„Es war die reine Apokalypse“

Das Backnanger Jahrbuch beleuchtet immer lokale historische Themen, es ist quasi ein Schaufenster in die Vergangenheit. Dieser Blick zurück fällt dieses Mal aktueller denn je aus: Es geht unter anderem um Seuchen und andere Katastrophen.

Der aus Kaufbeuren stammende Hans Ulrich Franck (zirka 1596 bis 1675) hat eine Reihe von Stichen zum Dreißigjährigen Krieg angefertigt, den er aus eigenem Erleben kannte. Diese Darstellung zeigt Leichen, an denen schon die Raben fressen.

Der aus Kaufbeuren stammende Hans Ulrich Franck (zirka 1596 bis 1675) hat eine Reihe von Stichen zum Dreißigjährigen Krieg angefertigt, den er aus eigenem Erleben kannte. Diese Darstellung zeigt Leichen, an denen schon die Raben fressen.

Von Armin Fechter

BACKNANG. Das Jahr 2020 habe sich als ein Jahr erwiesen, in dem vieles anders läuft als sonst, schreibt Siegfried Janocha in seinem Geleitwort zum 28. Band des Jahrbuchs. Und der Erste Bürgermeister von Backnang fährt fort: „Deshalb freut es mich umso mehr, dass eines der schönsten jährlich wiederkehrenden Rituale, die Veröffentlichung des Backnanger Jahrbuchs, auch in diesem Jahr für etwas Kontinuität sorgt.“

Freilich, auch dies unter veränderten Vorzeichen. Wurde das Jahrbuch nämlich seither stets im Rahmen eines Altstadtstammtischs im Helferhaus öffentlich präsentiert, so ist diese Veranstaltung heuer der Coronapandemie zum Opfer gefallen. Nicht einmal die Alternative – eine Verlegung ins Bürgerhaus – wäre möglich gewesen, erläutert Stadtarchivar Bernhard Trefz. Dennoch: Das Buch ist da, es ist ab sofort im Buchhandel zu haben. Trefz und der Murrhardter Historiker Gerhard Fritz haben als gemeinsame Herausgeber jetzt dafür einen symbolischen Startschuss gegeben – umständehalber eben in einer kleinen Runde.

Inhaltlich bietet das Jahrbuch einmal mehr ein breites Spektrum ganz unterschiedlicher Themen. Aber was wäre in diesem außergewöhnlichen Jahr passender als ein Blick zurück auf Seuchen, die Backnang in vergangenen Zeiten heimgesucht haben? Gerhard Fritz, der selbst viele Jahre lang das Stadtarchiv betreut hatte, ehe er eine Professur an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd übernahm, widmet sich den größten Katastrophen der Backnanger Geschichte, speziell der Pest im 17. Jahrhundert, die viermal über die Stadt hereinbrach. Die damaligen Epidemien haben sich – allein von der Zahl der Todesopfer betrachtet – noch weitaus verheerender auf die Bevölkerung ausgewirkt als bislang die Coronapandemie.

Den Raubzügen und der Pest folgten Hungersnöte und ein Stadtbrand.

Fritz räumt auch mit der Vorstellung auf, die Ausbreitung der Krankheit stehe stets im Zusammenhang mit dem Militär. 1626, als die Pest in Backnang am schlimmsten wütete, war der Dreißigjährige Krieg fern, kein Soldat weit und breit. Erst nach der Schlacht bei Nördlingen 1634 waren es siegreiche Truppen, die plündernd und mordend durchs Land zogen und die Pest wieder nach Backnang brachten. Den Raubzügen der entfesselten Soldateska folgten eine Hungerkatastrophe und ein von einquartierten Einheiten ausgelöster Stadtbrand. „Es war die reine Apokalypse“, beschreibt Fritz die Verhältnisse 1635/36.

In einem weiteren Text, für den Fritz verantwortlich zeichnet, geht es um den 1953 verstorbenen Reichenberger Forstmeister Theodor Hepp. Dessen Erinnerungen, die er kurz vor seinem Tod niederschrieb, stellen ein herausragendes Stück Zeitgeschichte dar, wie die Jahrbuch-Herausgeber erklären. Hepp war im Ersten Weltkrieg als Offizier an der „vergessenen Front“ Bulgarien im Einsatz. In der Nazizeit machte der weit über Oppenweiler hinaus bekannte und beliebte Forstmeister kein Hehl aus seiner Feindschaft zu den Machthabern.

Hepps Aufzeichnungen haben Unterhaltungswert. Eine Anekdote, die heute noch erzählt wird, rankt sich um das Dienstpferd, mit dem Hepp – anstelle eines Dienstwagens – unterwegs war. Das kluge Tier fand nämlich, wenn der Reiter etwas zu viel getrunken hatte, den Weg nach Hause auch nächtens ganz alleine. Nur einmal nicht: Da trottete es durch die Eingangstür der katholischen Kirche, wo man den Forstmeister dann schlafend fand. Gefährlich waren diese abendlichen Ritte aber, weil Hepp seinem Hass auf Hitler immer wieder lautstark und überdeutlich Ausdruck verlieh. Die Lebenserinnerungen werden in zwei Teilen, in diesem und im nächsten Backnanger Jahrbuch, veröffentlicht.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren gab dem Stadtarchivar Anlass, zwei bisher unveröffentlichte Quellen zu präsentieren: Ausführungen des Backnanger Stadtamtmanns Eugen Wohlfarth zu den letzten Kriegstagen für das Statistische Landesamt und persönlich gefärbte Tagebucheintragungen des damaligen Bürgermeisters Albert Rienhardt.

Trefz befasste sich darüber hinaus mit dem Generalstreik von 1920 in Backnang. Er fällt in die Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, die in Deutschland geprägt war von zahlreichen Streiks, mit denen vor allem linke Aufständische versuchten, die junge, noch nicht sattelfeste Weimarer Republik zum Wanken zu bringen und eine Räterepublik nach sowjetischem Vorbild zu errichten. In Backnang kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den streikenden Arbeitern und der Staatsmacht, die nur haarscharf an einem Blutvergießen vorbeischrammten.

Ein anderes Thema, das bei vielen älteren Lesern Reminiszenzen wecken dürfte, ist die Geschichte des Backnanger Traditionsunternehmens Hahn. Die Firma entwickelte sich von einer Mechanikerwerkstatt zu einem bedeutenden südwestdeutschen Fahrradhersteller. Hans-Jörg Gerste, der auch bei einem Altstadtstammtisch schon über das Thema referiert hat, stellt die Entwicklung in einem Aufsatz mit zahlreichen Fotos dar. Das Thema soll nächstes Jahr mit einer Ausstellung im Technikforum und einer Sternfahrt auf Rädern vertieft werden.

Die Spanne der Beiträge reicht von den Römern bis ins 20. Jahrhundert.

Doch das ist noch nicht alles: Adolf Hasenauer wartet mit weiteren volkstümlichen Überlieferungen auf, Heiner Kirschmer begibt sich in Sachen römischer Gutshof bei Steinbach auf Spurensuche, Klaus J. Loderer geht auf die Baugeschichte des 1921 eröffneten Backnanger Postamts in der Bahnhofstraße ein, und Roland Idler beschreibt das bewegte Leben des Wissenschaftlers und Lehrers Imanuel Strohhäcker, der an der Backnanger Oberschule tätig war.

Als Nachfolger für Heiner Kirschmer, der seine Chronistentätigkeit fürs Backnanger Jahrbuch beendet hat, fasst jetzt Andreas Kozlik die wichtigsten Ereignisse in Backnang des Jahres 2019 zusammen. Abgerundet wird das Jahrbuch durch Rezensionen, Beiträge zu Jubiläen, Mitteilungen des Heimat- und Kunstvereins sowie Tätigkeitsberichte des Stadtarchivs und des Technikforums.

Das Backnanger Jahrbuch, Band 28, 2020, Fr.-Stroh-Verlag, Backnang, hat 318 Seiten und ist für 18,50 Euro im Buchhandel und bei der Backnanger Kreiszeitung erhältlich. ISBN 978-3-927713-65-9.

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Erstellt:
23. November 2020, 06:00 Uhr

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