Erziehen mit wenig Stress und viel Freude

„Kess erziehen“ zeigt Eltern verschiedene Möglichkeiten auf, um Erziehung konfliktfreier und lösungsorientierter zu gestalten. Dieses Programm der Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung gab es in Backnang bisher noch nicht.

Liebevolle Zuwendung auf Augenhöhe ist wichtig. Es geht darum, die sozialen Grundbedürfnisse des Kindes zu erkennen und zu achten, seine Verhaltensweisen zu verstehen und so angemessen darauf zu reagieren. Foto: Adobe Stock/Photographee.eu

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Liebevolle Zuwendung auf Augenhöhe ist wichtig. Es geht darum, die sozialen Grundbedürfnisse des Kindes zu erkennen und zu achten, seine Verhaltensweisen zu verstehen und so angemessen darauf zu reagieren. Foto: Adobe Stock/Photographee.eu

Von Simone Schneider-Seebeck

BACKNANG/WINNENDEN. Simone Gugliuzza ist Sozialpädagogin und arbeitet seit sieben Jahren bei der ambulanten Jugendhilfe der Paulinenpflege Winnenden. Sie ist mittendrin in der Familienarbeit, geht in Familien, unterstützt bei Erziehungsarbeit und dem ganz normalen Alltagsleben. „Aus unterschiedlichen Gründen gibt es in Erziehungsfragen viel Verunsicherung“, hat sie durch ihre Arbeit erfahren. „Die Erziehungsziele heute unterscheiden sich oft sehr von den Erfahrungen, die die Eltern selbst gemacht haben.“ Vor einigen Jahrzehnten etwa herrschte noch ein sehr autoritärer Erziehungsstil vor, dann wurde die antiautoritäre Erziehung propagiert, mittlerweile wird „autoritativ“ erzogen – mit einer Mischung aus natürlicher Autorität, bei der einerseits durch liebevolle Begleitung der Eltern notwendige Grenzen gesetzt werden, andererseits auch ausreichend Freiraum für die Entwicklung des Kindes gelassen wird. Wobei es selbstverständlich auch vorkommt, dass Eltern zwar den Kindern liebevoll zugewandt sind, sie jedoch gleichzeitig stark kontrollieren wollen.

Die Selbstständigkeit des Kindes in seinem Handeln soll gefördert werden.

Unterschiedliche Erziehungsstrukturen prallen heutzutage aufeinander, was einerseits den verschiedenen Erfahrungswelten der Eltern geschuldet ist, andererseits auch den Einflüssen des Umfelds. Das führt oft zu Verunsicherung, wie denn nun „richtige Erziehung“ gehen soll. Da Gugliuzza zwar einen pädagogischen Hintergrund, aber keine Erzieherinnenausbildung hat und sich im Bereich frühkindlicher Pädagogik und Entwicklungspsychologie weiterbilden wollte, suchte sie nach einem passenden Konzept, um mehr Kompetenzen für die Arbeit mit Eltern zu erwerben, und sie stieß dabei auf „Kess erziehen“.

Die vier Buchstaben des Wortes „kess“ stehen für kooperativ, ermutigend, sozial und situationsorientiert. Bei dem Konzept, das die katholische Familienbildung Anfang der 2000er-Jahre als familienstärkendes Programm entwickelt hat, wird ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt, die körperlichen, psychischen und seelischen Bedürfnisse des Menschen werden in ihrer Gesamtheit betrachtet. „Man braucht immer ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe“, so die Sozialpädagogin. Bei kleineren Kindern ist das meistens die Familie, bei älteren Kindern werden beispielsweise die Freunde immer wichtiger.

Im Kurs „Kess erziehen“ werden an fünf Abenden verschiedene Themen besprochen. Es geht darum, die sozialen Grundbedürfnisse des Kindes zu erkennen und zu achten, seine Verhaltensweisen zu verstehen und so angemessen darauf zu reagieren. Es soll jedoch auch dabei begleitet werden, Folgen des eigenen Handelns zu erkennen und auszuhalten. Es geht um gemeinsame Problemlösungen und die Förderung von Selbstständigkeit, aber auch um die Kooperation innerhalb der Familie.

Das ganze Konzept ist darauf angelegt, die Fähigkeiten und Talente des Kindes zu sehen und zu unterstützen und nicht das Nichtkönnen zu betonen. Gemeinsam mit den Eltern wird ein anderer, neuer Blick auf das Kind entwickelt. „Das Ziel des Kurses ist, einen respektvollen Umgang miteinander zu pflegen und Erziehung nicht zur Machtfrage zu erheben“, erklärt Simone Gugliuzza. Allerdings dürfe man auch nicht überbehütend werden. Eltern lernen im Kurs daher ebenso, sich zurückzuhalten, wenn das Kind einmal scheitert.

Seit sie vor zwei Jahren die entsprechende Ausbildung gemacht hat, konnte sie viele Ideen bereits während ihrer Arbeit bei der ambulanten Betreuung anwenden. Besonders gut gefällt ihr beim „Kess“-Konzept, dass der Kurs ermutigende Impulse setzt und dass der Zeitraum mit fünf Abenden recht überschaubar ist. Zudem können Teilnehmer den Kurs über das Landesprogramm Stärke teilweise oder ganz finanziert bekommen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der gegenseitige Austausch untereinander. „Die Eltern sollen ermutigt werden, ihr Bestes zu geben. Und das“, so hat Gugliuzza festgestellt, „machen Eltern eigentlich auch immer so gut, wie sie es können.“

Simone Gugliuzza

© privat

Simone Gugliuzza

Kurs nicht für die Allgemeinheit

Der Kurs „Kess erziehen – weniger Stress, mehr Freude“ richtet sich an Eltern mit drei- bis zehnjährigen Kindern. Ursprünglich hätte der Kurs im März im Kinderfamilienzentrum Ki-Faz in Backnang stattfinden sollen. Doch coronabedingt musste er abgesagt werden.

Nun wird der Kurs zunächst intern nur für Eltern eines Kindergartens stattfinden. In absehbarer Zeit soll er jedoch auch wieder öffentlich angeboten werden.

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Erstellt:
7. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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