu lange zu nass und zu kalt gewesen. Im Juli dann kamen ein paar Tage, in denen es sehr heiß war. Das alles hat sich in der Vegetation niedergeschlagen.

Beim Ernten des Weizens sehe man nun viele kleine Körner, berichtet Pretzel. Er vermutet einen Zusammenhang mit der vermehrten Bildung von Nebentrieben an den Pflanzen. „Die Pflanze wusste aufgrund der Witterung nicht: Soll ich reduzieren oder soll ich Nebentriebe hochziehen“, so seine anschauliche Erläuterung. Bei den Ölsaaten wie beispielsweise Raps und Soja und eben auch beim Weizen ziehen international die Preise an, wie auch Pretzel nicht entgangen ist. Die Ernten in den USA und in Kanada fallen ebenfalls nicht üppig aus, vermutlich auch in Russland und seinen Nachbarstaaten nicht. Von daher stehe die Konkurrenz der deutschen Bauern auch nicht besser da, meint er. In der Backnanger Bucht falle die Ernte normalerweise nicht schlecht aus, weil das Klima hier günstig ist, so der Unterweissacher. Pretzel: „Die Ernte der Wintergerste fiel tatsächlich nicht schlecht aus. Nur sind eben viele kleine und schmale Körner dabei, die Qualität ist also eher schlecht, das Hektolitergewicht dürfte diesmal also eher mäßig ausfallen.“

Das Zeitfenster der Ernte einzuhalten, das dieses Jahr sehr eng sei, stelle für die Landwirte eine echte Herausforderung dar. So umschreibt Jürgen Maurer das Ernteszenario 2021 im Einzugsbereich des Bauernverbands Schwäbisch Hall – Hohenlohe – Rems, dem Maurer vorsitzt und zu dem auch die Region Backnang gehört. „Ursprünglich hatten wir für dieses Jahr eine Rekordernte erwartet. Aber die Erträge sind nun doch nicht wie erwartet. Es gab einfach zu wenig Sonnenstunden im Zuge der langen Regenperiode“, schildert Maurer. Idealerweise sollte der geerntete Weizen eine Feuchte von weniger als 15 Prozent aufweisen, bevor er eingelagert wird. Doch das Getreide ist Maurer zufolge nicht trocken genug: „Und die Körner sind nicht so voll, nicht so bauchig, wie sie sein sollten.“ Demnach spricht er von einer unterdurchschnittlichen Ernte, die dieses Jahr eingefahren wird.

Generell führte die viele Feuchtigkeit zu mehr Fruchtfäule und dadurch zu Ertragseinbußen.

Die Weizenernte auch im Backnanger Raum sei allerdings noch nicht ganz abgeschlossen. Das ist aber offenbar kein regionales Phänomen, wie Maurer im Telefonat mit unserer Zeitung anmerkt, während er gerade geschäftlich in Thüringen unterwegs ist. „Ich sehe hier gerade etliche große Flächen, die auch noch nicht abgeerntet sind. Obwohl die Größenverhältnisse hier natürlich auch andere sind.“ Maurer, der einen landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetrieb mit Schweinen und Hühnern und ein Lohnunternehmen in Kupferzell betreibt, hat am Samstag vor acht Tagen seinen Weizen eingefahren. Um die Ernte zügig in die Scheuer zu bringen, hat er dafür zusätzliche Mähdrescher gemietet. Beim Raps, so der 49-Jährige weiter, habe die Ernte gepasst, sei also erwartungsgemäß gut ausgefallen. Bei der Wintergerste sei der Ertrag eher mäßig, auch beim Weizen sehr verhalten und beim Hafer deutlich unterdurchschnittlich ausgefallen. Mt Blick auf die Getreidesorte Triticale bemerkt er ebenso: „Mäßig. Die Frucht hat nicht geliefert. Beim Soja steht die Ernte Mitte bis Ende September an. Das wird spannend.“ Maurer macht sich indessen auch nicht bange, seine Meinung zu sagen, wenn man ihn auf das Stichwort Klimawandel und die Frage anspricht, ob dieser nun tatsächlich menschengemacht oder eher ein wahlkampfträchtiges Politikum sei.

„Klimawandel hat es immer gegeben. Eiszeit und Heißzeit wechselten sich in der Erdgeschichte immer ab. Als wirklich gute Klimaschützer haben sich bislang aber stets die Landwirte erwiesen“, so der Bauer aus Kupferzell. Wobei es auch im Agrarbereich noch einige Potenziale zu heben gebe, was die Vielfalt der Sorten und die Techniken der Produktion angeht, wie er einräumt. Die Politik müsse der Landwirtschaft Spielräume zugestehen. Die Ernte zum Beispiel sei witterungsbedingt kein Ereignis, das man immer punktgenau terminieren könne. „Wie Planwirtschaft aussieht, haben wir seinerzeit gesehen. Das funktioniert nicht“, so Maurer. Die Landwirte brauchten kein starres Korsett, sondern Flexibilität, um Natur- und Klimaschutz umsetzen zu können. „Man muss mit den Praktikern reden und auf sie hören“, so Maurers selbstbewusstes Statement im Sinne seines Berufsstands.

Für alle Früchte gelte: Generell führte die viele Feuchtigkeit zu mehr Fruchtfäule und dadurch zu Ertragseinbußen. So bewertet man die diesjährige Ernte beim Landwirtschaftsamt des Rems-Murr-Kreises, das in Backnang ansässig ist und wo die Erntebilanz etwas versöhnlicher ausfällt. „Die Herausforderungen hinsichtlich des Wetters waren dieses Jahr zwar groß. Es gab und gibt aber trotzdem ordentliche Ernten und die Niederschläge waren für die gesamte Vegetation, vor allem auch für den Wald, sehr wichtig“, so die Behörde auf unsere Nachfrage.

In anderen Jahren gebe es andere wetterbedingte Herausforderungen wie Dürren, Frost oder Hagel, von denen der Rems-Murr-Kreis dieses Jahr weitestgehend verschont geblieben sei.

Erntebilanz des Landwirtschaftsamts Rems-Murr

Obst Im Streuobstbereich erwartet man im Landwirtschaftsamt eine durchschnittliche bis etwas geringere Ernte, die aber stark sorten- und lageabhängig ist. Im Tafelobstbereich traten kurz vor der Blüte einige Frostnächte auf, was zur Schädigung bei einigen Apfelsorten geführt hat. „In der Folge kann daher kein voller Ertrag erwartet werden“, so die Mitteilung.

Kirschen/Himbeeren Die Wärme im späten Frühjahr und viel Feuchtigkeit führten zu vermehrten Kirschessigfliegen. Dies beeinträchtigte Sauerkirschen, späte Süßkirschen und auch Himbeeren, wie die in Backnang ansässige Kreisbehörde mitteilt.

Feldfrüchte Bedingt durch das kühle Frühjahr waren die Getreidebestände bis Anfang Juni sehr gesund. Durch die Wärme und Feuchtigkeit ab Juni gab es vermehrt Probleme mit Pilzen. Starkregenereignisse haben in einigen Regionen des Kreises zudem für Schäden gesorgt. Die Getreideernte hat sich sehr lange, bis Mitte/Ende August, hingezogen, da aufgrund der schlechten Wetterverhältnisse die üblicherweise früheren Erntezeitpunkte nicht möglich waren. Insgesamt dürften viele Landwirte von den Erträgen und der Qualität der Getreideernte 2021 eher enttäuscht sein, meint man auch im Landwirtschaftsamt.

Grünland Der viele Regen sorgte dafür, dass es im Grünland zu reichen Erträgen kam. Allerdings musste der richtige Zeitpunkt mit ein paar Tagen trockenem und heißem Wetter erwischt werden, damit das Heu sicher eingefahren werden konnte.

Wein Die Traubenernte ist durch das feuchte Wetter einem hohen Pilzdruck (Peronospora) ausgesetzt, was für die Winzer im Landkreis eine Herausforderung im Pflanzenschutz bedeutet.

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Erstellt:
1. September 2021, 06:00 Uhr

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