„Es gibt keine grundsätzliche Pflegemisere“

Der Leiter des Pflegediensts am Rems-Murr-Klinikum Winnenden, Matthias Haller, weist die in der Berichterstattung und in Leserbriefen formulierten Vorwürfe zurück und würdigt im Gegenzug die Leistung des Pflegepersonals in den Zeiten der Pandemie.

Matthias Haller war einst Krankenpfleger und Betriebsratsvorsitzender und leitet heute den Pflegedienst. Er stellt sich vor die Pflegekräfte. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Matthias Haller war einst Krankenpfleger und Betriebsratsvorsitzender und leitet heute den Pflegedienst. Er stellt sich vor die Pflegekräfte. Foto: J. Fiedler

Winnenden. Auch wenn immer wieder Klagen über Missstände im Bereich der Pflege am Rems-Kurr-Klinikum laut werden und in der Berichterstattung oder in Leserbriefen Niederschlag finden, so betont Matthias Haller unbeirrt, dass es sich dabei nur um wenige Einzelfälle handelt. Zudem garantiert der Pflegedienstleiter des Standorts Winnenden, dass jeder Klage nachgegangen werde und Konsequenzen gezogen würden. Im Interview würdigte er voller Überzeugung die außerordentliche Leistung der Pflegekräfte während der Pandemie.

Gibt es in Ihren Augen die in der Berichterstattung und in den Leserbriefen geschilderte Misere im Bereich der Pflege oder handelt es sich um Einzelfälle?

Meiner Meinung nach wurden Ihnen Einzelfälle berichtet, das ist absolut korrekt. Auch bei uns im Beschwerdemanagement kommen Einzelfälle zur Sprache. Aber dadurch von einer grundsätzlichen Misere im Rems-Murr-Klinikum Winnenden zu reden ist nicht richtig. Die Einzelfälle sind schlimm genug, wenn sie sich so zugetragen haben, aber es gibt keine grundsätzliche Pflegemisere im Rems-Murr-Klinikum.

Könnte es sein – weil die Klagen gerade jetzt kommen –, dass ein Grund ist, dass die Kontrolle durch die Angehörigen in den Zeiten der vorherrschenden Coronabeschränkungen weggefallen ist?

Die Angehörigen waren nie zur Kontrolle da, sondern zur Unterstützung und Begleitung der Patienten, ein extrem wichtiger Punkt, das ist richtig. Diesen Part musste in den Coronazeiten die Pflege komplett übernehmen. Das war eine zusätzliche deutliche Belastung für die Pflegekräfte, die sie meiner Meinung nach hervorragend gemeistert haben. Aber so wie es aussieht nicht zur Zufriedenheit eines jeden Patienten.

Es gibt Stimmen, die sagen, dass die Belastung der Pflegekräfte durch pflegeferne Arbeiten wie die Dokumentationspflicht stark gestiegen ist. Kann das ein Grund sein, dass die Pflege zuweilen zu kurz kommt?

Wir haben sehr viel zu dokumentieren, aber das ist auch wichtig für die Ausübung unserer Tätigkeit. Wir brauchen eine Pflegeamnesie, eine Pflegeplanung oder eine Pflegedokumentation. Da geht es auch um die Sicherheit der Patientenbetreuung, um die Informationsweitergabe von der Früh- zur Spät- oder Nachtschicht. Wir müssen auch dokumentieren, um Leistungen darzulegen. Tatsächlich ist das aber keine zusätzliche Belastung. Wir haben für diese routinemäßigen administrativen Aufgaben zusätzliche Mitarbeiter eingestellt. Stationssekretäre und -sekretärinnen etwa sind oft Arzthelfer und Arzthelferinnen, medizinische Fachangestellte oder erfahrene Krankenschwestern, die vom Stationsalltag ein bisschen zurücktreten wollen. Sie nehmen den Pflegekräften ganz viel Arbeit ab. Die Dokumentation ist nötig und zusätzlich, aber es hindert einen nicht, Pflege auszuüben.

Ist es korrekt, dass die Rems-Murr-Kliniken an beiden Standorten insgesamt 110 zusätzliche Planstellen im Bereich Pflege dazubekommen haben?

Mehr noch, wir haben nicht nur die Stellen bekommen, sondern auch die Menschen. Das ist nicht nur eine Zahl auf dem Papier, sondern wir haben im Vergleich zu 2019 sehr viele Pflegestellen aufgebaut.

Ist jetzt der Pflegeschlüssel in Ihren Augen ausreichend?

Ausreichend Ja in dem Sinne, dass wir die Pflegepersonaluntergrenzen einhalten. Ausreichend aus Sicht des Patienten eher nicht. Da existiert oft die Erwartung nach einer noch besseren Betreuung. Diese ist heute deutlich besser als 2019 und in dem Sinne ausreichend. Es gibt aber immer einzelne Schichten, bei denen wir diesen Pflegeschlüssel nicht halten können. Das ist der Natur der Sache geschuldet. Wenn sich um 6 Uhr die Frühschicht krankmeldet, dann fehlt bis 8 Uhr eine Pflegekraft, dann müssen wir Prioritäten setzen und können nicht jeden Wunsch sofort erfüllen.

Wenn Sie aber sagen, dass Sie jetzt mit den zusätzlichen Stellen die Untergrenzen einhalten können, was hat dies für die Pflege bedeutet, als es diese 110 Stellen noch nicht gab?

Die Untergrenzen wurden zuletzt nochmals verschärft. Aber jetzt fällt es uns deutlich leichter, das Soll zu erfüllen. In der Vergangenheit musste ich immer Personal verschieben. Jetzt kann ich eine auskömmlichere Stationsbesetzung gewährleisten.1

Während der Coronawellen waren deutlich weniger „normale“ Patienten im Haus. Viele Operationen wurden verschoben oder Krankenhausaufenthalte erst gar nicht angetreten. Die Pflege auf den Nicht-Corona-Stationen hätte sich dadurch eigentlich vereinfachen müssen, oder?

Coronapatienten zu betreuen war eine extrem belastende Situation und der Aufwand, diese Patienten zu begleiten, ungeheuer hoch, auch vor dem Hintergrund, dass eben die Angehörigen nicht da waren. Man musste das alles auffangen, schwerst kranke Patienten begleiten und seelsorgerisch tätig sein. In der Pandemiesituation war die Belastung – auch die psychische – für die Pflegekräfte extrem. Zudem muss jede Pflegekraft auch mit ihren persönlichen Ängsten erst einmal klarkommen.

Das gilt selbstverständlich für Abteilungen wie die Coronaintensivstation. Aber die Klagen bezogen sich nicht auf diese, sondern auf ganz „normale“ Abteilungen.

Wir mussten während der Pandemie großflächig und flexibel Personal verschieben in Coronabereiche. Teilweise auch, um Personal zu schulen und vorzuhalten für den Fall, dass noch mehr Patienten kommen. Zum Beispiel mussten die Mitarbeiter der Kardiologie großflächig geschult werden. Wir mussten aber auch Personal von der Geriatrie auf andere Stationen verlagern. Da gab es eine relativ große Unruhe. Das geschah immer vor dem Hintergrund, möglichst gewappnet zu sein für noch mehr Patienten. In der ersten Welle hatten wir alle diese Bilder von Bergamo vor Augen. Wir mussten Kapazitäten schaffen und Stationen umrüsten, was wir auch gemacht haben. All das war ein extremer Aufwand und sehr belastend für alle Mitarbeiter. Es gibt eigentlich keinen im gesamten Haus, der sagen kann, Corona ging völlig spurlos an mir rüber.

Wurde dadurch zum Beispiel die Geriatrie vernachlässigt?

Es war insgesamt eine instabilere Situation, aber deswegen haben wir keine Abteilung vernachlässigt. Der Stellenschlüssel auf der Geriatrie zum Beispiel wurde auf keinen Fall verschlechtert.

Oft gab es Kritik an den Sprachkenntnissen der Pflegekräfte. Zu Recht?

Man kann nicht pauschal sagen, dass alle die deutsche Sprache beherrschen. Aber es sind die wenigsten Mitarbeiter, die nicht Deutsch als Muttersprache haben. Das sind weniger als zehn Prozent, vermutlich geht der Wert eher in Richtung fünf Prozent. Einzelfälle gibt es, deshalb glaube ich, dass die Klagen berechtigt sind. Aber die Mitarbeiter haben alle mindestens einen B-2-Kurs. Damit zu kommunizieren ist zugegebenermaßen schwierig, vor allem, wenn es um die Umgangssprache geht oder auch die Patienten tiefsten Dialekt sprechen.

Hapert es zuweilen am Einfühlungsvermögen?

Nein. Grundsätzlich gilt: Wer den Pflegeberuf erlernt, der macht dies, weil er tief in der Seele Empathie hat. Wenn es im Einzelfall ein Problem gegeben haben sollte, dass also dieses Einfühlungsvermögen in einer Stresssituation nicht vorhanden war, dann gehen wir jeder Beschwerde nach.

Und wenn es doch einmal am Engagement einer einzelnen Pflegekraft mangelt?

Wenn das tatsächlich so ist, dann gehen wir mit diesem Mitarbeiter ins Gespräch. Wir arbeiten jeden Fall auf, der uns bekannt wird. Wir fragen: Warum kam es dazu? Braucht der Mitarbeiter eine Schulung? Hat er grundsätzlich ein Problem? Hat er im Moment eine Stresssituation, aufgrund derer er sich nicht so einbringen kann, wie es eigentlich seiner Art entspricht?

Gibt es auch Sanktionen?

Ja, wenn es gar nicht funktioniert. An dem Gerücht, wir halten an jeder Kraft fest, bloß weil wir in Deutschland einen Pflegenotstand haben, ist nichts dran. Wir trennen uns von Mitarbeitern nach Ablauf der Probezeit oder bieten ihnen einen anderen Arbeitsplatz an, wenn es denn hart auf hart kommt. Anerkennungspraktikanten, die sich auf den Weg machen, die Anerkennung in Deutschland zu bekommen, erhalten einen befristeten Arbeitsvertrag. Und am Ende dieser Frist wird entschieden, ob es eine Entfristung gibt oder nicht. Es wird definitiv nicht jeder automatisch übernommen.

Wie weit gehen Sie im Hinblick auf die Landesgrenzen mittlerweile, wenn es um die Akquise von neuen Pflegekräften geht?

Wir sind inzwischen doch weit bis nach Südosteuropa unterwegs, das ist tatsächlich so. Aber den Großteil unserer Mitarbeiter generieren wir immer noch aus der eigenen Schule, unserem Bildungszentrum. Dort können wir bis zu 100 Ausbildungsplätze anbieten. Das ist unsere wichtigste Quelle. Die Absolventen bleiben nicht alle hier im Haus, das ist schon richtig. Ein Teil geht nach Schorndorf, ein Teil ins ZfP und natürlich geht ein Teil auch in die Langzeitpflege oder in den ambulanten Dienst. Manche sagen am Ende der Ausbildung, das war sowieso nicht das Richtige für mich, oder sie gehen nach Stuttgart in ein größeres Haus. Natürlich werben wir auch Mitarbeiter aus Ludwigsburg, Stuttgart, Schwäbisch Hall oder Esslingen ab, aber das hält sich die Waage, das gilt umgekehrt genauso. Unterm Strich brauchen wir noch mehr Mitarbeiter, deswegen werben wir auch um Mitarbeiter aus anderen Ländern Europas. Und da sind wir momentan bis Kosovo, Nordmazedonien oder Albanien unterwegs. Unterstützt werden wir dabei von der Personalagentur Becon, die sich auch um die Integration dieser Menschen kümmert. Sie bietet ein Integrationskonzept an, zu dem auch Sprachkurse und Sprachtests dazugehören. Die Menschen aus diesen Ländern sind alle höchst motiviert, aber sie brauchen natürlich ihre Zeit, bis sie die deutsche Kultur ein bisschen besser verstehen und lernen, wie sie mit deutschen Patienten umgehen sollen.

Kann es auch ein Problem sein, dass die Erwartungshaltung vieler Patienten höher ist als das, was die Pflegekräfte aus dem Heimatland zum Beispiel kennen?

Diese Pflegekräfte möchten die Erwartungen natürlich erfüllen. Wir haben auf der Station vielmehr ein anderes Problem. Wir haben 30 Patienten, und die Erwartung jedes einzelnen Patienten ist per se betrachtet berechtigt, aber ich kann nicht alles gleichzeitig erfüllen. Ich muss Prioritäten setzen, ich habe OP-Phasen und vieles mehr. Da kollidieren wir mit der Erwartungshaltung des Patienten, der sein Bedürfnis jetzt hat. Die Frage lautet: Wie kriege ich das in diesen Gesamtablauf der Station integriert? Das ist eine Herausforderung, der wir uns täglich stellen müssen.

Das Gespräch führte Matthias Nothstein.

Matthias Haller

Ausbildung Matthias Haller lernte ab 1982 am Kreiskrankenhaus Backnang Krankenpfleger und arbeitete in der Nachsorgeklinik Bethel Welzheim und im Kreiskrankenhaus Waiblingen. Von 1990 bis 1992 absolvierte er eine Weiterbildung Innere Medizin und Intensivmedizin im Katharinenhospital Stuttgart. Von 2011 bis 2015 studierte Haller Gesundheitsökonomie an der Apollon Hochschule der Gesundheitswirtschaft Bremen.

Pflegedienstleitung Seit der Eröffnung des Rems-Murr-Klinikums Winnenden im Juli 2014 ist Matthias Haller der Leiter des Pflegediensts am Standort Winnenden. Zudem ist er Mitglied der Klinikleitung und verantwortlich für das therapeutische Team und das zentrale Belegungsmanagement. 2014 hatte er bereits drei Monate lang die kommissarische Pflegedienstleitung für die Standorte Backnang und Waiblingen übernommen. Von 2009 bis Juni 2011 war Haller freigestellter Betriebsratsvorsitzender der RMK-Standorte Backnang und Waiblingen und Aufsichtsratsmitglied der RMK gGmbH.

Persönliches Haller ist 60 Jahre alt und in Schorndorf-Weiler aufgewachsen. Er wohnt heute in Winnenden-Birkmannsweiler, ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

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Erstellt:
29. Juli 2021, 06:00 Uhr

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