„Es hat immer mit Leid zu tun“

Interview 2011 gründete Oskar Eyb die Agentur 7aktuell. Sie beliefert Fernsehredaktionen und Zeitungen – darunter auch die BKZ – mit Berichten, Videos und Fotos von aktuellen Ereignissen und Unfällen aus der Region. Für die Fotojournalisten ist das mental oft herausfordernd.

Auch bei Polizeikontrollen, hier während der Ausgangsbeschränkungen im Lockdown, filmt und fotografiert Oskar Eyb. Foto: 7aktuell.de/S. Adomat

Auch bei Polizeikontrollen, hier während der Ausgangsbeschränkungen im Lockdown, filmt und fotografiert Oskar Eyb. Foto: 7aktuell.de/S. Adomat

Rems-Murr. Der Anblick von Unfallorten, von Polizisten und Feuerwehrleuten im Einsatz, von zerbeulten Autos, kaputten Motorrädern und, ja, auch von Verletzten oder Toten ist für Oskar Eyb schon lange nicht mehr außergewöhnlich. Seit dem Jahr 2004 verdient der Fotojournalist sein Geld damit, Bilder von Unfällen, Bränden und Naturkatastrophen, sogenannte Blaulichtfotos, zu machen. Manche Einsätze sind ihm nachhaltig in Erinnerung geblieben.

Herr Eyb, können Sie sich an Ihren ersten Blaulichteinsatz erinnern?

Der erste Unfall, bei dem ich fotografiert habe, war auf einer Kreuzung in Kirchheim unter Teck. Es war Nacht, das Auto lag auf dem Dach, die Polizei und die Feuerwehr waren im Einsatz. Ich habe Bilder für die dortige Lokalzeitung Teckbote gemacht.

Wie war das für Sie?

Es war auf jeden Fall etwas anderes als die üblichen Bilder von Scheckübergaben, Vereinstreffen oder Fußballspielen. Es war spannend – vor allem zu sehen, wie die Feuerwehr bei so einem Einsatz arbeitet. Ich habe nach wie vor den größten Respekt vor ihrer Arbeit. Die Einsatzkräfte sind ganz vorne dran, sie arbeiten mit den Verletzten, bergen die Toten. Und sie machen das alles ehrenamtlich, in der Regel. Wir Fotografen sehen, was passiert, nur durch den Sucher.

Hatten Sie jemals Skrupel, dramatische Szenen wie diese zu fotografieren?

Anfangs schon. Einer der ersten Blaulichteinsätze, der mir stark in Erinnerung geblieben ist, war ein Kutschenunfall bei Neuffen. Ein Kollege, der bis heute bei einer Boulevardzeitung arbeitet, war schon vor Ort. Wir haben uns die Arbeit aufgeteilt. Er meinte, er gehe ein Stück nach oben, ich solle das Einladen des Verletzten in den Hubschrauber fotografieren. Da kam ich mir schon ein bisschen komisch vor. „Da soll ich jetzt draufhalten?“, habe ich gedacht. Ich hatte schon so eine Art Schamgefühl.

Macht Ihnen das Fotografieren an Unfallorten heute noch etwas aus?

Inzwischen ist es normal für mich, dass man so etwas fotografiert. Natürlich – das muss man dazusagen – ist nicht der Verletzte auf dem Bild zu sehen, sondern die Leute, die ihn tragen oder die an der Unfallstelle zu tun haben, zum Beispiel der Notarzt oder eben die Feuerwehrleute. Ihre Arbeit dokumentieren wir Fotografen.

Wie geht es Ihnen nach einem Einsatz? Lesen Sie am nächsten Tag nach, was mit den Personen von der Unfallstelle passiert ist, oder versuchen Sie eher, das Geschehene von sich fernzuhalten?

Also, im Grunde bringen wir als Agentur die Nachricht ja in die Zeitungen. Oft bekommt man da auch ein bisschen mehr mit als das, was die Polizei später kommuniziert, weil es darüber hinausgeht, was den Leserinnen und Lesern zuzumuten ist. Ich versuche, das nicht an mich heranzulassen, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Und meine Situation immer wieder mit der von denen zu vergleichen, die eigentlich vorne sind. Aber auch wenn wir Fotografen nicht so nah dran sind wie die Retter, kriegt man schon viel mit und spürt: Das ist gerade kein Kindergeburtstag. Es hat immer mit Leid zu tun. Egal ob es ein Brand ist, bei dem jemand etwas verloren hat, oder ein Unfall, bei dem einer zu Schaden kommt – selbst wenn es nur um einen Sachschaden geht, der später Ärger mit der Versicherung verursacht. Wenn man sich das vor Augen hält, dann geht es einem hinterher schon schlecht. Aber klar, im Alltag macht man das nicht. Man geht hin, macht die Fotos, informiert sich, was passiert ist, lädt das Material hoch, fährt heim. Aber ja, manche Ereignisse bleiben einem im Gedächtnis.

Wie gehen Sie und Ihr Team mit dieser psychischen Belastung um?

Ich persönlich nehme deswegen jetzt keine professionelle Hilfe in Anspruch. Was mir aber hilft, ist der Austausch mit anderen. Ein Teil unserer Mitarbeiter engagiert sich übrigens selbst bei Hilfsorganisationen wie den Notfallseelsorgern oder der Feuerwehr.

Wie sind Sie zum Blaulicht gekommen?

Während der Oberstufe habe ich frei für den Teckboten gearbeitet. Erst im Sport, später im Lokalen, dann für die News. Irgendwann habe ich gemerkt: Ich kann mit Blaulichtfotos Geld verdienen. Für mich war es spannender, nachts auf der A8 gute Bilder zu machen als tagsüber bei einem Fußballspiel. Jede Lichtsituation ist anders. Anfangs war ich auch mit dem Motorrad unterwegs, was für das Erreichen von Einsatzstellen auf Autobahnen hilfreich war.

Wie kam 7aktuell zustande?

Ich habe schnell gemerkt, dass Lokalzeitungen keine Fotos von Unfällen brauchen, die außerhalb ihres Verbreitungsgebiets passiert sind, und bin gezielt auf potenzielle Kunden zugegangen. So wurde ich quasi zur Ein-Mann-Agentur. Irgendwann haben sich andere Fotografen bei mir gemeldet und wollten mitmachen. Für den Einzelnen ist es viel schwieriger, sein Material zu vermarkten. Es war ein schleichender Übergang bis zur Gründung der Agentur 2011.

Wie groß ist Ihr Team jetzt?

Wir sind um die 30 Reporter. Und das nicht nur im Südwesten. Auch in Bayern arbeitet eine Person, in NRW, in Brandenburg. Für Backnang und Umgebung sind vor allem Simon Adomat und Kevin Lermer zuständig.

Wie viele Personen arbeiten vor Ort?

Normalerweise arbeitet ein Reporter allein. Bei Großlagen gibt es Unterstützung aus der Redaktion. Da schreiben diejenigen im Büro schon mal die Texte, machen Ankündigung, schneiden das Videomaterial und verschicken alles, damit sich die Person vor Ort auf das Geschehen konzentrieren kann.

Wie bekommen die Reporter eigentlich mit, dass ein Unfall passiert ist?

Es gibt natürlich die offiziellen Infos von der Polizei. Aber oft kommen die sehr spät, manchmal auch gar nicht, gerade bei SEK-Einsätzen. Facebook und Social Media – TikTok, Instagram, Twitter – sind für uns mittlerweile ganz wichtig. Die Nutzer kommen teilweise von sich aus auf uns zu. Auch die Verkehrsmeldungen und Wetterdienste sind hilfreich. Und persönliche Kontakte, etwa beim Rettungsdienst oder bei der Feuerwehr. Früher war das weniger komplex.

Wie ist das Verhältnis zur Polizei und den Rettungskräften? Finden sie das in Ordnung, dass Fotos gemacht werden?

In der Regel sind sie das gewohnt. Klar, das Thema Gaffen spielt da rein, das ist kritisch zu betrachten. Aber wir Fotojournalisten wissen, was man zeigen darf und was nicht, was wir pixeln müssen. Das weiß eine Privatperson gar nicht. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Blaulichtorganisationen es sogar schätzen, dass über ihren Einsatz berichtet wird. Viele posten ja auch selbst.

Was macht ein gutes Blaulichtfoto aus?

Das Wichtigste ist, nicht einfach nur lieblos draufloszuknipsen. Es heißt nicht umsonst Fotojournalismus – das Foto muss die Geschichte schon erzählen. Da kann auch mal das Ortsschild im Vordergrund sein oder der Motorradhelm, der auf dem Boden liegt.

Welche Ausrüstung ist dafür nötig?

In der Regel hat man einen Camcorder mit Mikrofon und Licht und einen Laptop, um Videos zu verschicken, dazu eine Spiegelreflexkamera. Wobei wir die ersten Motive mittlerweile mit dem Handy machen. Dann hat sie der Kunde in zwei Minuten.

War das schon immer so?

Nein. Früher ist man heimgekommen, hat gemütlich die Bilder bearbeitet und dann erst verschickt, weil selbst die Online-Redaktionen nur bis um 20 oder 21 Uhr besetzt waren. Jetzt sind die Leute bis Mitternacht da. Es gibt leider kaum noch Ansprüche an die Bilder – Hauptsache, es geht schnell.

Was hat sich seither noch verändert?

Seit drei, vier Jahren ist Bewegtbild unser Hauptgeschäft. Aber nach wie vor machen wir natürlich auch noch Fotos, klar.

Hat Ihre Arbeit auch Sie verändert?

Durch meine Tätigkeit ist mir unter anderem klar geworden, wie gut wir es in Deutschland haben. Egal wo man ist, und egal was passiert – innerhalb von wenigen Minuten ist professionelle Hilfe da.

Das Gespräch führte Melanie Maier.

Oskar Eyb

Werdegang Oskar Eyb wurde 1983 im Landkreis Esslingen geboren und wuchs in Kirchheim unter Teck auf. Von 2005 an studierte er einige Semster lang Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim. Für die Lokalzeitung Teckbote fotografierte er schon in den Jahren zuvor freiberuflich.

7aktuell Die Nachrichten- und Medienagentur 7aktuell gründete Oskar Eyb 2011. Parallel dazu baute er die Agentur 7visuals für Unternehmensfotografie, Liveübertragungen und andere Mediendienstleistungen auf. Beide haben ihren Sitz in Stuttgart.

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Erstellt:
2. Februar 2022, 06:00 Uhr

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